Aarau
Jeremias Niggli: «Der Binzenhof soll vorbildlicher werden»

Ein junger Landwirt ist mit dem Projekt für den Neubau des Bauernhofs nicht einverstanden. Auf öffentlichem Grund die Tierzahl aufzustocken und IP-Milch für einen übersättigten Markt zu produzieren, das sei wenig durchdacht.

Sabine Kuster
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Jeremias Niggli schrieb im Januar in einem Leserbrief zum geplanten Neubau des städtischen Bauernhofs Binzenhof: «Zuerst sollte man die Ausrichtung des städtischen Betriebs überdenken und erst dann investieren.»

Jeremias Niggli ist erst 23 Jahre alt. Jung für einen Leserbriefschreiber. Doch auf dieses Statement habe er so viele positive Rückmeldungen erhalten, dass er sich gesagt habe: «Es lohnt sich also, noch mehr zu tun.»

Niggli wohnt im Zelgli, hat in Aarau die Matur gemacht und lernt nun im 2. Jahr Landwirt im Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg. Parallel dazu arbeitet er auf einem Bio-Betrieb in der Region.

Ein Grüner ist er also, aber in diese Ecke will er sich nicht vorschnell stellen lassen: «Der Binzenhof soll nicht nur Blumenwiesen bieten, sondern richtig produzieren. Aber es wäre punkto Vorbildlichkeit einfach viel mehr möglich», sagt Niggli. Nur der Stall, der neu gebaut werden soll, sei vorbildlich, nicht der Betrieb.

Wenn schon die Rendite nicht im Vordergrund stehe, wie der Leiter der Ortsbürgergutsverwaltung, Christoph Fischer, im Interview mit der az im Januar sagte, «dann soll der Binzenhof doch echt innovativ sein und auch bei der Produktion vorbildliche Landwirtschaft zeigen», findet Niggli.

Er denkt dabei an Hecken auf den heute kahlen Wiesen, an Hochstämmer, die das Gebiet nicht nur für Kleingetier sondern auch als Naherholungsgebiet aufwerten würden. Durch die Direktzahlungen dafür würde das Betriebseinkommen nicht geschmälert.

Direkte Beiträge pro Kuh gäbe es hingegen im Zuge der neuen Agrarpolitik ab 2014 nicht mehr. Eine Erhöhung der Viehzahl mache keinen Sinn.

«Oder eine kleine Biogasanlage», schlägt er vor, die vergärte Gülle sei danach geruchsfrei. Das sei gut fürs nahe Wohnquartier und sowas würde der Energiestadt Aarau doch gut anstehen.

Bei der Milchproduktion fände er eine sogenannte muttergebundene Kälberaufzucht besser: Eine Kälberhaltung zwischen der konventionellen und jener mit Mutterkühen.

Dabei werden die Kälber vor dem Melken eine Viertelstunde zu den Kühen zum Säugen gelassen, ein Teil der Milch kann verkauft werden. Das sei auch für das Tierwohl besser und das Kalb brauche weniger Medikamente.

«So wäre der Binzenhof ein Vorbild für die Bevölkerung und auch die Bauern», findet Niggli. Es bringe doch nichts, dass der Binzenhof bloss grösser und moderner werde, das sei «aus dem Fenster geworfenes Geld».

Der Binzenhof als Vorbild oder bloss zum Vorzeigen? Ein Vorzeigehof ist er gemäss der Stadt schon heute. Das heisst: ein Schauhof für Schulklassen und die Bevölkerung.

Der Leiter der Ortsbürgergutsverwaltung, Christoph Fischer, findet: «Nach den Vorgaben der Integrierten Produktion IP haben wir auch einen vorbildlichen Betrieb.»

Auf diesem Standort mit diesen Flächen sei das angemessen. Die Ortsbürger schreiben der Familie Knörr im Pachtvertrag ausserdem einen «vielseitigen Betrieb» vor mit verschiedenen Bauernhoftieren.

War denn ein Bio-Hof oder die Mutterkuhhaltung nie ein Thema in der Findungskommission, die im Januar das Neubauprojekt vorgelegt hat? «Natürlich war das ein Thema», sagt Fischer.

Man habe dies mit internen und externen Fachleuten intensiv diskutiert, wolle jedoch aus verschiedenen Gründen am jetzigen Betrieb festhalten. Zum Beispiel müsste die Familie Knörr für eine Mutterkuhhaltung (Fleischproduktion) ihr sorgfältig gezüchtetes Milchvieh verkaufen.

Wäre aber muttergebundene Kälberaufzucht möglich? «Wir können jetzt nicht alles kehren», sagt Fischer, wegen eines Einzelvorschlages würden sie nicht die Urteile der Fachleute infrage stellen.