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Otto Rauch: «Leider schlafen die Behörden beim Hundeimport»

«Manchmal ist man eben der bessere Hundefreund, wenn man keinen eigenen Hund hält»: Otto Rauch hat seine Hündin Tosca auf einem Bild verewigt.

Der 84-jährige Rombacher Otto Rauch gilt als einer der profiliertesten Kynologen der Schweiz.

Was macht ein Kynologe?

Die Kynologie ist die Lehre vom Hund und etwas spezifischer vom Rassehund. Mein persönlicher Fokus lag auf der Gesundheit.

Ein Beispiel?

Der Dalmatiner galt lange als doof. Erblich bedingt waren jedoch einige Exemplare schlicht gehörlos. Wir lösten das Problem, indem wir Exemplare mit dieser Disposition rigoros aus der Zucht verbannt haben. 2018 wies die Zuchtstatistik des Rasseklubs erstmals keine tauben Dalmatiner in der Schweiz mehr aus.

In der Öffentlichkeit heisst es hin und wieder, der Rassehund sei degeneriert.

Manchmal stimmt es leider. Beim Englischen Bulldoggen wurden überlange Unterkiefer und Kurznasigkeit herangezüchtet, die das Atmen erschwerten. Nicht selten belohnte man das auf Hundeausstellungen sogar mit prestigeträchtigen Titeln.

Etablierte Züchterkreise vor allem in Grossbritannien stemmten sich gegen Reformversuche, für die auch der Schweizerische Rasseklub eintrat. Das führte letztlich zur «Schaffung» einer neuen, gesünderen Rasse, dem Continental Bulldog, notabene unter Schweizer Patronat, wobei auch ich mithelfen durfte.

Sie eckten also manchmal auch an?

Natürlich. Peter Rub, der vormalige Präsident der SKG, hat einst über mich gesagt: «Nicht überall ist er sofort auf Gegenliebe gestossen.» Letztlich hätten aber meine sachlichen Argumente überzeugt.

Generell gibt es viele Akteure im Hundewesen: Vereine, Züchter, Liebhaber, Tierschützer, Veterinäre, Gesetzgeber usw. Alleine die SKG hat über 115 Rasseklubs. Alle haben ihre eigenen Interessen und manchmal auch Eitelkeiten. Will man etwas erreichen, muss man möglichst alle an einen Tisch kriegen.

Gibt es nicht eine gewisse Marktdynamik, gegen die man kaum ankommt?

Das ist so, wie in vielen anderen Bereichen auch. Wenn heute Hunde für ein paar hundert Franken nachgefragt werden, so ist zu befürchten, dass sie der Markt auch liefert. So werden Hunde mit gesundheitlichen Schwächen aus Massenproduktionen ohne Beachtung von Tierschutzvorschriften aus dem Ausland importiert und hinterlassen ihre genetischen Spuren in der Schweizer Population. Hier bräuchte es gesetzliche Eingriffe und eine Kooperation auf europäischer Ebene. Leider schlafen da unsere Behörden.

Sie gelten auch als Vater des Mikrochips zur Kennzeichnung und Identifizierung von Hunden.

Ich habe mit meiner Idee wesentlich dazu beigetragen, dass heute in der Schweiz alle Hunde einen Chip tragen. Solche Chips gab es bei grossen Tieren schon lange. Als wir 1987 mit der Entwicklung begannen, waren die Chips etwa so gross wie eine Tablette, also 5 × 20 Millimeter.

Einem Hund kann man das sicher nicht implantieren. Mit privaten Entwicklern konnten wir die Grösse auf das Format eines Reiskorns verkleinern. 2001 wurde dieser Chip eingeführt, nachdem der internationale Verband den Einsatz empfohlen hatte. Seit 2006 ist der Mikrochip für Hunde in der Schweiz obligatorisch.

Warum wurde der Mikrochip denn nötig?

Die zunehmenden Zuchtvorschriften zur Gesundheitsförderung verlangten vermehrt Gesundheitsatteste. Die Veterinärmedizin stellt aber Atteste nur aus, wenn das begutachtete Tier gekennzeichnet ist. Vor der Ära der Mikrochips wurden Hunde tätowiert. Daran störten sich begreiflicherweise die Tierschutzorganisationen, denn tätowieren ist schmerzhaft.

Waren Sie schon als Bub ein Hundeliebhaber?

Meine frühste Erinnerung an einen Hund ist sogar negativ.

Wie bitte?

Mein Vater war im Aktivdienst. Als er auf Urlaub war, gingen wir in eine Beiz. Da spielte ich mit einem Hund unter dem Tisch, bis er mich in den Arm biss.

Trotzdem kamen Sie noch auf den Hund.

Meine Familie hatte Katzen. Den ersten Hund kauften wir 1971. Die Familie wollte einen kleinen, ich einen grossen. Da nahmen wir einen Dalmatiner, etwas dazwischen. Das war Layka. Mit ihr machte ich Hundesport und kam immer mehr in die Hundeszene rein. Sie wurde 15 Jahre alt. Unser zweiter Hund, ebenfalls ein Dalmatiner, hiess Tosca. Da ich beruflich stark engagiert war, ging meine kynologische Karriere aber erst mit der Pensionierung 1998 so richtig los.

Heute sind Sie 84 Jahre alt. Haben Sie noch einen Hund?

Als Tosca starb, beschlossen meine Frau und ich, dass wir einem Hund nicht mehr gerecht werden würden, schweren Herzens natürlich. Aber manchmal ist man eben der bessere Hundefreund, wenn man keinen eigenen Hund hält.

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