Erlinsbach
Im Corona-Sommer haben Wanderer den Weiler Hard wiederentdeckt – ein Besuch auf 675 Metern über Meer

Schon wieder ein halber Lockdown. Schon wieder keine Festtagsferien in der Ferne, dafür ausgedehnte Spaziergänge in den umliegenden Hügeln; immer auf der Suche nach ein bisschen Sonne. Viele Bewohner der Region Aarau zieht es auf die Wasserflue. Und dann kommen sie sehr wahrscheinlich am «Hard» vorbei.

Nadja Rohner
Merken
Drucken
Teilen
Astrid Känzig (mit Hündin Kira) produziert im Hard Bio-Weidebeef. Frühsommer 1990: Die Antenne auf der Wasserflue wird mittels Helikopter gebracht.

Astrid Känzig (mit Hündin Kira) produziert im Hard Bio-Weidebeef. Frühsommer 1990: Die Antenne auf der Wasserflue wird mittels Helikopter gebracht.

Nadja Rohner Bild: A. Känzig/zvg

Der kleine Erlinsbacher Weiler liegt etwas abseits der Saalhöhe-Passstrasse auf 675 Metern über Meer und ist – von der Barmelweid abgesehen – eine der höchsten Siedlungen im Aargau. Der berühmteste Einwohner war Hans Roth («Harder-Hans», 1913–2003), Landwirt und langjähriger Politiker (BGB/SVP), der es bis in den Nationalrat geschafft hatte.

Etwa dreissig Leute wohnen heute hier, viele seit Generationen. Eine davon ist Astrid Känzig-Pauli (58). Vor dem Besuch der AZ in ihrem 180 Jahre alten Elternhaus betont sie, wenn etwas sei, solle man ihr eine Whats­app-Nachricht schicken, Mobilfunkempfang habe sie zu Hause fast keinen. Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, thront doch gleich nördlich des Dorfes auf der Wasserflue ein 112 Meter hoher Sendeturm (die Swisscom will ihn nun technisch aufrüsten).

An dessen Bau erinnert sich Känzig gut, im Frühsommer 1990 wars. Mit dem Helikopter wurden die Stahlträger transportiert – eine Gaudi für die Hard-Bewohner. Abends, als der Heli für die Nacht parkiert wurde, konnte man ihn ganz aus der Nähe betrachten.

«Spaziergänger haben Riesenfreude an den Rindern»

Im Coronasommer 2020 wurde der Weiler selber zur Attraktion. «Wir hatten viel mehr Leute hier oben als sonst», sagt Astrid Känzig. «Man hat das Hard wiederentdeckt. Viele Besucher können es kaum glauben, wie schön es hier ist.» Känzigs 14 Rinder stehen direkt an der Strasse, und sie sind zahm. Entsprechend wurden sie zum Publikumsmagneten. «Was die immer fotografiert werden! Ich sollte ein Kässeli aufstellen», sagt die Bäuerin lachend. «Die Spaziergänger haben eine Riesenfreude an ihnen und lassen sich die Hände lecken.» Über die Festtage werden sich die Besucher wohl wieder zahlreich zeigen. Denn während sich im Aaretal der Nebel tagelang nicht auflöst, liegt die kleine «Alp» Hard oft über der Nebelgrenze. «Wir sind verwöhnt mit dem Wetter», bestätigt Astrid Känzig.

In den 1920er-Jahren zog ihr Grossvater ins Hard und kaufte erst den Bauernhof, dann noch das Nachbarhaus. Damals gab es in der Siedlung erst seit kurzem Strom und eine öffentliche Wasserversorgung; die Saalhofstrasse war noch nicht einmal gebaut. Astrid Känzig selber wuchs mit den Eltern und zwei Geschwistern auf. «Wir waren lange die einzigen Kinder hier oben. Als ich nach Erlinsbach in die Schule kam, war das deshalb ein kleiner Schock – vorher hatten wir ja kaum Kontakt zu Gleichaltrigen.»

Die Familie hatte kein Auto; der Vater besass einen Töff, die Mutter machte Besorgungen mit dem Bus, der viermal täglich fuhr – und das auch nur dank der Klinik Barmelweid. «Wir waren schon abgeschottet hier oben. Aber dafür gab es im Win- ter auch immer einen Hau- fen Schnee. Wir waren viel draussen, mussten aber auch oft helfen.»

Alle vier Bauernbetriebe setzen auf Bio

Nach der Schule lernte Känzig Haushaltartikelverkäuferin in Aarau, ging in einen Kibbuz, kehrte zurück und lernte ihren Mann kennen. Zusammen übernahmen sie den elterlichen Bauernhof. Doch nach nur wenigen Monaten wurde sie zur Witwe. «Da habe ich halt einfach alleine weitergemacht», sagt sie. Ihre Eltern halfen ihr mit den zwei Kindern. Ans Aufhören habe sie nie gedacht, sagt Känzig.

Die Milchwirtschaft und die Aufzucht hat sie aufgegeben, heute produziert sie auf ihren 14 Hektaren Land Bio-Weidebeef, das Fleisch gibt’s in der Migros an der Offen-Theke. Auch die anderen drei Bauernhöfe im Hard produzieren seit 1996 nach Bio-Kriterien, das war eine gemeinsame Entscheidung. Im selben Zeitraum wurde in der damals grössten Pflanzaktion im Kanton 5500 Heckenstauden gepflanzt, um der Landschaft Struktur und Kleintieren Lebensraum zu geben. «Seither haben wir hier wieder viele Vögel, die vorher verschwunden waren», sagt Känzig.

Mittlerweile sind Känzigs Kinder ausgezogen; der Sohn ins Nachbarhaus, die Tochter runter ins Dorf. Die Bäuerin lebt mit ihrer Freundin sowie Hündin Kira, die zwar gerne Lärm macht, aber noch lieber gekrault wird. Ist es nicht manchmal einsam hier oben? «Man richtet sich das ja selber ein», sagt Känzig und zuckt mit den Schultern. Nach 10 Minuten Autofahrt ist man schon fast in der Stadt. Der Bus braucht 26Minuten vom Bahnhof Aarau zum Hard; abends geht die letzte Verbindung allerdings schon kurz nach 19Uhr. Sie seien auch heute noch «Separatisten» hier oben im Hard, aber nicht eigenbrötlerisch, sagt Känzig augenzwinkernd. «Wenn ich ins Dorf gehe, dann kehre ich oft noch ins Café ein.»