Kantonsspital Aarau

Neues Geburtshaus «Nordstern»: Die ersten Babys sind schon da

Im Geburtszimmer: Chefärztin Monya Todesco mit den Beleghebammen Olivia Schreiner und Antoinette Schefer (v.r.).

Im Geburtszimmer: Chefärztin Monya Todesco mit den Beleghebammen Olivia Schreiner und Antoinette Schefer (v.r.).

Mit dem Angebot für natürliche Geburten nur mit Hebammen hat das Kantonsspital Aarau einen Nerv getroffen.

Elia war der Erste. Der Bub kam im Mai 2017 in einem brandneuen Geburtszimmer des Kantonsspitals Aarau zur Welt. Die zwei Zimmer in einem separaten Gebäude auf dem KSA-Gelände waren ein Pilotprojekt: Hier finden Gebärende Bedingungen wie bei einer Hausgeburt vor, aber in unmittelbarer Nähe zu Frauenklinik und Neonatologie des Kantonsspitals, wo jederzeit Ärzte verfügbar sind – falls bei Mutter oder Baby Komplikationen auftreten.

Ärzte und Pflegepersonal gibt es in den Geburtszimmern nicht; auf Hausgeburten spezialisierte Hebammen begleiten die Mütter.

Die Nachfrage steigt stetig an – es brauchte mehr Platz

Das Angebot hat Monya Todesco Bernasconi ins Leben gerufen. Sie ist Chefärztin Geburtshilfe und Perinatalmedizin am Kantonspital und «die einzige Chefärztin der Schweiz mit eigenem Geburtshaus», scherzt sie. Schon bald nach dem Start im Mai 2017 zeichnete sich ab: Die Idee war ein Volltreffer, die Nachfrage steigt und steigt.

2018 kamen 84 Babys hebammengeleitet im Geburtszimmer zur Welt, dieses Jahr sind es bereits 94. Mittlerweile kämen nicht mehr nur die Frauen, die ohnehin gerne zu Hause oder in einem Geburtshaus gebären würden, sondern auch solche, die sich das unter normalen Umständen nicht zutrauen würden, erklärt die Chefärztin. «Die Nähe zum Spital gibt ihnen Sicherheit.»

Mit dem Erfolg kam die Platzknappheit. Deshalb – und weil der frühere Standort mittelfristig dem KSA-Neubau weichen muss – sind die Geburtszimmer seit Ende September in einer alten Stadtvilla ganz im Norden des KSA-Geländes untergebracht. Das neue Geburtshaus heisst «Nordstern» und hat mit fünf Familienzimmern und diversen Nebenräumen nun grössere Kapazitäten.

Zehn Babys sind hier schon zur Welt gekommen. Elf Beleghebammen leiten Geburten im «Nordstern», in aller Regel sind sie dabei zu zweit. Im KSA-Geburtshaus wird nicht im Schichtsystem gearbeitet; die Hebammen lernen «ihre» Frauen im Idealfall schon während der Schwangerschaft kennen und sind dann auf Pikett, wenn der Geburtstermin näher rückt.

Der Vater wird intensiv mit einbezogen

Zum Hebammen-Team gehören Antoinette Schefer (Aarau) und Olivia Schreiner (Lenzburg/Baden). Sie sind sich einig: Das Haus ist besonders gut geeignet für werdende Mütter, die sich weder mit einer Hausgeburt noch mit einer Spitalgeburt so richtig anfreunden können. «Manchmal sind auch die Begebenheiten zu Hause nicht ideal, oder die Frau hat eine Spitalphobie», sagt Antoinette Schefer.

Die Familien bleiben zwei bis drei Nächte in ihrem Zimmer. «Familie» ist durchaus wörtlich zu verstehen: Der Mann bleibt bei seiner Familie, betreut Mutter und Kind. Auch nachts, wenn ausser einem Freiwilligendienst niemand im Haus ist. Selbst Geschwisterkinder sind willkommen. Ziel ist, dass die Familie so schnell wie möglich selbstständig wird.

Olivia Schreiner: «Der Mann muss sich Zeit nehmen und Verantwortung übernehmen wollen. Nicht nur während der Geburt, sondern auch im Wochenbett. Die Frau hat so nicht nur mehr Erholungszeit, der Mann wächst auch von Anfang an in seine Rolle hinein. Mann und Frau sollen gemeinsam als Eltern nach Hause kommen.»

Finanziell gesehen ist gebären im Geburtszimmer etwas weniger teuer als eine konventionelle Spitalgeburt, weil medizinische Interventionen, die auf der normalen Station routinemässig gemacht werden, wegfallen. Eine hebammengeleitete Geburt im Geburtshaus kommt aber längst nicht in jedem Fall infrage.

Sondern nur, wenn Mutter und Kind gesund sind, die Geburt termingerecht ist (37. bis 42. Schwangerschaftswoche), die Mutter noch nie einen Kaiserschnitt hatte und das Kind richtig liegt. Antoinette Schefer: «Es gibt ab und zu Eltern – vor allem die Männer – , die der Ansicht sind, man könne es trotz nicht idealen Voraussetzungen mal im Geburtszimmer versuchen, das Spital sei ja nahe. Das lehnen wir ab.»

Eine von vier Geburten wird ins Spital verlegt

Medikamente verabreichen die Hebammen nicht. Wenn die Mutter diese benötigt, wird sie auf die normale Station verlegt. Dann ist die Beleghebamme aus dem Spiel. Eine Konkurrenzsituation ergebe sich dennoch nicht, betonen Antoinette Schefer und Olivia Schreiner, die Zusammenarbeit klappe «hervorragend».

Etwa ein Viertel der Geburten, die im Geburtshaus beginnen, enden in der Frauenklinik. «Die Verlegungsrate ist auf den ersten Blick höher als in anderen Geburtshäusern», sagt Chefärztin Monya Todesco. «Das liegt aber daran, dass wir hier aufgrund der räumlichen Nähe schneller verlegen, wenn es ein Problem gibt. Deshalb ist auch die Kaiserschnittrate vergleichsweise niedrig.» Die Verlegung, so betont Antoinette Schefer, sei kein Aufgeben und meist kein Notfall, «sondern eine gute Alternative».

Und es ist auch möglich, dass eine werdende Mutter den umgekehrten Weg geht: «Kürzlich kam eine Frau zum Gebären in die Frauenklinik, als wir dort überhaupt keinen Platz mehr hatten», sagt Monya Todesco. «Als Alternative zur Verlegung in ein anderes Spital haben wir ihr dann spontan eine hebammengeleitete Geburt im Geburtszimmer angeboten – das hat sehr gut geklappt.»

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