«Können Sie irgendetwas sagen, das uns beruhigt?» Die Frage stellte ein Anwohner, nachdem Vertreter des Kantons und der auf Asylbetreuung spezialisierten Firma ORS Service AG über die Asylunterkunft in der Geschützten Operationsstelle (Gops) des Kantonsspitals (KSA) orientiert hatten. Die ersten von 300 bis 350 Asylsuchenden – ausschliesslich alleinreisende junge Männer – sollen am 9. Dezember einziehen.

Ziel der Orientierung, zu der das Departement Gesundheit und Soziales (DGS) ins Kantonsspital eingeladen hatte, war es unter anderem gewesen, die Ängste der Bevölkerung zu dämpfen. Bei der Belegung der Gops in den Jahren 2001 und 2002 war es zu gravierenden Problemen in der näheren Umgebung gekommen. Die Rede ist von Drogen- und Alkoholexzessen, Prostitution, Diebstählen und Einbrüchen.

Asylunterkunft im Kantonsspital Aarau

Der Kanton will - nach Baden, Laufenburg und Muri - nun auch Asylbewerber im Notspital Aarau einquartieren. (29.10.2015)

Unter den rund 100 Anwesenden waren viele Anwohner, deren Erinnerungen noch lebendig waren und in den Wortmeldungen aufschienen: «Letztes Mal wurde in mein Haus eingebrochen; was tun Sie dafür, dass das nicht wieder passiert?» «Haben wir Alten noch Platz im Bus?» «Wie komme ich abends noch sicher nach Hause?» Einer drohte offen mit Selbstjustiz für den Fall, dass einem Familienmitglied etwas zustossen sollte.

Regierungsrätin Susanne Hochuli blieb realistisch: «Wir werden alles Nötige und Verhältnismässige unternehmen, um Probleme zu verhindern, aber ich kann nicht versprechen, dass es nie Probleme geben wird.» Wie lange die Einquartierung dauern werde, sei offen, aber man wolle die Gops nur so lange belegen, wie unbedingt nötig. Für den Regierungsrat gelte die Devise: «Oberirdisch kommt vor unterirdisch.»

«Bewährtes Sicherheitskonzept»

Das Sicherheitskonzept, sagte DGS-Generalsekretär Stephan Campi, bewähre sich bereits in den vergleichbaren Anlagen in Baden, Muri und Laufenburg. Die Firma ORS werde mit einem insgesamt 20-köpfigen Team rund um die Uhr für einen effizienten und sicheren Betrieb sorgen. Dank der Patrouillen werde die Umgebung des KSA sogar noch sicherer sein als jetzt, meinte Campi.

Zudem werde eine Hotline für die Anwohner und eine für die KSA-Angestellten eingerichtet. Wer sich gestört fühle, so DGS-Vorsteherin Hochuli, solle sich umgehend an die Betreuer der Asylsuchenden wenden. Bedrohungen dagegen seien Sache der Polizei. Rayonverbote gegen unbescholtene Personen auf Vorrat auszusprechen, sei in der Schweiz mangels Rechtsgrundlage unmöglich. Ein Anwohner wandte dagegen ein, beim Militär sei es sehr wohl möglich, einen Ausgangsrayon festzulegen.

Im Keller: So sieht es in dem unterirdischen Not-Spital in Muri aus.

Im Keller: So sieht es in dem unterirdischen Not-Spital in Muri aus.

Sensible Zonen

Was es in Aarau gibt, sind sogenannt sensible Zonen. Diese umfassen das Gelände des Kantonsspitals sowie des Krankenheims Lindenfeld. Diese Zonen sollen die Asylsuchenden nicht betreten. Dafür werden nach Angaben von Stephan Campi auf der Nordseite, vor dem Eingang der Gops, Aussenstrukturen eingerichtet: Container, Kochstellen und Raucherplätze.

Das erinnere sie an Pferdehaltung, sagte eine Anwohnerin: «Boxen mit Auslauf.» Und: «Wenn sich die Asylsuchenden nicht in den sensiblen Zonen aufhalten – wo sind sie dann?» Die Antwort gab die Frau gleich selber: «Dann sind sie dort, wo wir sie nicht haben wollen.» Sprich im Quartier auf der Wegstrecke zwischen Gops, Buchserstrasse und Bahnhof.

René Burkhalter von der Firma ORS erklärte, die Hausordnung lasse weder Alkohol noch das Rauchen in der Unterkunft zu. Die Asylsuchenden würden in klare Tagesstrukturen eingebunden: Haushalt führen, Essen einkaufen und zubereiten. Dazu kämen Sport, Animation, Bildung, Handwerk, Termine bei Ärzten und Ämtern sowie – in Absprache mit Aarau, Suhr und Buchs – gemeinnützige Arbeiten wie Anti-Littering-Einsätze. Jeder Asylsuchende erhält 10 Franken Sackgeld pro Tag und 20 Franken Kleidergeld im Monat.

«Sie könnten die Bänkli benutzen»: Spitalbesucher stehen der Asylunterkunft im Spitalkeller kritisch gegenüber.

«Sie könnten die Bänkli benutzen»: Spitalbesucher stehen der Asylunterkunft im Spitalkeller kritisch gegenüber. (Juli 2015)

Grundsätzlich geniessen die Männer Bewegungsfreiheit. Tagsüber seien sie unterwegs und nutzten die Strukturen der Stadt Aarau, sagte DGS-Kommunikationschef Balz Bruder. Laut René Burkhalter müssen sie abends nicht zu einer fixen Zeit zurück in der Unterkunft sein. In dieser wird im Übrigen WLAN eingerichtet – auch, damit sich nicht alle am Bahnhof aufhalten und dort mit ihren Mobiles telefonieren.

«Wir üben das Hausrecht aus», erklärte Burkhalter auf die Frage nach Eingangskontrollen, «wir können Hausausweise ausstellen.» Jeder, der in die Gops wolle, müsse die gleich nach dem Eingang befindliche Administration passieren. Es gebe aber «nur punktuelle Kontrollen – keine Taschenkontrollen. Das Einschleusen von Drogen könne man ohnehin nicht verhindern.

Wer am Montagabend nichts vernahm, das zur Beruhigung beitrug, hat die Chance, an einem Tag der offenen Tür selber einen Blick in die Gops zu werfen – im ersten Quartal 2016, wie Balz Bruder ankündigte.