Unterentfelden

«Fusion könnte Energieschub sein»: SP-Grossratskandidatin Lucia Engeli über Zukunftsraum

Oberärztin Lucia Engeli (SP), hier im Innenhof des KSA, kandidiert für den Grossen Rat.

Oberärztin Lucia Engeli (SP), hier im Innenhof des KSA, kandidiert für den Grossen Rat.

Die KSA-Oberärztin und SP-Grossratskandidatin Lucia Engeli sieht für Unterentfelden viele Chancen im Projekt Zukunftsraum. Mit einer ganzen Stadt im Hintergrund hätte man laut ihr nicht zuletzt auch mehr Budget.

Sie stammt eigentlich aus einer FDP-Familie: Lucia Engeli (38) in Wetzikon ZH aufgewachsen und seit 2014 in Unterentfelden wohnhaft. Ihr Grossvater Werner Jauslin war zwölf Jahre lang Ständerat für die FDP im Baselland. Dass zu ihr aber eher die SP passt, spürte sie schon lange. Politisch aktiv wurde sie mit der Geburt ihrer Tochter vor vier Jahren: Damals wurde Donald Trump als Präsident der USA gewählt, für Lucia Engeli ein gefühlter Weltuntergang. Sie machte sich Sorgen um die Zukunft der Welt für ihr Kind. Sie sagte sich: «Ich muss mich jetzt engagieren, sonst werde ich mir das ewig vorwerfen.»

Die junge Ärztin stiess zur SP in Unterentfelden, nach nur zwei Sitzungen wurde sie zur lokalen Parteipräsidentin gewählt. Die Verantwortung war gross: In Unterentfelden, wo wie in Aarau vor allem SP und FDP stark sind, stellt die SP heute den Ammann und den Vizeammann. Den Sprung ins kalte Wasser sah Lucia Engeli als Chance. Das passt zu ihr: Schon als Kind sei sie sehr ehrgeizig gewesen, habe sich etwa mit fünf Jahren das Lesen und Schreiben beigebracht.

Nach acht Jahren an der Steinerschule «bin ich dann geflüchtet» ins normale Gymnasium, erzählt sie. «Ich war kein Kind, dass in die Steinerschule passt.» Nach dem Gymi ging sie ans Konservatorium, studierte Geige, schloss auch ein Grundstudium in Philosophie ab. Als Berufsmusikerin und Geigenlehrerin finanzierte sie sich dann das Medizinstudium, das sie als 23-Jährige antrat. «Das habe ich mir wirklich abverdient», sagt sie.

In die Region kam sie nicht wegen ihres Heimatorts – vor der Heirat mit Profi-Pianist Benjamin Engeli lautete dieser ausgerechnet «Aarau» – sondern aus einem «kapitalistischen Entscheid»: Während des Praktikums im 5. Studienjahr hätte sie nicht als Musikerin arbeiten können und am Kantonsspital Aarau (KSA) war der Praktikumslohn am höchsten. Heute ist sie dort Oberärztin.

«Natürlich geht es auch ums Geld, weil es uns fehlt»

Als finanziellen Entscheid könnte man auch die Zusammenschlüsse im Zukunftsraum Aarau sehen. Gerade für Unterentfelden könnte eine Fusion einen Energieschub bedeuten, so wie es vor zehn Jahren in Rohr der Fall war. Mit einer ganzen Stadt im Hintergrund hätte man nicht zuletzt auch mehr Budget. Dass Unterentfelden heute, ähnlich wie früher Rohr, eher «ein Schlafdorf ohne Kern» sei, komme auch nicht von ungefähr: «Bei so vielen gebundenen Ausgaben ist es sehr schwierig, eine Gemeinde zu gestalten», sagt Lucia Engeli.

Das Fehlen eines klaren Dorfzentrums sei für sie eines der Gründe, warum Unterentfelden von einem Zusammenschluss profitieren würde. Sie erinnert auch an die Abstimmung von 2014, als die Neubauten für die Schule Entfelden vom Volk bachabgeschickt wurden. Heute hat die Schule zu wenig Platz. «Viele haben wohl das Gefühl, die Gemeinde gibt die ganze Zeit Geld aus. Wo das Geld hingeht, sieht man aber nicht.» Geht es bei der Fusion denn nur ums Geld? Hat Unterentfelden quasi aufgegeben und wartet nur noch auf den Zukunftsraum?

«Natürlich geht es auch ums Geld, weil es uns fehlt», sagt Lucia Engeli. «Aber es ist das Gegenteil von Aufgeben», eine Fusion habe vielmehr mit Mut zu tun. «Wenn man jede Verwaltung separat führt, verliert man wahnsinnig Energie.» Es gäbe aber auch kritische Stimmen: Selbst wenn man aus beiden Entfelden noch eher wenig Bedenken hört, sei für Lucia Engeli das Pro-Kontra-Verhältnis gefühlt 50:50. Nur traue sich offenbar niemand, die Kontra-Position öffentlich zu vertreten. Für die Infoveranstaltung von morgen Mittwoch in der Bündtenhalle habe der Gemeinderat Vertreter des Nein-Lagers gesucht, aber keine gefunden. «Es ist schwierig, die Sorgen der Bevölkerung aufzunehmen», sagt sie.

Kein Verständnis für Wissenschaftsleugner

Für die Grossratswahlen steht Lucia Engeli auf der SP-Liste des Bezirks auf Platz 11. Eine Kandidatur für den Gemeinderat nächstes Jahr schliesst sie nicht aus, zumal ein Exekutivamt mit den überparteilichen Konsensfindungen ihr eher liegen würde, wie sie sagt. Sie habe auch einen guten Draht zu FDP und SVP. «Ich glaube, jeder Mensch will nur das Beste für sich und seine Umwelt. Deshalb haben alle Meinungen ihre Berechtigung.» Eine klare Grenze zieht sie aber dennoch: Bei Haltungen, die wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen, ist es bei ihr vorbei mit Verständnis. Für die SP und gegen die FDP hatte sie sich entschieden, weil Letztere zu blind «dem idealistischen Konstrukt des freien Markts» folge, «eine gefühllose Ideologie», die wenig mit Wissenschaft zu tun habe.

«Ich bin sehr liberal, aber gegen Neoliberalismus», sagt sie. «Wir müssen eine Gesellschaft sein, die sich um die Schwachen kümmert.» Die öffentliche Gesundheit etwa sollte sozialgerecht über die Steuern statt Krankenkassen finanziert werden.

Als Ärztin habe sie täglich mit dem Querschnitt der Bevölkerung zu tun. Sie erzählt von einem Familienvater, der auf der schwarzen Liste der Krankenkassen war und mit einem Notfall ins KSA kam. Als Handwerker arbeite er 16 Stunden am Tag für 4000 Franken im Monat und habe entscheiden müssen zwischen Essen oder Krankenkassenprämien zahlen. «Das darf doch nicht sein in diesem reichen Land. Wie kann man einen Familienvater so im Stich lassen?»

Lucia Engeli im Interview mit dem ebenfalls Grossratskandidaten Nico Zobrist (SP)

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