Sie ist überall. Steht zwischen Orchideengestecken und Kerzenständern, hängt über den Bistrotischen, ist an die Wände genagelt: die Geschichte des Industriebetriebes der F. Aeschbach AG. Sie ist in der Aeschbachhalle, dem historischen Herzstück des Aeschbach-Quartiers, omnipräsent.

Als Aufnahmen aus dem Familienalbum, als Preislisten, Skizzen, Katalogbilder und seit Anfang Woche aus ganz Handfestem, als drei Knetmaschinen und einem Doppel-Rührwerk. Echt Aeschbach, echt Artofex, die älteste knapp 100 Jahre alt, alle funktionstüchtig. Und alle in diesem leuchtenden Türkis lackiert, dem originalen Aeschbach-Blau.

Wenn Robert Aeschbach (65) liebevoll von einem Heimkommen dieser Maschinen spricht, dann meint er das todernst. Produziert wurden sie natürlich in diesen Räumen. Doch vor allem sind das für ihn nicht einfach bloss Maschinen, nicht leblose Konstrukte aus Metall und Eisen. «Das ist emotionaler», sagt Aeschbach.

Geliefert bei Nacht und Nebel

Diese Maschinen sind das Vermächtnis seines Grossvaters, seiner Familie. Und sie stehen für einen Namen, der Aarau in der ganzen Welt berühmt gemacht hat: Artofex. Die Knetmaschinen, die einst bei Nacht und Nebel an die Bäcker ausgeliefert werden mussten, weil die Kunden Brot aus Teig wollten, den der Bäcker im Schweisse seines Angesichts geknetet hatte; die neue Technologie war ihnen suspekt.

Die Knetmaschine, die in Hotelküchen und Bäckereibetrieben auf allen Kontinenten stand – oder vom Schah von Persien bestellt wurde, um darin Kreide für den Schulbetrieb zu mischen.

Robert Aeschbach hat seinen Grossvater, den Firmengründer Friedrich Aeschbach, nie persönlich kennen gelernt; dieser war lange vor seiner Geburt gestorben. Aber Robert Aeschbach ist mit der Firma aufgewachsen, sie hat ihn geprägt.

Da sind die Kindheitserinnerungen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als Vater Fritz Aeschbach die Firma führte. Und Robert Aeschbach hütet noch immer das Vermächtnis der Familie, die alten Verkaufsbücher und Prospekte, die Aufnahmen des Firmengeländes. Er kennt die Halle aus dem Jahr 1910 noch so, wie sie einst war.

Die Giesserei, die Schmitte, die Montagehallen, in denen alles nach Öl und Eisen roch, so intensiv, dass man es auf der Zunge schmeckte. Sie war als Kind sein Abenteuerspielplatz, der Ort, der ihn – ebenfalls studierter Maschineningenieur – nachhaltig prägte.

Die Welt dreht sich weiter

Mit welchem Gefühl steht er nun heute hier? In der geheizten Halle mit schneeweissen Vorhängen vor den vollgesprayten Wänden, gefüllt mit Designermöbeln und Blumenarrangements; in der Halle, in der es höchstens noch nach Möbelpolitur riecht? «Ich bin begeistert von der Halle», sagt Robert Aeschbach.

Ihm gefalle sehr, dass hier aus etwas Altem etwas Modernes entstanden sei. Dem Verschwundenen trauert er nicht nach. «Die Welt dreht sich weiter. Es wäre nicht gerechtfertigt, auf einem so zentralen Gelände einen solchen Betrieb stehen zu lassen.»

Auch wenn mit Ausnahme der Halle alle anderen Gebäude der F. Aeschbach AG den Neubauten Platz machen musste, so ist die Industriegeschichte heute so präsent und greifbar wie noch nie. Dafür haben Robert Aeschbach und seine Familie gesorgt.

Aus Familienalben und gesammelten Unterlagen haben sie Erinnerungen und Fakten zusammengetragen, die nun vom Museum Aargau aufgearbeitet werden, mitunter auch im Hinblick auf das Themenjahr «IndustrieWelt Aargau», das die Industriegeschichte des Kantons beleuchtet. «Wir wollen, dass die Leute den Zeitgeist von damals erfassen können. Diese Aufbruchstimmung, die in so vielen Bereichen und in der ganzen Schweiz geherrscht hat.»

Gezeigt wird die Geschichte der Firma Aeschbach in der Halle nicht nur in Bild und anhand der originalen Maschinen. Sie ist auch auf Infotafeln nachzulesen, unterteilt in die Themenbereiche Friedrich Aeschbach, Halle und Mechanisierung des Backgewerbes. Aufgearbeitet wurden diese von Historiker Manuel Cecilia. Ausserdem werden die Stationen mit Codes versehen, die der interessierte Besucher mit dem Handy scannen kann, und die ihm weitere Informationen und Bilder liefern.

Dass die Geschichte der Firma Aeschbach mehr als bloss Geschichte, sondern eine Herzensangelegenheit für ganz viele Aarauer ist, zeigen Robert Aeschbach die vielen Reaktionen ehemaliger «Aeschbacher». Eingefleischten ehemaligen Mitarbeitern wie Max Käser, der dafür gesorgt hat, dass die originalen Knetmaschinen heute in der Halle stehen. Käser, Stift von 1963 bis 67, heute 71 Jahre alt und der Firma über all die Jahre eng verbunden, mit der Gründung der Artech GmbH auch über das Ende hinaus (siehe Box zur Firmengeschichte).

«Ich bin verliebt in diese Maschinen», sagt Käser, tätschelt das türkise Eisen und erglüht beim Schwärmen über Schmiedetechnik und Fassungsvermögen, über Exaktheit und Lebensdauer, über Firmentraditionen und Messebesuche. Und er sagt über die Maschinen, was auch Robert Aeschbach erwähnt hat: «Diese Maschinen sind mehr als blosse Maschinen. Diese Maschinen stellen Lebensmittel her, das ist etwas anderes. Das sind Emotionen. Dass die nun hier in dieser Halle weiterleben, ist ein wunderbares Gefühl.»