Oberentfelden

Spuren einer Jahrhundertfirma, fast 40 Jahre nach deren Konkurs

Die Kartons wurden teils draussen an der Sonne getrocknet.

Die Kartons wurden teils draussen an der Sonne getrocknet.

Die frühere Kartonfabrik Knoblauch ist Thema einer Sonderausstellung im Industriemuseum Oberentfelden.

Der Abbruch vom Oberentfelder Tenniscenter für eine Wohnüberbauung steht unmittelbar bevor. Viele wissen aber nicht mehr, dass die grosse Tennisanlage nur möglich wurde durch den Konkurs der Firma Knoblauch, die auf dem Gelände Kartons herstellte. Als Zeitzeuge blieb nur noch der frühere Fabrikeingang übrig, zwischen Tierklinik und Hotel Aarau West.

Lange war die «Knoblauch» ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Dann kam 1982 der Konkurs und die Firma fiel als einer der ersten Dominosteine im schrittweisen Zerfall der Oberentfelder Industrie, der bis heute – Stichwort GE – anhält. Im Industriemuseum in der Alten Bürsti, wo früher die Firma Walther Bürsten herstellte, hat Gemeindearchivar Christian Heilmann eine Sonderausstellung aufgebaut über die Kartonfabriken Knoblauch und die vielen Zweige der Besitzerfamilie. So waren Rudolf Knoblauch und später sein Sohn Georg jahrelang bürgerliche Gemeindeammänner von Oberentfelden. Auf Postern werden die Meilensteine der Familie aufgezeigt.

Gemeindearchivar Christian Heilmann zeigt die Karton-Bierdeckel mit dem Knoblauch-Logo.

Gemeindearchivar Christian Heilmann zeigt die Karton-Bierdeckel mit dem Knoblauch-Logo.

1852 gegründet, in Muhen lebt die Fabrik weiter

Die allgemeinen Geschäftstätigkeiten der Knoblauchs reichen bis mindestens ins Jahr 1795 zurück. Damals betrieb Johannes Knoblauch eine Werchreibe und Gipsmühle, seine Nachkommen später eine Sägerei und eine Brauerei. 1852 begann Jakob Knoblauch mit der Herstellung von Karton. Das erste Fabrikgebäude – eine ehemalige Baumwollspinnerei – ergatterte er aus der Konkursmasse von seinem Schwiegervater Jakob Döbeli, der zuvor gestorben war.

Die ersten Pappendeckel wurden mit Maschinen der Küttiger Firma Frei-Sauerländer hergestellt. Nach einer längeren Pause startete die Produktion 1876 unter Rudolf Knoblauch wieder durch. Dieser hatte zuerst die Kartonfabrik in Muhen bauen lassen – die Nachfolgefirma Kapag produziert noch heute dort – und dann durch die Produktionsstätten in Oberentfelden ergänzt. Eine vier Kilometer lange Telefonleitung stellte die Kommunikation zwischen beiden Standorten sicher.

Die Blütezeit der Firma kam in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Emil Knoblauch Senior. Der Niedergang schliesslich unter seinem Sohn, Emil Knoblauch-Amberg. Ihm wird ein extravaganter Lebensstil nachgesagt, so hatte er etwa einen eigenen Reitplatz gleich hinter dem Büro. Und es sind einige kontroverse Aktionen von ihm gegenüber den Behörden dokumentiert: 1965 wehrte er sich gegen die Eigentrassierung der WSB und forderte Busse anstelle der Bahn. Als die Autobahn gebaut wurde, liess er auf eigene Kosten ein alternatives Projekt ausarbeiten und setzte offenbar mehrere seiner Firmenangestellten dafür ein. Sein Wunsch: Die Autobahn sollte im Abschnitt Oberentfelden auf sechs Meter hohen Stützen gebaut werden, damit seine Landflächen in Oberentfelden und Muhen nicht getrennt würden.

Diese und andere Aktionen führten zu einem Ressourcenverschleiss der Firma in einer Zeit, in der es Industriebetriebe in Europa nach der Ölkrise und mit der einsetzenden Globalisierung sowieso immer schwerer hatten. «Er hat sich verzettelt», drückt Christian Heilmann das Vorgehen von Emil Knoblauch Junior diplomatisch aus.

Das Ende der Firma versuchte dieser mit allen Mitteln zu verhindern, schaffte es aber lediglich, es zu verzögern: Sechs Jahre lang dauerte das Konkursverfahren ab 1976. Im März 1982 schrieb die NZZ, wie der damals 70-jährige Emil Knoblauch vom Bezirksgericht Aarau wegen «leichtsinnigen Konkurses und Erschleichung eines Nachlassvertrags» zu vier Monaten Gefängnis bedingt verurteilt wurde. Er habe «den schlechtesten der möglichen Auswege aus der finanziellen Misere gewählt» als er versuchte, 15 Millionen Franken für die Sanierung des Betriebs «von Wirtschaftskriminellen zu erhalten». Vor Inkrafttreten der Verurteilung ist Emil Knoblauch gestorben.

Nach Serie von Brandfällen: Sabotage oder Betrug?

Mit solchen Anekdoten werden die Besucher an der Ausstellung unterhalten. Am witzigsten ist sicherlich der kleine interaktive Teil der Ausstellung, wo die Geschichte hinter den vielen Bränden, die die Kartonfabrik erlitt, auf Würfeln erzählt wird. 13 Brandfälle in Folge zogen eine zweijährige juristische Untersuchung mit sich. Die Aargauische Gebäudeversicherung wurde beschuldigt, die Firma Knoblauch zu begünstigen. Emil Knoblauch Senior sprach hingegen von Konkurrenten, die ihn schädigen wollten.

Viel mehr als Poster, Würfel und historische Fotos der Produktionsstätten gibt es aber leider nicht zu sehen. Das Quellmaterial der «Knoblauch» sei «ganz bescheiden», wie Christian Heilmann sagt. Der Besuch im Industriemuseum lohnt sich aber schon wegen der sehr grosszügigen Dauerausstellung über die Firma Walther. An der Eröffnung der Knoblauch-Ausstellung heute Abend wird Sabina Schwaar vor Ort Papier schöpfen und Michel Veuve Karton-Bierdeckel mit dem Knoblauch-Firmenlogo bedrucken.

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