Oberentfelden

«Steuern sind nicht der Hauptgrund»: Gemeindeammann Markus Bircher über den Zukunftsraum Aarau

Markus Bircher, 59, ist seit 2018 Gemeindeammann.

Markus Bircher, 59, ist seit 2018 Gemeindeammann.

Markus Bircher, Gemeindeammann von Oberentfelden, sieht bei einer Fusion im Zukunftsraum nur Positives, wie er im Interview mit der AZ erklärt.

Oberentfelden hat heute gar nicht so viel gemeinsam mit Aarau: Bei der Feuerwehr wird mit Muhen zusammengearbeitet, der Wald wird von den Köllikern bewirtschaftet. Warum reizt es Sie dennoch, ein Quartier der Kantonshauptstadt zu werden?

Markus Bircher: Damit wir als Teil von etwas Grossem den Raum mitgestalten können. Wir halten uns im Lebensraum Aarau auf, sei es in der Arbeit oder der Freizeit. Viele Menschen zügeln innerhalb der Zukunftsraum-Gemeinden. Es stimmt, dass wir nicht so viele Verträge haben mit Aarau. Aber beim Planungsverband aarau regio sehe ich es immer wieder: Beim Portemonnaie hört es auf mit der Solidarität unter den Gemeinden. Als eine vereinte Stadt wären keine langen Verhandlungen für die gemeinsame Finanzierung von Projekten nötig.

Die Fusionsgegner finden dennoch, dass Zusammenarbeit mehr Sinn macht als eine Fusion.

Was ich erlebt habe, ist, dass Zusammenarbeit unter Gemeinden nicht einfach ist. Es gibt extrem viel Arbeit und wehe, eine Gemeinde sagt Nein, dann geht gar nichts mehr. Gleich nach meinem Amtsantritt wurde die Gemeindeammännervereinigung des Bezirks aufgelöst, weil sie eigentlich das Gleiche tat wie aarau regio. Vermisst hat sie niemand.

Ist die Gemeinde Oberentfelden ein Sanierungsfall? Erhofft sie sich mit der Fusion vor allem einen Sprung in finanzieller Hinsicht?

Die Finanzlage wäre sicher besser mit einem Zusammenschluss, sie ist aber ganz sicher nicht der Hauptgrund. Alleine müssen wir früher oder später mit den Steuern hinauf: Die Erweiterung des Schulraums steht an, was sehr viel Geld kostet. Und beim Sozialwesen sind uns die Hände gebunden. Wir können heute nur etwa fünf Prozent unseres Budgets selber beeinflussen. Der tiefere Steuerfuss im fusionierten Aarau wird für den jeweiligen Steuerzahler aber nur ein paar Franken Unterschied machen. Mir geht es bei der Fusion deshalb vielmehr um das miteinander Gestalten unseres Lebensraumes.

Ist das Hauptproblem von Oberentfelden wirklich die Soziallast? Firmen, die Steuern zahlen, gibt es in der Gemeinde ja schon noch.

Wir haben ein gutes, starkes Gewerbe. Der Industrieplatz ist aber recht geschrumpft. Wir sind leider einfach zu attraktiv für Sozialhilfebezüger.

Die Schule Entfelden braucht Platz, Aarau plant unterdessen einen Oberstufen-Campus in der Telli. Werden Oberstufenschüler aus Entfelden einst nach Aarau in die Schule müssen?

Unterentfelden läge theoretisch nahe bei Aarau. Es ist aber nicht angedacht, dass Schüler nach Aarau müssten, und schon gar nicht in die Telli. Dank der Grossfusion könnte die Schule mehr anbieten, etwa im Musikunterricht oder im Schulsport. Auch hätte das Departementsmodell, wo die Schule direkt dem Stadtrat unterstellt ist, sicher die bessere Führungsstruktur.

In absehbarer Zeit wird Oberentfelden mit dem Bahntunnel und der Umfahrung Suhr zur grossen Baustelle. Wird die Bauerei besser zu ertragen sein, wenn die Regierung weiter weg in Aarau sitzt?

Das hat nichts miteinander zu tun. Wir müssen so oder so unsere Hausaufgaben machen und schauen, dass wir schon vor der Fusion im Projekt mit eingebunden werden. Die Neugestaltung unseres Zentrums muss mit der Untertunnelung der Bahn einhergehen. Und betreffend Veras müssen wir schauen, dass wir unsere Schnellstrasse ausbauen, um den neuen Verkehr aufnehmen zu können. Die Projektleitung ist sich dessen aber bewusst, dieser Ausbau läuft parallel.

