Reinach
Aufregung um «Schlafzimmerpestalozzi»: Witzige Hörcollage um Oswalt Kolles Film «Das Wunder der Liebe»

1968 lief «Das Wunder der Liebe» im Reinacher Kino Sommer. Ein Skandal für viele Wynentaler. Eine Hörcollage blickt nun zurück auf diese Zeit. Am Sonntag wurde sie im Theater am Bahnhof gespielt, gefolgt von einer Podiumsdiskussion.

Peter Weingartner
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Nadia Pfendsack (links) im Gespräch mit Brigitte Ruckstuhl und Stefan Lienhard.

Nadia Pfendsack (links) im Gespräch mit Brigitte Ruckstuhl und Stefan Lienhard.

Peter Weingartner / Aargauer Zeitung

Wann gab’s das schon? Aus den Kantonen Zürich und Luzern strömten die Leute nach Reinach ins Kino: 1968 hatte sich die Aargauer Filmkommission liberaler gezeigt, als es die Zensurbehörden der Nachbarn waren. Hier durften die Lichtspieltheater – auch das Kino Sommer in Reinach, wo jetzt das Theater am Bahnhof (TaB) sein Zuhause hat – den Kultfilm «Das Wunder der Liebe, das sexuelle Universum einer unaufgeklärten Generation» von Oswalt Kolle zeigen.

Eine Hörcollage «KinoWunder» von KanalK und dem TaB-Ensemble über diese Geschichte liess gestern schmunzeln, nach dem Hörgenuss auch diskutieren. Das Hörspiel, von den TaB-Leuten mit Autor Adrian Meyer und Regisseurin Gunhild Hamer mit Sinn für Witz, Ironie und einem Augenzwinkern in Szene gesetzt, kam trefflich an. Erinnerungen bei den Älteren, Staunen bei den Jüngeren: Zungenküsse galten als pervers; Kondome gab’s nur für Verheiratete.

«Öppis für Glüsteler» oder gehobene Unterhaltung?

Auch die Wynentaler kommen im halbstündigen Hörspiel zu Wort. «Öppis für Glüsteler», wird einer Frau in den Mund gelegt, «schlüpfriges Zeugs», einer anderen. Man(n) verweist auf die Scheinheiligkeit der katholischen Luzerner und schaut sich als Oberwynentaler den Film doch lieber in Gränichen an.

Als Beobachter fungiert Röbi Hauri, der Platzanweiser im ehemaligen Kino Sommer, dem «Haus für gehobene Unterhaltung». Im Gegensatz zum Kino Rössli, der «Revolverküche», zeigte man Hochkultur, von Fellini über Visconti bis Truffaut, von «Ben Hur» bis zum «Gefrorenen Herz». Und eben: das Werk des «Schlafzimmerpestalozzis» Kolle. Wobei: Es gab zwar Haut zu sehen, maximal zwei Minuten am Stück, aber Busen waren das Höchste, kein «Schnäbi».

Kolle hatte sich die Aufklärung auf das Zelluloid geschrieben. Hurra! Sexualität sei «nicht nur ein Laster», sondern «psychohygienische Notwendigkeit», «normalen Triebausbrüchen» geschuldet. Wer mehr hören will: «Kinowunder» kann als Podcast heruntergeladen oder auf der Website von KanalK gehört werden.

Im Gespräch nach dem Hörstück diskutierte Nadia Pfendsack mit der Gesundheitswissenschaftlerin und Historikerin Brigitte Ruckstuhl und dem Reinacher Primarlehrer Stefan Lienhard, zum Schluss auch mit dem Publikum. Brigitte Ruckstuhl zeigte, wie Normen entstehen und verändert werden.

Und sie entlarvte auch Kolles männliche Sicht, die erst durch die Frauenbewegung und später die Queerbewegung korrigiert wurde. Ebenso wies sie auf die Bedeutung der Macht- und Gewaltfrage hin: In den ersten Prozessen um sexuelle Gewalt habe man meist die Frau als Schuldige identifiziert.

Offenheit gegenüber Diversität, gegen Stereotypen

Auseinandersetzung statt Aufklärung, diesem Credo von Ruckstuhl schliesst sich der Primarlehrer Stefan Lienhard an. Auf der Suche nach seiner Identität gelte es, vom Kind (das mit neun Jahren vielleicht schon einen Porno gesehen hat) auszugehen: «Die Fragen der Kinder aufnehmen und sie beantworten.» In einer pluralen und multikulturellen Gesellschaft sehen beide Podiumsteilnehmenden unterschiedliche Wertvorstellungen, die parallel existieren.

Konservative Tendenzen, nicht nur in der katholischen Kirche, auch in reformierten Freikirchen. Kein Sex vor der Ehe als Beispiel. Lienhard will Offenheit vermitteln, macht sich für Diversität stark, gegen Stereotypen, wie eine Frau, ein Mann zu sein habe, auch in Äusserlichkeiten: «Da waren wir zum Teil schon einmal weiter.»