Kolumne
Irrfahrten einer Tinderella

Wie Kolumnistin Fiona Wiedemeier das Karussell des Onlinedatings erlebt – und was es mit ihr macht.

Fiona Wiedemeier*
Fiona Wiedemeier*
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Tinder ist praktisch. Aber anstrengend. Und manchmal herzzerreissend.

Tinder ist praktisch. Aber anstrengend. Und manchmal herzzerreissend.

Christian Beutler / KEYSTONE

Wenn man mit 27 Jahren das erste Mal als erwachsener Mensch datet, ist Überforderung vorprogrammiert. Die heutige Zeit mit den Unmengen an Dating-Apps macht es nicht einfacher. Tinder ist wie Daten im realen Leben – nur auf Speed. Es ist ein sich unglaublich schnell drehendes Karussell. Man springt auf, hunderte Gesichter, ein paar «heys» und einschlägige Angebote ziehen innert kürzester Zeit an einem vorbei. Innert Tagen mutiert man zur Tinderella, beinahe süchtig, getrieben von einer morbiden Neugier, wer sich hinter dem nächsten Swipe verbirgt. Bald verflucht man die eigene Oberflächlichkeit, mit der man Menschen aus dem Blickfeld wischt – immer mit dem Gedanken im Kopf, dass man jetzt gerade vielleicht den Menschen seines Lebens verpasst hat. Aber das Karussell dreht sich unerlässlich weiter; es kommen immer weiter neue Gesichter, neue Anmachen, neue Gespräche.

*Fiona Wiedemeier (27) ist Aarauerin, Europäerin, Feministin, Libera, foraus-Denkerin und Geschäftsführerin der GLP Kanton Zürich.

*Fiona Wiedemeier (27) ist Aarauerin, Europäerin, Feministin, Libera, foraus-Denkerin und Geschäftsführerin der GLP Kanton Zürich.

Zvg / Aargauer Zeitung

Manchmal trifft man auf einen Menschen, dessen Karussell sich im gleichen Tempo dreht; führt ein Gespräch, das sich mal nicht innert weniger Stunden wieder verflüchtigt. Man macht unverhofft ein paar Schritte in das Leben eines Fremden. Mit unwahrscheinlichem Tempo kennt man diesen Menschen plötzlich ganz persönlich und doch überhaupt nicht. Das Gefühl, jemanden zu mögen, dem man noch nie zuvor in die Augen gesehen hat, ist absurd.

Manche davon trifft man – einige früher, andere später. Ob die Person in echt dann auch tatsächlich aussieht wie auf ihren Bildern, und vor allem menschlich so ist, wie sie sich online gegeben hat, ist meist ein bisschen eine Lotterie. Mit genug Zeit, uns eine Antwort zu überlegen, sind wir schliesslich alle schlagfertiger, witziger und charmanter als die Realität – mich eingeschlossen.

Man verbringt plötzlich viel mehr Zeit in Bars und bei Spaziergängen, mit den immergleichen und immer neuen Menschen, erlebt spektakuläre Dates – ich sag nur Mondscheinkonzert am Blausee – und solche, die halt einfach so vor sich hin plempern und am Schluss beide gar nicht unglücklich sind, sich zu verabschieden. Trifft flüchtige Bekannte und alte Freunde wieder, lernt die unterschiedlichsten Menschen kennen – vom Geflüchteten bis zum Hotelchef –, erhascht einen kurzen Blick in so viele Leben, Pläne, Träume und Beziehungskonstrukte. Ein bisschen wie eine einzige gigantische Studie über die menschliche Existenz.

Die Karussellfahrt ist berauschend, aber ermüdet auch ungemein. Es ist ein ewiges sich-im-Kreis-Drehen und nicht weiterkommen. Denn im gleichen Tempo wie das Karussell sich dreht, melden sich meist die ersten Emotionen. Egal ob vorher beide grosskotzig «nichts Ernstes» gesagt haben, erwischen kanns jeden – aber in der Regel erwischts nicht beide gleichermassen. Also muss man laufend Menschen zurückweisen und wird zurückgewiesen. Mal wird Ehrlichkeit geschätzt, mal folgen darauf wüste Beschimpfungen – gern auch per WhatsApp oder Twitter – und manchmal wird einem halt das Herz biz gestohlen – der Herz-Dieb weiss es.

Das Tinderkarussell ist Vergnügungspark und Irrfahrt in einem – und doch will man nicht abspringen. Denn man jagt diesem unglaublichen Gefühl nach – den Schmetterlingen. Man will sie im Bewusstsein, dass es einen mit voller Wucht vom Karussell werfen kann, dass es verdammt weh tun kann, dass man heulend auf dem Bett sitzt und verflucht je aufgestiegen zu sein. Aber irgendwann rappelt man sich auf und realisiert; das Tempo des Karussells kann jeder selber bestimmen – und dann wird alles gut. Adieu, Tinderella.

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