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Telefonkabinen auf dem Rückzug: Kein Schwein ruft sie an

Eine der 72 letzten Telefonkabinen in der Region: Das Publifon in Schafisheim.

Eine der 72 letzten Telefonkabinen in der Region: Das Publifon in Schafisheim.

Telefonkabinen sind ein aussterbendes Zeugnis vergangener Zeiten, als die ständige Erreichbarkeit noch nicht zum Alltag gehörte. Früher war sie beliebt, heute steht sie oft verlassen da — 2018 soll die Telefonkabine verschwinden

Eiskalt ist sie im Winter, stickig im Sommer. Mal stinkt sie nach Alkohol, mal nach Rauch, mal muffig. Die Rede ist von der Telefonkabine. Seit der Verbreitung des Mobilfunks hat sie einen schweren Stand: Während es am Ende der 1990er-Jahre schweizweit bis zu 13 000 öffentliche Sprechstellen gab, ist die Anzahl seither stark geschrumpft. 2009 gab es noch rund 4800, im letzten Jahr waren es 3300. Zurzeit stehen im ganzen Kanton Aargau 214 Publifone – insgesamt 72 in der Region.

Diese Zahl wird in naher Zukunft weiter schrumpfen. Erst vor kurzem hat der Zetzwiler Gemeinderat der Einstellung und dem Rückbau der öffentlichen Telefonstelle zugestimmt. Er teilt die Ansicht der Grundversorgungskonzessionärin Swisscom AG, dass es weder betriebs- noch volkswirtschaftlich Sinn mache, Infrastrukturen am Leben zu erhalten, die praktisch nicht mehr benutzt werden. Auch in Bottenwil und Wiliberg war man dieser Meinung: Dort soll die Telefonkabine im nächsten Jahr abgebaut werden.

Wo steht sie eigentlich noch? Wer benutzt sie und wie oft? Wird man der Telefonkabine nachtrauern? Die az hat drei Publifon-Standorte in der Region besucht.

Kabine nur im Notfall benutzt

Schafisheim Der Verkehr auf der Seetalerstrasse rollt, die Telefonkabine ist leer. «Sehr selten sehe ich jemanden darin», sagt Nada Nikolic, die seit über zehn Jahren gegenüber dem Publifon wohnt. Nada Nikolic schätzt, dass sie vielleicht ein, zwei Mal im Monat benutzt wird.

Einmal von der Kabine aus telefoniert haben der 15-jährige Ismail Avdili und der 14-jährige Eduart Limani. «Damals waren wir in der zweiten Klasse und hatten noch kein Handy», sagen sie unisono. Längst haben beide ein mobiles Gerät, die Telefonkabine benutzen sie kaum mehr. «Nur im Notfall», sagt Ismail Avdili. Beispielsweise wenn das Guthaben auf dem Handy aufgebraucht sei. «Oder wenn der Akku leer ist», ergänzt Eduart Limani. Darum habe er ein Paar Mal von der Kabine am Bahnhof Lenzburg aus telefonieren müssen.

Aarau Rohr Auch hier ist das durchsichtige Häuschen in der Nähe des Einkaufszentrum Coop leer. «Hie und da habe ich gesehen, dass die Telefonkabine benutzt wurde», sagt eine Verkäuferin des Supermarkts. Meistens sei es morgens gewesen, wenn sie draussen zu tun gehabt habe. Sie selber hat den Apparat nie benutzt: «Ich war nie eine, die gross herumtelefoniert hat.»

Noch kein eigener Anschluss

Schöftland In der Telefonkabine an der Dorfstrasse ist niemand zu sehen. Für den Schulpflegepräsidenten Arnold Steinmann ist das nicht verwunderlich. «Jeder hat heute seine eigene Telefonkabine in der Hosentasche», sagt er. Der 66-Jährige ist erstaunt, dass es Publifone überhaupt noch gibt. Zudem stört es ihn, dass vor allem an Wochenenden Zigarettenstummel, Taschentücher oder leere Getränkedosen darin liegen.

Obwohl Arnold Steinmann findet, dass es heute keine Telefonkabinen mehr braucht, hatte er früher oft von einer öffentlichen Sprechstelle aus telefoniert. Denn bis in die frühen 1960er-Jahre hatte seine Familie zu Hause über keinen eigenen Anschluss verfügt.

«Früher stand an jeder Ecke eine Kabine. Das war eine gute Sache», erinnert sich Arnold Steinmann. Auch, weil man damals von der Kabine aus die Auskunft gratis anrufen konnte. «Als Schüler haben wir allerhand Schabernack getrieben», sagt er lachend. Beispielsweise hat er die Auskunft gefragt: «Wie viele Eier legt ein ‹Güggel›?» Oder: «Kann ein Ochse gemolken werden?»

Der Sozialpädagoge hat früher nicht nur von der Kabine aus telefoniert. Oft ist er auch zu den Nachbarn rübergegangen. «Sie hatten ein Telefon», sagt Steinmann. Wann er zuletzt eine öffentliche Telefonstelle benutzt hat? Der Schulpflegepräsident denkt nach und sagt: «Das weiss ich nicht mehr. Vielleicht vor 20, 30 Jahren?»

Arnold Steinmann aus Schöftland weiss gar nicht mehr, wann er zuletzt eine Telefonkabine benutzt hat.

Arnold Steinmann aus Schöftland weiss gar nicht mehr, wann er zuletzt eine Telefonkabine benutzt hat.

Stecker soll gezogen werden

Die Tage der Telefonkabine sind wohl gezählt. Das zeigt der Fernmeldebericht, der Mitte November publiziert wurde. Darin schreibt der Bundesrat, dass die Publifone aufgrund der sehr hohen Verbreitung der Mobiltelefone praktisch «nicht mehr oder höchstens noch an stark frequentierten Orten» ihrer Bestimmung gemäss benutzt werden. Es sei deshalb zu bezweifeln, dass sie auch ab 2018 noch Bestandteil der Grundversorgung bilden müssten.

Noch bis Ende 2017 ist die Swisscom AG im Auftrag des Bundes verpflichtet, die Grundversorgung der Bevölkerung mit Telecom-Diensten, darunter auch Telefonkabinen, vollumgänglich sicherzustellen. In einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag» sagte die Vizedirektorin des Bundesamts für Kommunikation, Annalise Eggimann: «Wir werden wahrscheinlich den Vorschlag machen, dass ab 2018 auf die Publifone verzichtet werden kann.»

Falls der Telefonkabine endgültig der Strom ausgeht, wird Arnold Steinmann Wehmut empfinden? «Nein», sagt er. Er würde ihr nicht nachtrauern.

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