Ein Buch zur Wasserung

Roman Signer ist einer der bedeutendsten Schweizer Künstler: Die Liebe zum Kajak verbindet ihn mit Aarau

Roman Signer und Carlo Mettauer (l.) wassern das Kajak seit 1999 gemeinsam. Jetzt gibt es ein Buch dazu.

Roman Signer und Carlo Mettauer (l.) wassern das Kajak seit 1999 gemeinsam. Jetzt gibt es ein Buch dazu.

Der Künstler hat ein ganz besonderes Verhältnis zu seinem Kajak. Einmal im Jahr wird es in Aarau gewassert. Ein Buch gibt es dazu auch.

Die Herren haben sich eben am Geländer vor Rinne und Kajak für die Fotografierenden aufgereiht, da passiert es: Aus dem Schacht über der Rinne schiesst eine Taube, paff, als hätte Roman Signer (82) ihren Sturzflug eigenhändig gezündet. Es muss fast so sein, so passend, so unerwartet ist das Federvieh in die Szene geplatzt, wie von Signer inszeniert.

Doch die Taube soll dem Kajak nicht die Show stehlen. Zufall wars, basta, die Tauben würde schon lange in diesem Schacht nisten, sagt Roman Signer später, er kenne die Tiere.

Ums Kajak gings, im Hinterhof des Roschtigen Hunds am Ziegelrain, und das schon zum 21. Mal. Nicht um die Wasserung; die hat coronabedingt in Kleinstbesetzung im Frühling stattgefunden. Nein, diesmal ging es um die Vernissage des Buches, das die vergangenen 20 Wasserungen würdigt. Der Titel: «Roman Signer – 20 Wasserungen eines Kajaks im Roschtige Hund, Aarau». Auf 60 Seiten ist jede der Einladungen abgebildet, eingerahmt vom Einleitungstext von Carlo Mettauer, alt Stadtrat und «Wasserungsbeauftragter» der Ortsbürger sowie einem Text von Rachel Withers, der erstmals im Katalog zu Signers Ausstellung im Barbican Center London veröffentlicht wurde.

Es ging um dieses Buch und um das Fest an und für sich. Das Fest zur Wasserung, das nicht hatte stattfinden können, musste nachgefeiert werden. Das Fest ist wichtig. Denn die Wasserung folgt einem klaren Muster: Immer an einem Donnerstag im Mai, immer mit einer Ansprache von Carlo Mettauer, immer mit musikalischer Begleitung, gefolgt vom Öffnen der Stadtbachschleuse, immer mit Häppchen, nicht zu vergessen der Ortsbürgerwein.

Das ist kein Zufall. Das gehört zum Gesamtkunstwerk.

Die alljährliche Wasserung war so nicht geplant

«Romans Arbeit bekommt Jahrringe», so Carlo Mettauer in seiner Ansprache, «sie manifestiert sich im Fundament von Aarau, von Jahr zu Jahr.» Wer hätte das damals, vor 21 Jahren gedacht? Im Mai 1999, als das Kajak in die Rinne gehängt wurde? Damals, als noch keiner daran dachte – auch nicht Roman Signer – dass dieses Kajak jemals wieder gewassert beziehungsweise jedes Jahr wieder gewassert werden würde?

Der Zufall war’s, tatsächlich, der Aarau dieses Kajak samt alljährlicher Akt der Wasserung beschert hat. Der Stadtrat war vom für das umgebaute historische Landjägerwachthaus angedachten Kunst-und-Bau-Projekt nicht überzeugt, weshalb ihm schliesslich Roman Signers Skizze vom «Kajak in der Rinne» – das Kajak ist eines von Signers Hauptthemen – unterbreitet wurde. Die Skizze überzeugte sofort. Und 1999 wurde das Kajak eingesetzt.

Was dann mit dem Kajak geschah, überraschte selbst Signer. Schnee und Eis beschädigten das Objekt aus Kunststoff derart, dass es ersetzt werden musste. Also entschied man, ein neues Kajak zu giessen, das jeweils auf dem Estrich des Landjägerhauses überwintern sollte. 2001 fand die erste offizielle Wasserung statt. Und aus der einmaligen Installation wurde ein Ritual.

Ein Ritual mit Jahrringen; das für Signer typische Spiel mit den Aggregatszuständen, das um den Zeitbegriff erweitert wurde. Das «Kajak in der Rinne» ist laut Mettauer sein grösstes Gesamtkunstwerk. «Ein schöner Zufall, dass es sich so entwickelt hat», sagt Signer selbst. Der Künstler aus St.Gallen, inzwischen zählt er zu den bedeutendsten lebenden Schweizer Künstlern überhaupt, kommt selbst jedes Jahr an die Wasserung. «Es ist ein schöner Frühlingsbrauch mit einer sehr positiven Stimmung.»

Bekommt Aarau bald einen dritten Signer?

Es dauerte nicht lange, bis sich auch die zu Beginn etwas skeptischen Aarauer an das knallrote Kajak – rot ist es übrigens, weil Signer aus eigener Erfahrung als Wildwasserfahrer im eisigen Wasser «etwas Warmes» braucht zum Reinsitzen – gewöhnt hatten. Mettauer sagte es so: «Wir Aarauerinnen und ­Aarauer lieben diese Installation, seit rund einer Generation gehört sie schon zu uns. Sie bereichert unsere Stadt, und wir sind stolz darauf.»

Mit dem Kajak, den Ventilatoren am Bahnhof und der Sammlung im Kunsthaus Aargau sei Aarau heute schon eine Signer-Stadt, sagte Mettauer bei seiner Ansprache. «Und ein drittes Objekt ist aufgegleist.» Worum es konkret geht, verriet Mettauer am Rande der Veranstaltung: Eine Rakete mit angebrachtem Farbbeutel, die – an einem Drahtseil gezündet – den Beutel an eine Hausfassade klatscht. Welche Fassade es sein soll, ist bereits klar, was fehlt, ist nur noch die Bewilligung der Eigentümerin. «Da hat Corona uns die letzten Monate ausgebremst.»

Doch zurück zum Kajak. Bald wird es wieder aus der Rinne gezogen, schon klebt der herbstliche Schorf auf seinem Rücken. Im Estrich wird es warten bis zur nächsten Wasserung, der zweiundzwanzigsten. Hoffentlich mit einem richtigen Fest, wie es sich gehört.

Hinweis Das Buch 20 Wasserungen eines Kajaks im Roschtige Hund, Aarau, ist für 25 Franken erhältlich in der Buchhandlung Kronengasse sowie beim Kunstverlag Vexer (St.Gallen).

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