Grabkultur

Ist das Geschäft mit den Grabsteinen am Aussterben?

Bildhauer Timo Näf aus Suhr glaubt, religiöse Migranten könnten das lokale Bildhauergewerbe retten.

Bildhauer Timo Näf aus Suhr glaubt, religiöse Migranten könnten das lokale Bildhauergewerbe retten.

Viele Bildhauer in der Region beklagen, dass sie immer weniger Grabsteine verkaufen können. Nur unter den Zuwanderern sind die Steine nach wie vor gefragt. Neben der schwindenden Nachfrage, beschäftigt die Bildhauer auch die moderne Konkurrenz.

Gestorben wird immer, also lässt sich damit sicheres Geld verdienen. Dass diese Grundregel eben doch nicht in Stein gemeisselt ist, müssen viele Bildhauer derzeit schmerzlich erfahren. «Die Bestattungskultur ist im Wandel, die Nachfrage nach individuell gestalteten Grabzeichen geht drastisch zurück», sagt Doris Solenthaler, ehemalige Präsidentin des Bildhauerverbandes Aargau.

Im Schnitt verkaufen die Bildhauer rund 40 Prozent weniger Grabsteine als noch vor zehn Jahren. Ein bedrohlicher Einbruch. Der Aarauer Bildhauer Andreas Aeschbach, der während seiner Ausbildung noch vorwiegend Grabsteine hergestellt hatte, hat deshalb schon vor Jahren vorgesorgt und auf Restaurationsarbeiten umgesattelt. «Die schönen Reihengrabsteine werden immer seltener, heute genügt vielen eine Namenstafel», erzählt Aeschbach. «Der Bedarf nach unserer Arbeit wird immer kleiner.»

Problemzone Gemeinschaftsgrab

Das Hauptproblem aus Sicht der Bildhauer: Immer mehr Menschen wollen keine eigene Ruhestätte mehr haben, sondern in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt werden. Beispiel Aarau: Von den 205 Personen, die 2015 in der Stadt starben, liessen sich 44 (also gut 20 Prozent) im Gemeinschaftsgrab beisetzen. Auch andere Gemeinden geben an, dass die Nachfrage nach Beisetzungen im Gemeinschaftsgrab merklich zugenommen habe. «Das ist für die Hinterbliebenen pflegeleichter», sagt Doris Solenthaler.

Auch die Zunahme alternativer Bestattungsmethoden auf Waldfriedhöfen oder Privatgrundstücken macht die Situation für die Bildhauer nicht einfacher. «Für uns ist aber nicht die Abwanderung der Grabstätten nach ausserhalb der Friedhofsmauern das Problem, sondern die deutliche Verlagerung vom Individual- hin zum Gemeinschaftsgrab», sagt Solenthaler. Dabei wären die rund 3500 Franken, die man für ein persönlich gestaltetes Grabmal etwa ausgeben müsse, kaum teurer als die Bestattung im Gemeinschaftsgrab, betont die Bildhauermeisterin.

Gefährlich wird den hiesigen Bildhauern aber nicht nur das Gemeinschaftsgrab, sondern auch das Internet. Dort kann, wer will, binnen weniger Minuten einen individuell gestalteten Grabstein bestellen. Auf grabsteine24.ch kann man sich für Form, Farbe, Schliffart, Verzierung, Inschrift und Schriftfarbe entscheiden. Lieferziel: Friedhof des Heimatortes, inklusive Montage auf dem Friedhof. Die Bestellung ist in weniger als zwei Minuten abgeschlossen. Das Resultat: ein hübscher Grabstein, deutlich günstiger als 3500 Franken.

Ein persönlicher Grabstein aus dem Internet in weniger als zwei Minuten – der Selbstversuch.

Ein persönlicher Grabstein aus dem Internet in weniger als zwei Minuten – der Selbstversuch.

Der Schnelleinkauf online

«Die Leute, die solche Steine machen, haben wenig Ahnung vom Handwerk», winkt Andreas Aeschbach ab. «Über die Qualität solcher Steine brauchen wir gar nicht zu reden. Produktionsort ist oft Indien oder China.» Tatsächlich: Der online designter Grabstein wird «direkt von den Produzenten in den jeweiligen Produktionsländern» zugestellt, heisst es auf der Homepage.

Was Aeschbach an den Online-Angeboten aber am meisten stört ist der Wegfall des Gesprächs mit den Kunden. «Wenn ich mit Kunden über ihre Grabsteinwünsche diskutiere, dann nehme ich mir viel Zeit und lerne sie kennen», erzählt Aeschbach. «Das kann Wochen, ja Monate dauern, bis ich ein Bild im Kopf habe, das zu dem Kunden passt.» Die schnell-schnell Produktionsweise der Online-Grabsteine stehe im krassen Gegensatz zur gemeinsam erarbeiteten Vision des Grabmals. «Das ist schade, und ein herber Verlust für die Grabkultur in unserer Region», sagt Aeschbach.

Um das fortschreitende Absterben der traditionellen Grabkultur aufzuhalten, seien auch die Gemeinden gefordert, sagt Doris Solenthaler. «Friedhöfe sind öffentliche Kulturräume von grosser Bedeutung für die Gemeinschaft. Sie werden vielerorts aber zu stiefmütterlich behandelt und verkommen zu monotonen Einheitswüsten.» Der Bildhauerverband diskutiert derzeit über die Einführung eines Labels für einheimisch produzierte, handwerklich hochstehend gefertigte Grabzeichen. «Das wäre ein Weg, um den Grabstein-Wildwuchs mit ausländischen Billigprodukten zu stoppen», sagt Andreas Aeschbach.

Ausländer als Trendsetter

Das Ausland ist aber nicht nur Bedrohung, sondern auch Chance für die Grabmalkultur hierzulande. So mindestens sieht das der Suhrer Bildhauer Timo Näf, der rund 80 Prozent seiner Einnahmen mit der Produktion von Grabsteinen verdient. «Die Schweizer verlieren den Sinn für die Grabkultur zusehends. Wir haben aber viele religiöse Zuwanderer aus katholischen Ländern wie Italien oder Spanien, denen ein schöner Grabstein enorm wichtig ist», erzählt Näf.

Mit dieser ausländischen Grabkultur kämen auch neue Vorlieben auf die Friedhöfe. «Gerade die Italiener lieben glatt geschliffene, glänzende Steine», sagt Näf. Das Problem: Viele Gemeindereglemente verbieten diese hochpolierten Grabesmonumente, auf die sich besonders indische Billigproduzenten spezialisiert haben. «Diese Reglemente bieten uns einheimischen Produzenten einen gewissen Schutz. Und die Reglemente sind für uns eine Herausforderung, weil wir für die ausländischen Kunden neue Trends entwickeln müssen», sagt Timo Näf. Eine Herausforderung, der er sich gerne stellt.

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