Wenn die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach den Geschäftsführer einer untergegangenen Personalvermittlungsfirma der Widerhandlung gegen das Arbeitsvermittlungsgesetz bezichtigt, kriegt noch niemand Gänsehaut. Das ändert schlagartig, wenn man im Strafbefehl liest, der Beschuldigte habe gedroht, er werde einem seiner Personalberater «das Herz aus dem Leibe reissen», wenn er gegenüber dem Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) nicht die Klappe halte.

So trafen sich die beiden, die wir – natürlich völlig zufällig – nach Sancho Panza und Orlando Furioso, zwei Charakteren der Weltliteratur, benamsen, vor dem Gerichtspräsidium in Aarau wieder. Der dickliche, geschwätzige Sancho mit seinen roten Turnschuhen als Auskunftsperson und Privatkläger. Der smarte Orlando, dem man von der äusseren Erscheinung her auch einen Filmschauspieler gäbe, als Beschuldigter.

Wer hat die Firma verpfiffen?

Die Staatsanwaltschaft hatte den 42-jährigen Orlando mit einem happigen Strafbefehl beglückt: unbedingte Geldstrafe, Busse, Strafbefehlsgebühr und Polizeikosten, summa summarum 27'750 Franken. Vor vier Jahren waren beim AWA Hinweise auf Verstösse gegen das Arbeitsvermittlungsgesetz eingegangen. Unter anderem soll die Firma, deren Geschäftsführer Orlando war, Arbeitnehmer entgegen den Vorschriften zum Teil auf Akkord- statt auf Stundenlohn-Basis angestellt haben.

Irgendjemand musste die Firma – nennen wir sie No Contract AG – verpfiffen haben. Ein halbes Jahr später erzählte der damalige VR-Präsident des Unternehmens dem AWA, ein Personalberater habe ihm berichtet, dass verschiedene Dokumente, welche die No Contract AG dem AWA inzwischen eingereicht hatte, gefälscht respektive mit falschen Unterschriften versehen worden seien.

Zwei Monate später entzog das AWA der No Contract AG die Bewilligung für die private Arbeitsvermittlung und den Personalverleih. Schon vorher hatte es alle Einsatz- und Verleihverträge sowie die Stundenrapporte eingefordert.

Unterschriften gefälscht

Da die No Contract AG laut Staatsanwaltschaft zum Teil gar keine schriftlichen Verträge ausgefertigt hatte, musste sie, um der Aufforderung des AWA nachzukommen, im Nachhinein neue Verträge aufsetzen – «Um den Anschein zu erwecken, dass alles rechtmässig erstellt wurde.» Um die neuen, nicht der tatsächlich vereinbarten Arbeitsleistung entsprechenden Verträge ausstellen zu können, habe Orlando die Quadratmeterabrechnung auf Stundenbasis umgerechnet. Schliesslich habe er einen Mitarbeiter angewiesen, auf den so gefälschten Verträgen auch noch die Unterschriften der Arbeitnehmer zu fälschen.

Orlando habe ihn verdächtigt, ihn beim AWA «verrätscht» zu haben, sagte Sancho vor dem Gericht, das seinetwegen die Verhandlung neu ansetzen musste. Zum ersten Termin war er nicht erschienen. Und eben: Orlando habe Sanchos Bruder einmal am Telefon erklärt, dass er «dem Hurensohn», gemeint Sancho, «das Herz herausreissen» werde, wenn er erfahren sollte, dass dieser Dokumente weitergegeben habe.

Wie das für ihn gewesen sei, wollte Gerichtspräsidentin Karin von der Weid wissen: «Reden Sie frisch von der Leber weg.» Das tat Sancho noch so gern. Er trug das Herz auf der Zunge und wollte auch mal reden, wenn er gar nicht gefragt war. Er habe fürchterliche Angst gekriegt, erzählte er. Deshalb habe er eine Überwachungskamera gekauft und eine Sicherheitsfirma engagiert. Ein halbes Jahr lang sei er nicht mehr ohne Bodyguard an Anlässe gegangen. «Ich dachte, er würde die Drohung wahr machen», sagte Sancho. «Ich habe es selber erlebt, wie er im Geschäft einen Mitarbeiter zusammenschlug.» Für all das erlittene Ungemach verlangte Sancho satte 100'000 Franken Schadenersatz. Eine Forderung, welche die Gerichtspräsidentin auf den Zivilweg verwies.

