Aarau

Libanesen leiden unter Syrien-Krieg: «Wir können diese Last nicht tragen»

Syrische Flüchtlinge bauen sich im Libanon behelfsmässige Unterkünfte unter freiem Himmel.Keystone

Syrische Flüchtlinge bauen sich im Libanon behelfsmässige Unterkünfte unter freiem Himmel.Keystone

Libanese Tarek arbeitet seit fünf Jahren in Aarau. Eben ist er von einem einmonatigen Aufenthalt in seiner Heimat zurückgekommen. Er erzählt, wie der Libanon unter den Auswirkungen des Bürgerkriegs in Syrien leidet.

Es kostet ihn Überwindung. Über die Zustände im Libanon zu sprechen, seiner Heimat, und dann noch öffentlich. Über den Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien, über die Flüchtlinge, die zu Hunderttausenden in den Libanon strömen und dort unter widrigsten Umständen ausharren, im Nirgendwo gestrandet mit selten mehr Habseligkeiten als den Kleidern am Leib.

Nennen wir ihn Tarek. 45 Jahre alt, seit 15 Jahren lebt er in der Schweiz, seit fünf Jahren arbeitet er in Aarau. Eben ist er von einem einmonatigen Besuch im Libanon zurückgekehrt.

Seine Eltern, zwei Schwestern und zwei Brüder wohnen dort im Osten des Landes nahe der syrischen Grenze. Ein kleines Dorf, 1300 Einwohner, man lebt von der Landwirtschaft. Bis zur syrischen Hauptstadt Damaskus sind es nur 50 Kilometer.

Über 1 Million Flüchtlinge

Der Libanon ist eines der wenigen Nachbarländer Syriens mit offener Grenze. Ein Streifen Land, nur ein Viertel so gross wie die Schweiz, mit gut vier Millionen Einwohnern, eingequetscht zwischen Syrien und Mittelmeer.

Es sollen rund 1,3 Millionen Syrier hierher geflüchtet sein. Tarek winkt energisch ab. 1,7 Millionen seien es mindestens. 1,3 Millionen sei bloss die offizielle Zahl. «So viele sind nicht registriert, sind schwarz über die Grenze gekommen.» Und der Flüchtlingsstrom reisst nicht ab.

Wie viele es auch wirklich sind – es sind aus Tareks Sicht zu viele für das kleine Land. In einer kleinen Stadt in der Nähe seines Heimatdorfes lebten derzeit rund 30 000 Flüchtlinge unter unhaltbaren Zuständen. Tarek erzählt von einem Haus, in dem 60 Menschen in einem Raum hausen, für 650 Dollar im Monat. «Die Mieten steigen, steigen, steigen.»

Zentrale Flüchtlingslager wollte die Regierung bisher nicht einrichten. Im ganzen Land gebe es viel zu wenig Spitalbetten, um alle medizinisch zu versorgen, sagt Tarek. Ein Bild des Elends. «Unser Land ist so klein, wir können diese Last nicht tragen.» Die Flüchtlinge hätten keine Medizin, kein Geld, kein richtiges Dach über dem Kopf. Viele würden stehlen, um zu überleben, sagt Tarek. Polizei und Militär stehen im Dauereinsatz und werden der Lage doch nicht Herr.

Ein Telefonat alle zwei, drei Tage

Tarek kennt den Krieg, er hat ihn von 1975 bis 1990 im eigenen Land erlebt. «Ich verstehe, dass die Leute flüchten», sagt Tarek und steckt sich eine selbst gedrehte Zigarette an. Das Gespräch wühlt ihn auf. «Die Situation ist nicht nur für die Syrer furchtbar, auch für die Libanesen.»

Die Leute in seinem Heimatdorf hätten Angst. Angst vor den vielen Flüchtlingen, Angst vor den Geschehnissen wenige Kilometer weiter östlich. Der Giftgasanschlag mit rund 1300 Todesopfern beispielsweise ereignete sich nur gerade 50 Kilometer weit weg. Man wisse nie, wann und wo etwas passiert.

Und doch, sagt Tarek, würden die Libanesen versuchen, diesen Bürgerkrieg irgendwie auszuklammern, ihr Leben so normal wie möglich zu führen. «Da wird geheiratet, dort geht eine Autobombe hoch. So ist das, das Leben geht weiter», sagt er.

Fernsehen schaue kaum noch einer, die Libanesen hätten die Nase voll von diesen schrecklichen Bildern. Über den Bürgerkrieg werde bloss gesprochen. «Wir haben selber einen jahrelangen Bürgerkrieg hinter uns, ein Krieg, der niemandem etwas gebracht hat. Es interessiert die Leute nicht mehr.» Tarek selbst telefoniert alle zwei, drei Tage mit seiner Familie, um sich zu vergewissern, dass es allen gut geht.

«Der Libanon braucht Hilfe»

Und wie glaubt er, geht es weiter? Europa solle sich stärker einmischen, solle mit Russland reden und die Regierung dazu bringen, die Haltung gegenüber dem Assad-Regime zu überdenken, sagt Tarek. «Und der Libanon braucht Hilfe, unsere Politiker schaffen es nicht, diese Flüchtlingswelle zu bewältigen.» Tarek dreht sich eine neue Zigarette. «Es gibt auf dieser Welt nichts Schlimmeres als Krieg. Jetzt dauert er schon zweieinhalb Jahre. Wie lange wird es noch dauern? Zehn Jahre, zwanzig?»

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