Aarau

Jetzt verschwindet mit dem WSB-Bahnhof ein Stück Geschichte

Ab nächster Woche wird mit dem WSB-Bahnhof in Aarau der letzte Teil des alten Komplexes abgebrochen. Alt WSB-Direktor Jakob Heer blickt zurück auf die Geschichte des 96-jährigen Stationsgebäudes.

Trutzig steht er da, der kleine WSB-Bahnhof, zwischen den Baulatten und Absperrgittern, ein apricotfarbener Zwerg, geduckt zwischen all dem Glas und Metall der wuchtigen Nachbargebäude. Seit 1924 steht das Stationsgebäude hier, seit der Umgestaltung des Bahnhofplatzes zu Ehren des Eidgenössischen Schützenfestes. Bis dato hatte die Bahn aus dem Wynental nördlich der SBB-Geleise gehalten, so wie die Suhrentalbahn es noch bis 1967 tat.

Alles hat sich unterdessen verändert rund um den kleinen Bahnhof. Heute ist der Bau der letzte Zeitzeuge des gesamten alten Aarauer Bahnhof-Komplexes. Doch jetzt verschwindet auch er. Am 8. Juni starten die Abbrucharbeiten. Der Bahnhof macht dem 65-Millionen-Projekt «Bahnhof Aarau Süd» Platz. Hier entstehen nebst Hauptsitz und Verkaufsstelle von Aargau Verkehr (ehemals WSB) mehrere tausend Quadratmeter Bürofläche und 64 Wohnungen.

Über der Schalterhalle wohnte der Vorstand

Es gab Zeiten, da gehörte dieser Bahnhof zum ersten Eindruck Aaraus, das sich den Reisenden aus den Tälern bot. Damals, als auf den Fenstersimsen noch rot und üppig die Geranien blühten und der Bahnhofvorstand in der Wohnung im ersten Stock seinen Milchkaffee trank, in aller Herrgottsfrühe, bevor der erste Zug einfuhr. In Zeiten, in denen die Telefonleitungen noch auf Holzmasten lagen und ein allererster Monitor installiert wurde, über den die Weichen elektronisch gestellt werden konnten anstatt von Hand.

Einer, der diese Zeiten hautnah miterlebt hat, ist Jakob Heer (84), WSB-Direktor von 1973 bis 2001 und Autor des 1984 erschienenen Buches «WSB Wynental- und Suhrentalbahn». Jetzt steht er wohl zum letzten Mal vor dem Bahnhof, späht durch die verstaubten Scheiben. Zeigt, wo zuletzt die Monitoren für das zentrale Stellwerk hingen, zeigt auf die Schalter, an denen seit jeher Billette verkauft wurden. Und erzählt, dass er in den Neunzigerjahren noch veranlasst hatte, dass gewisse bauliche Modernisierungen am Gebäude rückgängig gemacht wurden, um den Zustand von 1924 wiederherzustellen.

Als Jakob Heer Direktor wurde, waren die Wagen noch blau lackiert und der Ruf der WSB nicht der beste. Denn seit Anbeginn – im Suhrental seit 1901, im Wynental seit 1904 – fuhren die Talbahnen aus Kostengründen auf der Strasse statt auf einem eigenen Schotterbett. Die WSB galt als Strassenschreck, als die grosse Unfallgefahr. Die Leute frotzelten über das schmalspurige «Tram» oder das «Bähnli», das mit seinem Gewicht die Strassen talauf, talab zu Holperpisten wellte. Die abschätzigen Bezeichnungen haben Heer nie in Rage gebracht, «lieber ein gutes Tram als eine schlechte Bahn», pflegt er noch heute lächelnd zu sagen.

Aber die fehlenden Eigentrassees und die vielen Unfälle– da für Besserung zu sorgen, machte er zu seiner Hauptaufgabe. Er lackierte die Wagen auf Orange um, weil die blauen Wagen bei Nebel schlecht sichtbar waren. Und er kämpfte auf allen Ebenen für die Eigentrassierung, nicht nur als WSB-Direktor, sondern auch als Grossrat und Präsident des Verbands öffentlicher Verkehr. In einer Zeit, in der alle auf die Strasse setzten, verlangte er Millionen für die Bahn. Und bekam sie. «Ich hatte einen schweren Stand», sagt er und lacht. «Aber ich war damals der Überzeugung, dass die WSB als Vorortsbahn grosse Bedeutung erlangen wird. Und das hat sich bewahrheitet.»

Als das WSB-Tram noch auf der Strasse fuhr – ein Fan war auf einer der letzten Fahrten im Führerstand dabei:

Als das WSB-Tram noch auf der Strasse fuhr – ein Fan war auf einer der letzten Fahrten im Führerstand dabei

Vor zehn Jahren verschwanden die Züge der Wynental- und Suhrental-Bahn zwischen Aarau und Suhr von der Strasse – nach jahrzehntelangem Hin und Her. Ein Fan konnte auf einer der letzten Fahrten im Führerstand dabei sein und hat das mit der Videokamera festgehalten.

Nostalgie kommt auf, aber Freude überwiegt

Was alles geschehen ist in all den Jahren, all diese Veränderungen; Jakob Heer lächelt. «Und dieser Bahnhof hier steht seit 96 Jahren da, inmitten allen Trubels», sagt er und man glaubt, Wehmut herauszuhören. Einzig das Restaurant Frohsinn in Sichtweite erinnert noch an vergangene Zeiten.

Etwas Nostalgie komme schon auf, sagt Jakob Heer. «Aber die Freude, dass sich das Areal hier verändert, überwiegt bei weitem.» Es nütze ja nichts, ein einzelnes, kleines Gebäude inmitten all dem Neuen stehen zu lassen. «Dafür ist der Platz hier etwas gar teuer.» Ausserdem zeige die Modernisierung, dass die Bahn ihre Aufgabe gut erfülle, so Heer. «Und das freut mich sehr.»

Historische Bilder der Aargauer Bahnhöfe

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