Densbüren

Über 100-jährige Familientradition zu Ende: Restaurant Jura schliesst im Dezember

Ende Jahr ist Schluss: Eine Agenda fürs 2019 kaufen sich Margrit und Eugen Wildhaber nicht mehr.

Ende Jahr ist Schluss: Eine Agenda fürs 2019 kaufen sich Margrit und Eugen Wildhaber nicht mehr.

Nach drei Generationen ist Schluss: Das Ehepaar Wildhaber schliesst sein Restaurant Jura im Densbürer Dorfteil Asp. Die Beizer blicken gerne zurück – besonders auf das Highlight im Jahr 2011.

Als Gottlieb Schneider 1911 das Restaurant Jura in Asp übernahm, kostete der halbe Liter Bier noch etwa 20 Rappen. 1961 – Gottlieb übergab das Restaurant an seinen Sohn Walter und dessen Frau Klara – waren es schon 65 Rappen. Die dritte Generation, Walters jüngste Tochter Margrit Wildhaber-Schneider und ihr Mann Eugen, übernahmen 1984 bei einem Bierpreis von etwa Fr. 2.50. Und Ende 2018, wenn das Restaurant Jura nach drei Generationen altershalber schliesst, werden es Fr. 5.60 sein. Dann endet im Densbürer Dorfteil Asp eine über hundertjährige Familientradition.

Es ist Mittwoch, Ruhetag im «Jura». Margrit (57) und Eugen Wildhaber (66) haben Zeit, um mit der AZ über alte Zeiten zu plaudern und in Fotoalben zu blättern. Der Entschluss, das Restaurant aufzugeben, ist den beiden nicht leichtgefallen. Und er wird auch im Dorf bedauert, gab es doch schon seit 1875 die «Pintenwirtschaft» an der Dorfstrasse.

Dabei liegt das Restaurant nicht unbedingt optimal – der Ortsteil Asp in seinem kleinen Seitental hat so gut wie keinen Durchgangsverkehr. Wer ins «Jura» will, kommt zumeist mit Absicht. «Wir hätten schon unten an der Staffeleggstrasse ein Hinweisschild anbringen können», sagt Eugen Wildhaber. «Aber das war nicht nötig. Für uns hats immer gestimmt, wir sind zufrieden.» Im Moment sind es vor allem die Wanderer, die Ausflügler, die hierherkommen. Etwa auf dem Weg zur Blüemlimatte oder zur Stockmatt, wo die Küchenschellen blühen.

Und dann natürlich die Vereine. Die Schützen, die Musikgesellschaft, der Nähverein, die Feuerwehr, die Frauenriege. Sie alle kommen regelmässig ins «Jura», manchmal zweimal in der Woche, manchmal nur für die jährliche Generalversammlung. «Schon meine Mutter war eine sehr gute Wirtin, die es verstand, die Leute zu unterhalten», sagt Margrit Wildhaber.

Sie, das jüngste von sieben Kindern, war die Einzige, die das Restaurant übernehmen wollte. Den Bauernhof, der dem Restaurant angegliedert war, überliess sie dem Bruder. «Puure wollte ich nicht. Als Kinder mussten wir immer heuen, wenn die anderen in die Badi durften.»

Falsch verstanden

Im Service war Margrit Wildhaber schon immer tätig gewesen. Zunächst auswärts; im Tessin, in Döttingen, in Bözen. Dort, in der «Post» lernte sie ihren Eugen kennen. Aus purem Zufall hielt er, der Flumser Lastwagenchauffeur auf dem Weg «is Dütsche use», dort an. Margrit Wildhaber kichert noch heute, wenn sie die Geschichte ihrer ersten Begegnung erzählt. «Er bestellte eine Schale. Aber ich habe Stange verstanden – und dachte noch: Es sei schade um ihn, dass er schon morgens um 9 ein Bier braucht.» Erst, als sie dem erstaunten Chauffeur die Stange brachte, klärte sich der Irrtum auf.

Und ein paar Kaffee-Halte später lud Eugen die Aargauer Serviertochter in seine Heimat zum Skifahren ein. Geheiratet wurde in Densbüren, und ein Umzug nach Flums kam für Margrit nicht infrage. Also siedelte Eugen in den Aargau über – auch wenn er, so lässt er durchblicken, inmitten der Jurahöhen noch heute einen richtigen Berg vermisst.

Während Eugen Wildhaber bis zu seinem 63. Altersjahr weiterhin seinem Beruf nachgegangen war, führte seine Frau das Restaurant fast alleine: kochte, servierte. Nur bei Grossanlässen holte sie zusätzliche Hilfe. «Nebenbei», so sagt sie, zog sie zwei Töchter gross; Michaela und Sonja. «Sie sind quasi in der Gaststube aufgewachsen. Manchmal hat ihnen ein Gast den Schoppen gegeben, wenn ich beschäftigt war.»

Abgelöscht habe es ihnen in den ganzen 34 Jahren Wirtetätigkeit nie, sind sich Wildhabers einig. «Aber man wird müde. Schlapp machen durften wir nicht», so Margrit Wildhaber. Ihr Mann ergänzt: «Die langen Tage, oft von 8 Uhr bis weit nach Mitternacht, das ist schon anstrengend.» Dafür gönnten sie sich Ferien, fast immer auswärts: «Wir können nicht zu Hause bleiben und draussen gemütlich an einem Tisch sitzen, sonst ist er plötzlich voll», sagt Eugen Wildhaber lachend.

«Wir hatten schöne Jahre»

Wenn man Wildhabers nach dem Highlight ihrer gut 35 Jahre andauernden Wirtetätigkeit fragt, sind sie sich einig: Das Fest zum 100-jährigen Bestehen anno 2011. Das Ehepaar gerät darob noch heute ins Schwärmen. «Schöner hätte es nicht sein können», betont Eugen Wildhaber. Überhaupt fällt die Bilanz positiv aus: «Wir hatten schöne Jahre – und gute, treue Gäste.»

Geplant ist, Ende Jahr eine «Austrinktete» zu veranstalten. «Wir müssen ein Ziel vor Augen haben, sonst hören wir nie auf. Eine Agenda fürs 2019 kaufen wir nicht mehr», sagt Margrit Wildhaber. Sie will aber weiterhin zwei Tage pro Woche arbeiten. Was, weiss sie noch nicht. Einfach nicht mehr im Service, «das hani jetzt gseh». Und ausserdem gibt es da noch Enkel, die gehütet werden wollen. Langweilig wird es Wildhabers nicht.

Was passiert mit dem Restaurant? «Unser Wunsch ist, dass es im Dorf weiterhin ein Restaurant gibt – dafür würden wir die Liegenschaft verkaufen und aus der Wohnung im Obergeschoss ausziehen», sagt Margrit Wildhaber. «Aber wirklich nur, wenn das Restaurant weitergeführt wird. Sonst bleiben wir hier.»

Die Aargauer Gastro-Karte: 

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