Suhr

Komitee Pro Zukunftsraum: «Was wir heute haben, entspricht nicht dem, was gelebt wird»

Drei Exponenten des Suhrer Komitees Pro Zukunftsraum: Jürg Lienhard (l.), Claudia Schade und Dominik Obrist.

Drei Exponenten des Suhrer Komitees Pro Zukunftsraum: Jürg Lienhard (l.), Claudia Schade und Dominik Obrist.

Suhrer und Aarauer leben bereits heute gemeinsam. Also sollen sie auch politisch gemeinsam in die Zukunft gehen. Das findet das Suhrer Komitee Pro Zukunftsraum. Für sie sind die Gemeindegrenzen nur noch ein Hindernis.

Den Treffpunkt haben sie nicht zufällig gewählt: Dort, wo das Suhrer Quartier Feld mit dem Aarauer Gönhard zusammentrifft, beim Stadtbach und beim Restaurant Sportplatz. Wo Suhr und Aarau schon seit je eins sind und ausser Details wie andere Parkgebühren oder Zubringer-Regelungen keine Unterschiede auszumachen sind. Zum Treffen präsentiert sich das Suhrer Komitee Pro Zukunftsraum hochkarätig mit Komitee-Präsident und Oberrichter Jürg Lienhard (63, SP), Medizinprofessor Dominik Obrist (48, CVP-nah) und Juristin und Grossratskandidatin Claudia Schade (48, FDP). Nebst ihnen seien noch an die 130 Personen am Komitee beteiligt, meist nicht parteipolitisch gebundene Personen, aber auch einzelne SVP-Mitglieder.

Damit unterstreichen sie: Die Fusionsfrage um den Zukunftsraum ist aus Suhrer Sicht nicht eindeutig einer politischen Gruppierung zuzuordnen. Vielleicht ist es aber eher eine Generationenfrage, eine Frage des Bildungsstands, oder es hängt davon ab, wo man arbeitet und in welchem Suhrer Quartier man lebt. Wer etwa in seinem Arbeits- und Freizeitalltag im Dorf bleibt, dürfte den gemeinsamen Lebensraum mit Aarau nicht so wahrnehmen wie sie.

«Suhr im Herzen» hiesse auch Suhr eine Zukunft geben

Sind in allen Zukunftsraum-Gemeinden tendenziell die Jungen dafür und die Alten dagegen? Claudia Schade erinnert sich an ihren Sohn, der seine Maturaarbeit über den Stadtbach geschrieben hat, der sich durch ganz Suhr zieht, aber offiziell den Aarauern gehört und auch von deren Werkhof auf Suhrer Gebiet gereinigt wird. Dass Suhr und Aarau unterschiedliche Gemeinden sind, mache für ihn und seine Schulfreunde keinen Sinn. Doch auch wenn man mit älteren Menschen über die Vorteile einer Grossfusion spreche, würden sie vom Positiven überzeugt.

Für Claudia Schade ist klar: Das, was schon zusammenlebt, muss auch zusammengehören. Das, was man heute habe, entspreche nicht mehr dem, was gelebt werde. «Beim Zukunftsraum geht es um ein Anpassen der Verwaltung an die Realität, damit wir als Gemeinschaft handlungsfähiger werden.» Analog zum Wahlspruch «Suhr im Herzen» der fusionskritischen IG Pro Suhr sagt sie: «Wenn man Suhr im Herzen hat, dann liegt einem auch die Zukunft von Suhr am Herzen.» Und ein Zusammengehen als vereinte Gemeinde sei eindeutig zukunftsgerichteter. Noch dezidierter sagt es Dominik Obrist: «Es darf nicht sein, dass die Entwicklung unseres Lebens- und Wirtschaftsraums von einem Flickenteppich von Abkommen zwischen verschiedenen Gemeinden bestimmt wird.»

«Kein Demokratieverlust, eher ein Demokratiegewinn»

Die Zusammenarbeit zwischen zwar politisch eigenständigen, aber in vielen Bereichen voneinander abhängigen Gemeinden sei also laut dem Komitee nicht nur mühsamer und ineffizienter, sondern auch undemokratischer: «Zahlreiche Aufgaben werden an überkommunale Verbände delegiert, weil sie eine Gemeinde alleine nicht bewältigen kann. Das Stimmvolk kann aber nur beschränkt in diese Verträge einsehen und zu denen Stellung nehmen.» Dominik Obrist spricht gar von einem «Demokratiemangel», der heute herrsche. Eine Gemeindefusion brächte also keinen Demokratieverlust, wie viele Gegner des Zukunftsraums sagen, sondern eher einen Demokratiegewinn: «Wir würden bei Dingen mitentscheiden können, die uns direkt betreffen.» Als Beispiel nennt er die Velostation Süd am Bahnhof Aarau, wo viele Suhrer ihre Fahrräder abstellen. Oder das geplante Fussballstadion.

Dabei würde auch Aarau gewinnen, ist Jürg Lienhard überzeugt. Als Zentrumsgemeinde kommt die Stadt heute für vieles auf, wovon die ganze Region profitiert. «Lasten und Erträge besser verteilen, das ist das Ziel der Fusion», sagt er. «Je grösser die Stadt, umso fairer der Lastenausgleich.» Er erinnert zudem an die fast acht Millionen Franken, die Aarau jährlich an den kantonalen Finanzausgleich zahlt, während die vier anderen Zukunftsraum-Gemeinden fast sieben Millionen Franken aus diesem Topf erhalten. Mit einer Gemeindefusion bliebe das Geld, das in der Region erwirtschaftet wird, auch in der Region. Oder wie es Claudia Schade ausdrückt: «Wir wollen ein starkes Aarau machen können», als Gewerbe- und Industriestandort spiele die Grösse und das entsprechende Gewicht einer Stadt eine wichtige Rolle.

Steuerfuss nur «ein schöner Nebeneffekt»

Als Akademiker gehören die drei eher zu den Besserverdienenden. Geht es ihnen auch um den um etwa zehn Prozentpunkte tieferen Steuerfuss, der mit einer Grossfusion zuwinken würde? «Es ist ein schöner Nebeneffekt, aber man muss die Fusion nicht wegen des Steuerfusses machen», sagt Dominik Obrist.

Suhr gilt als die Zukunftsraum-Gemeinde, in der die Meinungen am meisten geteilt sind. Gleichzeitig ist gerade Suhr als zweitgrösste Gemeinde das Zünglein an der Waage. Auch deshalb sei die Fusionsanalyse durchaus auf Augenhöhe geführt worden, sagen sie.

Vom Beispiel Zivilstandsämter lernen

Am Schluss wird der Entscheid sicher emotional geprägt sein. Und wahrscheinlich müssten nur erste Hemmungen überwunden werden, sagt Claudia Schade. «Als der Kanton die regionalen Zivilstandsämter einführte, war der Aufschrei riesig.» Heute sei dies kein Thema mehr.

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