Aarau

Geburtstag an Heiligabend: «Als Kind durfte ich schon am Mittag ein Geschenk auspacken»

Noch heute besuchen Werner Schib und seine Freunde die Tanne jedes Jahr

Noch heute besuchen Werner Schib und seine Freunde die Tanne jedes Jahr

Vize-Stadtpräsident Werner Schib hat an Heiligabend Geburtstag. Das verlangt nach besonderen Geschenken.

Im Park des Müller-Brunner-Guts im Gönhard, dem «Haus der Musik», steht eine schüttere Tanne nahe der Grundstücksmauer. Hoch ist sie, aber fast ohne Nadeln; selbst die Stechpalme davor trägt mehr Grün. Offensichtlich steht die Tanne hier nicht richtig, ihr fehlt Licht. Aber sie trotzt den Umständen. Seit 28 Jahren. Selbst Fachleute haben ihr nichts angetan. Vor der Tanne steht eine Tafel, der jeden übereifrigen Baumpfleger in Schach hält.

Die Tanne wurde bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion gepflanzt. Weit nach Mitternacht, in der Heiligen Nacht zwischen dem 24. und 25. Dezember 1991. Der Kopf hinter dieser Geschichte ist kein Geringerer als der Aarauer Vize-Stadtpräsident Werner Schib.

Ein Geschenk schon am Mittag

Werner Schib ist ein Christkindli, geboren am 24. Dezember. Was man sich als etwas unglückliches Geburtsdatum ausmalt, insbesondere aus Sicht eines Kindes, war für Schib überhaupt nicht speziell. «In unserer Familie mit fünf Kindern wurden Geburtstage nicht so gefeiert wie heute, da gab es weder Partys noch grosse Geschenke.» Er habe deshalb nichts vermisst. Ein Privileg aber hatte er als Geburtstagskind an Heiligabend: «Ich durfte schon am Mittag ein Geschenk auspacken.»

Ein ganz besonderes Geschenk hat Schib an seinem 20. Geburtstag erhalten. Und hier kommt die Tanne ins Spiel: «Ich wohnte damals in Buchs und besuchte da die Mitternachtsmesse», erzählt er. Als er nach der Feier aus der Kirche kam, standen da zu seiner grossen Überraschung seine Pfadikollegen der Rotte «Winterpneu» um ein Feuer, um mit ihm – Schibs Pfadiname ist «Pelikan» – seinen Geburtstag nachzufeiern. Abteilungsübergreifend, notabene. Schib war Pfader bei der Abteilung St.Georg, nicht bei Adler.

Man habe ihn in einen Veloanhänger gesetzt und sei nach Aarau pedalt, erzählt Schib weiter. Gemeinsam schlichen die Freunde schliesslich in den frühen Morgenstunden in den Park des Müller-Brunner-Guts, wo die Pfadi Adler im Keller ein Lokal hat, und pflanzten da die besagte Tanne, damals selbstredend erst ein schmächtiges Tännchen. Klammheimlich, ohne Erlaubnis. «Aber zu meiner Verteidigung: Der Park ist öffentlich zugänglich», sagt Schib und lacht.

Deshalb steht der Baum da. Trotz fehlender Sonne. Und seit ein paar Jahren mit besonderem Schutz: «Irgendwann machte das Gerücht die Runde, der Werkhof wolle den Baum fällen», so Schib. Das erforderte eine neuerliche Nachtaktion: Der Bruder eines Pfadi-Kollegen schlich mit Schaufel und Beton in den Park und verankerte vor dem Baum eine Tafel: «Dieser Tannenbaum ist ein besonderer. Er ist der Weihnachtsbaum der Roverrotte Winterpneu, welche hier jedes Jahr seit 1991 am 23.  Dezember die Weihnachtsfeier begeht und den alten Pfadfinderzeiten gedenkt.»

Noch heute besuchen Werner Schib und seine Pfadi-Freunde die Tanne mit allerlei Baumschmuck im Gepäck, trinken auf seinen Geburtstag und singen «O Tannenbaum». «Das ist ein heiliger Akt», sagt Schib. «Davon würden wir uns auch nicht abhalten lassen, sollte die Tanne dereinst doch noch gefällt werden.»

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