Orlandos Verteidiger versuchte, die Höllenangst des Privatklägers ins Reich der Fabel zu verweisen. Er zitierte aus dem Whatsapp-Verkehr zwischen den beiden Heissspornen Sanchos vollmundige Depesche: «Du kannst jederzeit zu mir kommen. Ich habe absolut keine Angst vor dir!»

Dubiose Drogengeschichte

An den genauen Wortlaut der ihm vorgehaltenen Drohung mochte sich Orlando nicht mehr erinnern. Dass er gereizt gewesen sei, räumte er jedoch ein. Er habe wütend darauf reagiert, dass Sancho seine Familie am Telefon bedroht habe. Sancho habe nämlich andere Angestellte der Firma mit Drogen beliefert (was dieser bestritt), und sein Bruder habe Sancho Geld geschuldet. Orlandos Verteidiger erklärte den Untergang der No Contract AG denn auch mit der dubiosen Drogengeschichte, die das Team entzweit und zu Rachefeldzügen geführt habe.

Das Ganze sei eine traurige Geschichte: Jemand habe das florierende Unternehmen torpediert und dem AWA eine verzerrte Darstellung des Ganzen abgeliefert, so der Verteidiger. Das AWA wiederum habe überstürzt gehandelt. Dafür, dass sein Mandant Unterschriften gefälscht oder fälschen lassen habe, gebe es keinen einzigen Beweis. Auch habe man nichts Falsches in die Verträge hineingeschrieben. Diese seien lediglich komplettiert worden, um Versäumnisse unzuverlässiger Mitarbeiter auszubügeln. Zudem habe auch Sancho eingeräumt, dass nur etwa 5 Prozent der Verträge betroffen gewesen seien.

Unbedingte Geldstrafe

Gerichtspräsidentin Karin von der Weid sprach Orlando freilich in allen nicht verjährten Punkten (Urkundenfälschung, Drohung etc.) schuldig. Vier Tier-Videoclips auf Orlandos beschlagnahmtem Handy führten nebenbei auch noch zu einer Verurteilung wegen Pornografie. Die Gerichtspräsidentin verurteilte Orlando zu einer Geldstrafe von 100 Tagessätzen à 150 Franken. Vier Tage Untersuchungshaft werden abgezogen. Damit beträgt die Geldstrafe 14'400 Franken. Hinzu kommen die Verfahrens- und Parteikosten. Und schliesslich wird der bedingte Vollzug einer Geldstrafe von 6000 Franken widerrufen, die sich Orlando schon wegen Vergehen gegen das Bundesgesetz über die Arbeitslosenversicherung eingehandelt hatte.

«Kopf der Gruppe»

Sancho, befand die Gerichtspräsidentin, habe als Auskunftsperson einen glaubwürdigen Eindruck gemacht. Seine Whatsapp-Nachricht («Ich habe überhaupt keine Angst vor dir!») beweise ganz und gar nicht, dass er keine Angst gehabt habe. Dass er das gegenüber Orlando nicht habe zugeben wollen, sei doch menschlich. Und auch wenn sich Orlandos Familie von Sancho bedroht gefühlt habe, lasse sich die Drohung Orlandos gegenüber Sancho nicht rechtfertigen.

Obwohl Orlando seine Rolle in der Firma herunterzuspielen versucht hatte, macht ihn die Richterin für die Urkundenfälschung (gefälschte Unterschriften) und für die Falschbeurkundung (vereinbarte Akkordarbeit als Arbeit im Stundenlohn ausgewiesen) verantwortlich. «Bei der Aufräumaktion», betonte Karin von der Weid, «haben Sie die Fälschung organisiert – Sie waren der Kopf der Gruppe und dominant.»

Beim Verlassen des Gerichtssaals nach der Urteilseröffnung war Orlando vor allem eines: aufgebracht – furioso.