Macht Platz für Jüngere
Nach 18 Jahren verlässt der Altgrüne Hansjörg Wittwer den Grossen Rat: Wo hat er gesiegt, wo verloren?

Nach 18 Jahren verlässt Hansjörg Wittwer, 67, den Grossen Rat. Er sagt, wo er obsiegt hat und wo er gescheitert ist.

Daniel Vizentini
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Hansjörg Wittwer (67, Grüne) bei der Grossratssitzung am letzten Dienstag.

Hansjörg Wittwer (67, Grüne) bei der Grossratssitzung am letzten Dienstag.

Britta Gut

Politik zu machen, heisst stets kleine Schritte zu vollbringen. Bei dringenden Themen wie gerade dem Klimawandel ginge es zwar nicht so schnell, wie es müsste. Aber dennoch komme man immer ein wenig weiter. Hansjörg Wittwer beschreibt so seine langjährige Erfahrung in der Politik. Seit 2003 sitzt der 67-jährige Aarauer im Grossen Rat, zuvor war er zehn Jahre lang Einwohnerrat. Er gehört damit zu einer Generation von Pionieren, als die Grüne Partei aneckte und nicht auf der Grünen Welle reiten konnte wie heute. «Wir waren eine sehr ungeliebte Partei und sind bis jetzt noch nicht wirklich akzeptiert», sagt er. Sein Generationskollege Hanspeter Thür (71) schaffte es vor 20 Jahren nicht, Stadtrat zu werden. Erst nach Jahren im Nationalrat konnte er das Wählervertrauen in Aarau gewinnen.

«Wir mussten um unsere Positionen kämpfen und viel Vorarbeit leisten», sagt Hansjörg Wittwer. Vor 18 Jahren habe es viel Mut gebraucht, gewisse Themen aufs Tapet zu bringen. Viele grüne Anliegen seien heute eta­blierter. Unangenehme Dinge spreche die Partei heute noch an. Aber die neue Generation, darunter seine Nachfolgerin Mirjam Kosch (35), könnten nun auf einer soliden Basis weiterarbeiten.

Die «Neugrünen»: Jung und studiert

Was unterscheidet die sogenannten Altgrünen von den Neugrünen? «Wenn ich auf die Wahlliste schaue, dann haben sie alle ausgezeichnete Ausbildungen, etwa in Umweltwissenschaften», sagt Hansjörg Wittwer. «Ich höre auch deshalb jetzt auf, weil ich sehr Freude habe an den Jungen Grünen im Bezirk.» Anfang Jahr entschied er, nicht mehr zu den Wahlen anzutreten. «Jetzt müssen die Jungen ran.»

Das energetische Bauen war seine Front – mit Erfolg

Erfolgreich politisieren konnte Hansjörg Wittwer zum Beispiel für ein energetisch besseres Bauen. Als heute pensionierter Architekt war dies seine Front. «Minergie-Standards sind heute die Norm. Am Anfang mussten wir aber sehr dafür kämpfen», sagt er, der das energieeffiziente und umweltschonende Bauen in seiner Arbeit mehrmals selber umsetzen konnte.

Länger ist aber die Liste der Dinge, an denen er gescheitert ist. Letztes Jahr etwa wollten die Grünen gemeinsam mit GLP, SP und EVP-BDP im Kanton den Klimanotstand ausrufen. «Dort habe ich wirklich alles getan, was ich nur konnte», sagt er. Er habe mehrere Vorstösse eingereicht und gar beim Zentrum für Demokratie Aarau eine Bestätigung eingeholt, wonach das Vorhaben juristisch korrekt sei. Doch der Rechtsdienst vom Kanton winkte ab und so auch das Parlament.

Der Grosse Rat solle sich dazu verpflichten, seine Entscheide stets vor dem Hintergrund des Klimawandels zu überprüfen. Zusammen mit Barbara Portmann (GLP) habe er immerhin erreicht, dass man die Auswirkungen fürs Klima bei allen Geschäften ausweisen muss. «Wichtiger ist natürlich, dass wir handeln und etwas gegen den Klimawandel unternehmen.»

Weitere Vorstösse, etwa bezüglich Schutz der Insekten oder ein Verbot von Pestiziden in der Nähe von Trinkwasserfassungen, fanden im Rat keine Unterstützung. «Betreffend Wasserqualität läuft zu wenig, die Agrar­lobby vergiftet fast ungehin- dert Wasser, Luft und Böden stark», sagt er. Ein Verbot nahe der Quellfassungen wäre «das absolute Minimum» gewesen. «Ich verstehe es nicht.»

Gegen Umfahrung Suhr, für Einzonung Neumatte

Dezidierte Voten gab Hansjörg Wittwer zuletzt vor einem Monat, als er die Süd- und Ostumfahrung von Suhr – das Projekt Veras – als ein Vorhaben bezeichnete, das weit übers Ziel hinaus schiesse. Auswirkungen auf die Umwelt seien ungenügend untersucht worden. Und überhaupt gehe es ums Prinzip: «Man kann nicht immer noch mehr Strassen bauen», sagt er. «Wir müssen die Mobilität einschränken. Mit intelligenten Verkehrsleitsystemen könnten wir dort viel erreichen.»

Bei der Einzonung des Gebiets Neumatte in Hirschthal hingegen bekannte er sich dafür. «Ich habe keine Freude, aber irgendwie müssen wir Platz schaffen für das Vorhaben der Firmen dort. Und mir ist es lieber, wenn die Firma Pfiffner dort ausbauen kann, als wenn etwa neue Wohnungen entstehen», sagt er, der in Kölliken aufgewachsen ist, die betroffenen Unternehmen deshalb gut kennt und deren Bedeutung für die Region hoch einschätzt. «Zudem ist der Siedlungstrenngürtel dort bereits mit den Gewächshäusern zugebaut, darum ist diese Einzonung nicht so problematisch.»

Nun wird die Neumatte eingezont, am Projekt Veras scheiterte er aber erneut, auch weil die Grünliberalen auf die Vorlage eintraten. «Die GLP ist pragmatischer», sagt er. «Ich hingegen finde, bei Veras wird masslos übertrieben.» Trotzdem bezeichnet er die GLP heute als grosse Hoffnung für grüne Anliegen. Bei den Wahlen im Oktober gewannen die Grünen die drei Sitze, die die SP verlor. Die GLP legte aber zu. Die Zusammenarbeit mit Barbara Portmann hebt er hervor, aber auch mit anderen Ratskollegen. «Es war sehr spannend, es kamen und gingen ganz viele, die ich vermissen werde», sagt er.

Seine letzte Grossratssitzung hat Hansjörg Wittwer am Dienstag in der Umweltarena in Spreitenbach. «Vom Aktiven verabschiede ich mich aber nicht.» Er wird sich um seine Familie und sechs Enkelkinder kümmern.