Originelle Alternative
Eine Passionsmusik ohne Chor – statt der «Toggenburger Messe» gibt es Haydn

In der Stadtkirche Aarau dirigiert Dieter Wagner zum Palmsonntag für einmal nicht seine Kantorei, sondern ein reines Orchesterwerk ohne Gesang.

Sibylle Ehrismann
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Dieter Wagner, Dirigent der Kantorei der Stadtkirche.

Dieter Wagner, Dirigent der Kantorei der Stadtkirche.

Bild: zvg

Einschränkungen können auch innovativ wirken. In kirchlichen Kreisen darf zwar noch vor kleinem Publikum musiziert werden, singen aber ist verboten. So musste Dieter Wagner, Dirigent der Kantorei der Stadtkirche, die geplante «Toggenburger Messe» von Dieter Roth zurückstellen. Dafür liess er sich eine originelle Alternative einfallen: Joseph Haydns «Sieben letzte Worte unseres Erlösers am Kreuze» in der ursprünglichen Orchesterfassung.

Selten kommt es vor, dass ein Komponist für einen kirchlichen Feiertag kein Chorwerk, sondern eines für Orchester schreibt. Joseph Haydn bekam 1787 den Auftrag, für die Kirche Santa Cruz im andalusischen Cadíz explizit ein Orchesterwerk für die Passionszeit zu schreiben, und zwar auf die ­sieben letzten Worte Christi am Kreuz. Dazu konzipierte der Komponist sieben Sätze in langsamem Tempo, musikalische Mediationen zu den Worten Christi, die übrigens in lateinischer Sprache in den Noten ­stehen.

Eines der schönsten Orchesterwerke von Haydn

Sieben langsame Sätze hinter­einander zu hören, kann schnell ermüden, nicht so bei Haydn. Nach der überraschend kecken Ouvertüre breitet der Komponist eine ruhige, innige Klangatmosphäre aus, die nicht einfach schwer und melancholisch wirkt, sondern von wunderbaren Melodien getragen wird. Nicht umsonst zählen viele Musikliebhaber dieses Orchesterwerk Haydns zum Schönsten, was er je geschrieben hat. Dennoch hört man diese Orchesterversion nur selten. Bekannter sind die Fassung für Streichquartett und das gleichnamige Oratorium.

Wie kam Dieter Wagner darauf? «Das ist eine lustige Geschichte», erzählt er in unserem Gespräch. «Bei einem Ferienaufenthalt schlenderten wir durch die schöne Altstadt von Cadíz und kamen an eine unscheinbare Kirche. Auch innen wirkte sie sehr nüchtern, nichts Besonderes. Dann fiel uns der doppelstöckige Altar auf mit einem üppig ausgestatteten Kreuz auf – wir befanden uns unverhofft in der ‹Kirche des Heiligen Kreuzes› und lasen dort, dass Haydn für diese Kirche sein Passionswerk geschrieben hat. Da wusste ich, diese kaum mehr gespielte Urfassung will ich einmal aufführen.»

Kirche ist ausverkauft, aber es gibt Livestream

Und nun ist es so weit. Das Orchestra da Vinci aus Basel spielt in der Stadtkirche in Kleinstformation, aber mit vielen Bläserfarben: zum einfach besetzten Streichquintett kommen Flöten, Oboen, Fagotte, vier Hörner, Trompeten und Pauken. Und zwischen den einzelnen Sätzen reflektiert Pfarrerin Dagmar Bujack die «Sieben letzten Worte Christi am Kreuz» als liturgische Abendfeier. Die Aufführung ­findet am kommenden Palmsonntag zweimal statt, um 15.15 und um 17 Uhr. Leider sind ­beide Termine bereits ausverkauft. Man kann sie aber über Youtube per Livestream mitverfolgen, auf der Website der Stadtkirche findet sich der Link dazu. www.ref-aarau.ch.