Adventsgeschichten

«Mamma Mia!» Die Gastarbeiterin Giulia Mettauer-Coronet blieb auch über Weihnachten in der Schweiz

«Mamma mia, waren das Feste!» Giulia Mettauer-Coronet.

«Mamma mia, waren das Feste!» Giulia Mettauer-Coronet.

Jedes Jahr zogen zu Weihnachten tausende Fremdarbeiter aus Italien heim. Giulia Mettauer-Coronet aus Aarau nicht, sie feierte in der Schweiz und erinnert sich gerne.

Das muss eine Aufregung gewesen sein, damals vor 55 Jahren. Da drängten sich vor Weihnachten rund 3500 Italienerinnen und Italiener am Bahnhof Aarau, um mit dem Zug für die Feiertage nach Hause zu fahren. So jedenfalls steht es in der Chronik der Aarauer Neujahrsblätter. Italienerinnen und Italiener, wie sie als Fabrikarbeiter und Dienstmädchen zu Hunderten in der Region arbeiteten.

Eine der ersten Gastarbeiterinnen war die heute 92-jährige Giulia Mettauer-Coronet. Bereits im Mai 1947 war sie in die Schweiz gekommen, in der Hand den Kartonkoffer, um die Schultern die Jacke, welche die Mutter aus einer gefärbten Deutschen Militärdecke geschneidert hatte. Zusammen mit ihrer Schwester und zwei Cousinen war sie in die Schweiz geschickt worden.

In ihrem Heimatdorf gab es nichts mehr; der Krieg hatte ihnen alles genommen. Die Fabriken waren zerbombt, das Dorf geplündert, die Rösser und Kühe hatten die Deutschen mitten auf den Feldern geschlachtet. Also gingen sie. Nach Venedig. «Da würden Dienstmädchen für die Schweiz gesucht, hatte man uns gesagt.»

Als Giulia mit 19 Jahren nach Aarau kam, gab es hier gerade einmal zehn Italienerinnen. Die ganz grosse Welle mit Hilfsarbeitern aus Italien würde erst Mitte der Fünfzigerjahre ankommen. Zu Weihnachten konnte es nicht genug Guetzli geben.

Giulia wurde einer Familie im Zelgli zugeteilt. Eine traurige Familie, eben war die Frau und Mutter gestorben. Sie musste sich also nebst Küche, Waschküche und Garten auch um die beiden schulpflichtigen Mädchen kümmern. Der Monatslohn betrug 70 Franken, wohnen konnte sie in der Mansarde unter dem Dach. Weihnachten wurde da nicht gefeiert, zu traurig seien alle gewesen.

Nach einem Jahr wechselte sie die Familie. Ein reiches, aber bescheidenes Haus. Auch hier wurde gespart. «Eine Bratwurst musste für vier Mäuler reichen.» Nur im Advent, da gab es allerlei Köstlichkeiten.

Aus dieser Zeit hat Giulia Mettauer ein kleines, abgegriffenes Notizheft. Da stehen die wichtigsten deutschen Begriffe, gefolgt von Schweizer Rezepten: Rüeblitorte, Birchermüesli – und Mailänderli; «biscotti milanesi». Giulia Mettauer hebt die Hände gen Himmel und seufzt; was sie Mengen an Mailänderli habe backen müssen. «Da gab es nichts, was ich hätte vermissen können.»

Weihnachten. Für viele das Fest des Jahres. Nicht aber für die junge Giulia Mettauer. «In Italien haben wir das kaum gefeiert. Es gab ja nichts zu Feiern.» Geschenke gab es keine, einen Weihnachtsbaum schon gar nicht. Das sei sowieso eine nordische Tradition, das mit dem Baum, in Italien gehöre eine Krippe in die Stube. Zu essen gab es jeweils Polenta mit gedörrten Feigen oder Kastanien.

Und am Dreikönigstag gab es den Strumpf von der Nonna, in guten Jahren gefüllt mit Erdnüssli, sonst mit Kastanien. «Da gab es nichts, was ich an Weihnachten hätte vermissen können», sagt sie. Zumal ja ihre Cousinen und Schwester Irma ebenfalls in der Schweiz waren. Wohl habe sie Briefe geschrieben, und natürlich sei sie auch in die Heimat gereist. Aber dann im Sommer, an den Strand.

Im Gegenteil: Weihnachten wollte Giulia in der Schweiz feiern. Insbesondere in den Jahren, als sie bei Bally in der Schuhfabrik arbeitete. «Mamma mia», ruft sie aus und verwirft die Hände, das seien noch Feste gewesen! An Weihnachten wurden alle Fremdarbeiter nach Schönenwerd ins Kosthaus zum Festtagsschmaus eingeladen.

«Wir hatten es so lustig zusammen», sagt sie. Die jungen Männer hätten ihre Handorgeln mitgebracht, man habe gesungen und getanzt – «aber nur bis 22 Uhr, dann war Nachtruhe.» Dafür habe die gefürchtete Aufseherin schon geschaut.

Einen anderen Stellenwert erhielt Weihnachten, als Giulia Mettauer 1955 heiratete und Kinder bekam. Auch während der 30 Jahre, in denen sie im Goldern-Kindergarten als Abwartin arbeitete.

Noch heute hat sie im Buffet eine Schachtel mit Weihnachtskugeln, die ihr die Kindergarten-Kinder geschenkt haben. Heute macht sie kein grosses Aufheben mehr um die Feiertage. Sie stellt die Krippe auf und backt Guetzli. Mailänderli natürlich.

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