Die Vordere Vorstadt, eine der historisch wichtigsten Strassen Aaraus, soll umfassend saniert und umgestaltet werden. Das Baugesuch lag bis vergangene Woche öffentlich auf. Neben Werkleitungs- und Hochwasserschutz-Arbeiten, von denen man am Ende nicht viel sehen wird, gibt es drei grosse Änderungen: Die Fahrbahn wird zugunsten des Fussgängerbereichs markant verschmälert. Die Pflastersteine werden durch Asphalt ersetzt. Und auf der gesamten Vorderen Vorstadt wird künftig Tempo 20 («Begegnungszone») gelten.

Laut Auskunft des Stadtbauamts sind während der Auflage von Bauprojekt und neuer Signalisation insgesamt fünf Einwendungen gegen das Gesamtprojekt eingegangen. Davon betreffen zwei das Strassenbauprojekt und drei die neue Verkehrsanordnung.

Beliebtes Postkartensujet bedroht

Einer der Einsprecher ist Patrick Huber. Ihm gehört das Geschäft «Münzen Huber», das seit über 15 Jahren an der Vorderen Vorstadt, gleich gegenüber dem Saxer-Haus, ansässig ist. Zwar gehört ihm die Liegenschaft nicht und er selber wohnt auch nicht in Aarau. «Aber als Geschäftsinhaber sehe ich mich in der Pflicht, meine Vorbehalte anzubringen», sagt er. Konkret stören ihn am Projekt zwei Dinge: die geplante Begegnungszone und der Ersatz der Pflästerung durch Asphalt.

Dass die Stadt die «Bsetzistei» einfach so durch profanen Asphalt ersetzen darf, wohingegen private Bauherren in der Altstadt alles unternehmen müssen, um den Charme ihrer Häuser zu erhalten, findet Huber grotesk. «Der Oberturm ist aus dem Blickwinkel der Vorderen Vorstadt seit mehr als dreihundert Jahren das wohl meistabgebildete Sujet und Wahrzeichen Aaraus», betont er in seiner Einsprache. Huber weiss, wovon er spricht, sammelt er doch leidenschaftlich alte Ansichtskarten und Bilder, auch von Aarau. «Selbst heute noch beobachte ich vor meinem Geschäft täglich zahlreiche Touristen, die genau diese Ansicht fotografieren.» Wieso nun der Bereich zwischen dem gepflästerten Aargauerplatz vor dem Regierungsgebäude und der ebenfalls gepflästerten Rathausgasse asphaltiert werden soll, versteht er nicht. «Klar kostet es mehr», sagt Huber – der Stadtrat sprach einst von knapp 1,3 Mio. Franken in der Maximalvariante (analog Altstadtgassen). «Aber Strassen baut man für Jahrzehnte. Und wenn die Pflästerung nun verschwindet, wird sie nie wiederkommen.»

In seiner Einsprache, die der AZ vorliegt, betont Huber: «Die historische Zone besteht nicht nur aus der Kernaltstadt.» Auch im Baugesuch heisse es, der Gassenraum der Vorderen Vorstadt sei als ein Teil des übergeordneten Ganzen, der Altstadt von Aarau zu verstehen. «Dieses Zitat spricht für sich und gegen eine Ungleichbehandlung mit den anderen Altstadtzonen», so Huber. «Die Projektverantwortlichen verkennen den Wert einer ganzheitlichen Optik und den Charme, welcher vom Gubersteinbelag im Zusammenhang mit einer gepflegten historischen Bausubstanz ausgeht.»

Huber weiss, dass er mit seinem «Bsetzistein»-Einwand spät dran ist. Der Einwohnerrat hat den Baukredit abgesegnet und sich explizit gegen Pflästerung – und gegen eine Öffnung des Stadtbachs, die ebenfalls diskutiert wurde, geäussert. «Aber es ist die erste Gelegenheit für die Bevölkerung, mitzureden», sagt er.

Patrick Huber bringt in seiner Einsprache auch Bedenken bezüglich dem «Begegnungszonen»-Regime an. Einerseits, weil darin die allermeisten Markierungen wegfallen. Unter anderem die Warenumschlagplätze. «Die Gewerbetreibenden an der Vorderen Vorstadt sind darauf angewiesen», schreibt Huber an die Stadt. In einer Begegnungszone herrscht Parkverbot, es gibt aber keine eigentlichen Parkverbotsschilder. Huber befürchtet, dass sich dadurch ein Parkier-Chaos ergeben könnte. «Das sieht man auch ab und zu beim Graben. Dort sind die Raumverhältnisse aber wesentlich grosszügiger.» Huber ist ausserdem der Ansicht, es brauche kein Tempo-20-Regime in der Vorderen Vorstadt. Verkehrsmessungen hätten gezeigt, dass die durchschnittlich gefahrene Geschwindigkeit sowieso nicht über 35 km/h liege, und es gebe so gut wie keine Unfälle.

Eine Volksabstimmung braucht es für das Projekt übrigens nicht: Die Investitionssumme (gesamthaft 5,73 Mio. Franken) liegt im Kompetenzbereich des Einwohnerrats.