Hätte man als grössere Kantonshauptstadt mehr Einfluss beim Kanton?

Als ein Ganzes sind wir sicher stärker und haben eine bessere Verhandlungsbasis auf kantonaler wie nationaler Ebene.

Sehen Sie auch negative Punkte? Können Sie die Befürchtungen der Zukunftsraum-Gegner verstehen?

Dass Teile der Verwaltung woanders sein werden – da gibt es sicher Leute, die etwas verlieren. Aber: Ich gehe auch nach Aarau zum Zahnarzt oder in den Ausgang. Man gewöhnt sich daran und lebt gut mit dem Neuen.

Man hört als Gegnerargument vielfach, dass die Gebühren in Aarau höher sind.

Ein Gebühren-Abfallsack kostet in Aarau ein paar Rappen mehr, das tut nicht weh. Wir haben in Oberentfelden aber tatsächlich tiefere Strompreise. Keiner weiss aber, wie sich diese im liberalisierten Markt entwickeln.

Was würde mit den Technischen Betriebe geschehen?

Sie würden in die Eniwa integriert, mit der wir jetzt schon zusammenarbeiten. Verloren geht nichts. Vielleicht steigen die Preise etwas. Ich gehe davon aus, dass sie unter den fusionierten Gemeinden harmonisiert werden. Vielleicht haben wir aber ganz andere Gebührenmodelle bis dann, was einen Vergleich verunmöglicht.

Und dass die Gemeindeversammlung durch einen Einwohnerrat ersetzt wird?

Man hört oft, man würde dadurch Demokratie und Mitbestimmung aufgeben. Ich sage: Die Teilnehmerzahl an den Gemeindeversammlungen ist so klein, und es sind meistens dieselben Gruppierungen. Es ist gar nicht ausgewogen, und ich weiss nicht, ob man da so viel aufgibt. Es mag sein, dass der direkte Kontakt verloren geht und alles ein bisschen anonymer wird. Aber einen Einwohnerrat finde ich politisch breiter abgestützt und legimitierter. Es muss auch überhaupt nicht sein, dass er von Parteien bestimmt wird.

Werden die Stadtteilkommissionen wirklich die erhoffte Mitsprache bringen?

Gerade dank Stadtteilkommissionen und Einwohnerrat hätte die Bevölkerung mehr Einflussmöglichkeiten. Klar, viel Budget stünde den Kommissionen nicht zur Verfügung, aber es wäre mehr als heute, wo wir gar nichts haben. Damit es funktioniert, braucht es aber engagierte Leute.

Sehen Sie weitere Vorteile, die bisher in den Diskussionen kaum genannt wurden?

Eigentlich ist alles besprochen worden. Aber bei allem Positivem findet man immer wieder diejenigen, die alles negativ sehen.

Was ist, wenn Unterentfelden am Mittwoch «Nein» sagt, Oberentfelden aber «Ja»?

Es gäbe ein komisches Konstrukt – und eine neue Situation. Man müsste die Verträge gut aushandeln.

Wäre es nicht besser, würden sich alle Gemeinden beim Fusionsentscheid bedingen?

Es wäre von grösstem Nutzen, wenn alle mitmachen. Dies ist auch die Grundlage der Fusionsanalyse. Sollte die Fusion so zustande kommen, sehe ich natürlich auch Buchs unter Zugzwang. Ein späterer Beitritt wäre sehr gut möglich, ja sogar wünschenswert.

Warum sollte Oberentfelden «Ja» stimmen?

Ich suche stets das Positive: Es ist eine Chance, um miteinander den Grossraum Aarau zu planen und zu gestalten. Wir müssen an die Zukunft denken für unsere Jungen. Und wir müssen uns entsprechend engagieren.

Warum sollte Aarau «Ja» sagen?

Sie wollen als Stadt grösser werden, mit mehr Gewicht nach aussen. Es geht auch um das Signal, das man aussendet: Eine aufstrebende Stadt, in der etwas geht.

Ist eine Fusion nur mit Unterentfelden als Plan B denkbar?

Momentan steht dies ganz klar nicht zur Diskussion. Sollte es mit dem Zukunftsraum Aarau doch nicht gelingen, wäre es zumindest einen Gedanken wert. Gewisse Handlungsfelder könnte man auch aus dem jetzigen Prozess übernehmen mit weinigen Anpassungen. Viele Probleme wären damit aber nicht gelöst.

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