Aarau/Gränichen

Hitparade sorgt für «Örgeli-Boom»

Barbara Steinger hätte mit halb so vielen Schülern gerechnet.

Barbara Steinger hätte mit halb so vielen Schülern gerechnet.

Nicht nur Jugendliche entdecken das Akkordeon neu – auch ältere Generationen holen das Instrument aus dem Keller.

In der Aarauer Milchgasse hat es sich schon wieder ausgeörgelt – die Akkordeonschule von Barbara Steinger ist ein paar Monate nach der Eröffnung wieder aus dem Erdgeschoss von Hausnummer 17 ausgezogen. Aber nicht, weil die Schüler fehlten.

Im Gegenteil: «Die Nachfrage nach Akkordeonunterricht ist so gross, dass ich mehr Räume und eine zusätzliche Lehrperson zur Unterstützung brauche», sagt Steinger. Seit der Eröffnung im Frühling haben sich 20 Schüler angemeldet. «Gerechnet hatte ich höchstens mit der Hälfte.»

Die neuen Unterrichtsräume hat Steinger im Aarauer Schachen gefunden, am Pfrundweg in den Räumen der Malermeister Hochuli AG. Von den 20 Schülern, die sie hier unterrichtet, sind nur drei Kinder. Alle andern sind Erwachsene im besten Alter, die sich jetzt entweder einen Kindheitstraum erfüllen und endlich Akkordeonspielen lernen dürfen – «oder ein Kindheitstrauma überwinden und die Freude am freiwilligen Üben entdecken», sagt Steinger und lacht.

Vor Weihnachten habe sie ausserdem viele Gutscheine an Frauen verkauft, die ihre Ehemänner in den Unterricht schicken wollten. «Immer wieder habe ich die Geschichte zu hören bekommen, dass der Mann schon lange davon rede, Akkordeonunterricht zu nehmen und sich bisher nie einen Ruck gegeben habe.»

Unter den Schülern seien auch einige ehemalige Schüler von Fritz Brönnimann, der bis Mitte der Achtzigerjahre ebenfalls in der Milchgasse eine Akkordeonschule betrieb und in Spitzenzeiten bis zu 130 Schülern aus Aarau und der näheren Umgebung unterrichtete.

Der «Örgeli-Boom» beschränkt sich nicht nur auf Steingers private Schule. Auch an den beiden Kantonsschulen, an denen sie unterrichtet, hat sie inzwischen sechs Schüler. Erstmals mache nun sogar eine Schülerin ihre Matur auf Akkordeon. Und ihr Antrag, an der Kanti ein Akkordeonensemble zu gründen, wurde innert einer Woche bewilligt. Die aktuelle Beliebtheit des Akkordeons sieht Steinger in der Hitparade: «Man hört es überall, auch in der Popmusik.» Volksmusik werde ebenfalls immer beliebter.

Auch in anderen Gemeinden lässt sich ein Akkordeon-Aufschwung beobachten, dort vornehmlich bei den Jungen. In Gränichen verzeichnet der dortige Musikschullehrer Daniel Lüthi eine grosse Nachfrage – rund 15 Schüler nehmen Akkordeon-Unterricht. Teils erhalten sie dafür sogar Begabtenförderung vom Kanton und nehmen an Musikwettbewerben teil. Warum Gränichen eine Örgeli-Hochburg ist, kann Lüthi nicht mit Sicherheit sagen. Er führt es aber unter anderem darauf zurück, dass sich die Lehrerin so gut darauf verstehe, die Schüler zu motivieren. Mit ein Grund sein dürfte auch die Musikauswahl, wo durchaus Hitparaden-Stücke Platz haben.

Interessanterweise zeigt sich bei der Schule Buchs-Rohr ein gegenteiliger Trend: Daniel Willi, Bereichsleiter Musikschule, spricht von einer «auffälligen, fast drastische Abnahme der Nachfrage» beim Akkordeon-Unterricht – allerdings auch bei anderen Instrumenten wie Querflöte, Klarinette oder Blechblasinstrumenten.

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