Menziken
«Sagen muss man nicht hinterfragen, man muss sie erzählen»: Karl Gautschi veröffentlicht sein neues Buch «Wynentaler Sagen und Gedenkobjekte»

Der «Musteraargauer», wie Karl Gautschi genannt wir, feiert Jubiläum. Die Sagen-Sammlung mit schauerhaften und mahnenden Geschichten ist sein 20. Buch – und sein letztes, sagt er. Seine Frau ist da noch nicht so sicher.

Katja Schlegel
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Karl Gautschi in seiner Schreibstube daheim in Menziken.

Karl Gautschi in seiner Schreibstube daheim in Menziken.

Katja Schlegel

Ob die verkorkte Flasche noch immer in der Friedhofsecke vergraben liegt? Die Flasche mit dem Geist von Bauer Balz, dem Geizhals aus Gontenschwil, an dessen Todestag Jahr für Jahr die besten Kühe tot im Stall lagen? Oder treibt die rabenschwarze Seele noch immer des Nächtens ihr Unwesen im Unterdorf?

Karl Gautschi (82) lächelt vielsagend. Wer weiss. Wichtig ist das auch gar nicht, «Sagen muss man nicht hinterfragen», sagt er. Aber man muss sie erzählen. Denn fürchteten sich früher die Menschen vor den verführenden Jungfern und bösen Geistern aus den Sagen, macht Gautschi vor allem eines Angst: das Vergessen ebendieser. Um das zu verhindern, hat er eben das Buch «Wynentaler Sagen und Gedenkobjekte» veröffentlicht. Eine Sammlung von Schauerhaftem und Mahnendem, von Absurditäten und handfesten Erinnerungsstücken, in Stein geschlagen und in Metall geprägt.

Grob geschnitzte Zeugen unserer Geschichte

Die Sagen und Gedenkobjekte, sie sind eine Herzensangelegenheit. «Sagen sind grob geschnitzt, sind keine hohe Literatur, nicht elegant geschliffen», sagt Gautschi. «Aber sie sind echt, kernig. Es sind Zeugen der Geschichten unserer Vorfahren, schildern uns ihre Ängste und Hoffnungen.» Bereits während des Studiums hat er angefangen, sich für Sagen zu interessieren, 1982 hat er eine erste Sammlung mit dem Titel «Von Rittern, Geistern und verborgnen Schätzen – Sagen aus dem Wynental» veröffentlicht. Inspiriert vom grossen Schweizer Sagen-Sammler Ernst Ludwig Rochholz, ergänzt von Erzählungen, die Gautschi in Altersheimen und Schulzimmern gesammelt hat.

Dem Vergessen entgegenzuwirken, dieser Antrieb, er war es auch, den Gautschi die Gedenkobjekte hat zusammentragen lassen. Sämtliche Aargauer Gemeinden hat er angeschrieben, die Geschichten hinter rund 400 Objekten recherchiert. Jetzt reiht sich im Regal in seinem Arbeitszimmer Bundesordner an Bundesordner. Bis auf die Wynentaler Objekte unveröffentlichtes Wissen, das nun einen Verleger bräuchte. Keine einfache Sache, sagt Gautschi.

Aber immerhin sind nun in seinem neuen Buch die Rätsel um die Reinacher Kentuckystrasse, die Gedenktafel zum Oberkulmer Rotkorn oder zum Gontenschwiler Jakob Frey geklärt. Nicht zu vergessen: das goldene Suppenhuhn im Wirtshausschild am Reinacher «Alzbach», eine ganz besondere Geschichte von zerknirschten Autofahrern, einer frei herumlaufenden Hühnerschar und einer findigen Wirtin.

Bücher gehen weg wie warme Weggli

Wie gross das Interesse an Wynentaler Sagen und Gedenkobjekten ist, überrascht selbst Gautschi. Er hat das Buch in einer Auflage von 700 Stück drucken lassen – und die gehen weg «wie warme Weggli». Man kennt ihn halt, den «Musteraargauer», als der er von den 70ern bis in die 90er für das «Aargauer Tagblatt» Kolumnen geschrieben hat, als den Menziker Bezirkslehrer, der er 40 Jahre war, als Dozent für Geschichtsdidaktik an der Pädagogischen Hochschule. Und auch wenn er den «Musteraargauer» nicht mehr gerne hört, so steht er doch auch für eine tiefe Heimatverbundenheit, für ein Bewahren heimatkundlichen Wissens. Und das wird geschätzt. Was Gautschi besonders freut: Die Wynentaler Gemeinden haben das aktuelle Buchprojekt nicht nur unterstützt, viele haben auch gleich ein paar Exemplare für ihre Schulen bestellt.

Das vorliegende Buch ist die Nummer 20 aus Gautschis Feder, erschienen nur zwei Jahre nach seiner Menziker Dorfgeschichte. Vor knapp 60 Jahren, 1962, hat er als Student sein allererstes Buch veröffentlicht, mit Gedichten über Zürich; ausgerechnet. Gautschi lacht, zuckt entschuldigend mit den Schultern. «Aber die Gedichte sind gut.» Und was kommt jetzt, was kitzelt ihn noch? «Ich schreibe kein Buch mehr», ruft Gautschi laut, den Kopf zur offenen Tür gedreht; in der Stube nebenan sitzt seine Frau Marianne. «Jetzt geniesse ich nur noch – und lese», doppelt er nach. Aus der Stube schallt lautes Lachen.

Hinweis

«Wynentaler Sagen und Gedenkobjekte» ist in der Wyna-Buchhandlung Reinach, im Hexenmuseum auf Schloss Liebegg und über www.menzachverlag.ch erhältlich.

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