Gränichen

Überall riesige Risse im Haus – und der Bauleiter sprach von «Haarrissen»

«Wie soll man so etwas flicken?», fragt sich der Eigentümer des Gränicher Hauses, das beim Hangrutsch im Gebiet Burghalde beschädigt wurde. Er ist empört, dass der Bauleiter nur von «Haarrissen» sprach. Ein Besuch im zerstörten Haus.

In der Burghalde in Gränichen rumort es – nicht nur unterirdisch, sondern auch bei den Anwohnern. Mehrere Wochen ist es her, dass sich der Hang oberhalb der Überbauung Apfelhain erstmals bewegt hat, am Osterwochenende dann kam der grosse Rutsch.

Die Bauherrschaft sprach gegenüber der az von «Haarrissen» und «Schäden an einem der Häuser», die die «Stabilität des betroffenen Hauses nicht massgeblich beeinträchtigen» (wir berichteten).

Diese Aussagen sind Anwohnern sauer aufgestossen. Und auch der betroffene Hauseigentümer, der sich bislang nicht zur Sache äussern wollte, um nicht zu viel Staub aufzuwirbeln, hat es sich anders überlegt. Er will die Schäden nun doch zeigen. Zeigen, dass es mehr als blosse Haarrisse sind.

Meterlange Risse in den Wänden

Die Schäden sind bereits vom Vorplatz aus sichtbar: Die freistehende Garage hat sich bewegt, zwischen Bodenplatten und Sockel klafft eine knapp handbreite Lücke, notdürftig aufgefüllt mit Beton.

Im Garten hat sich da, wo sich der Hang gelöst hat, ein Absatz im Rasen gebildet. Schlimm steht es um das 82-jährige Haus: Meterlange Risse ziehen sich durch das Mauerwerk, die Fenster zum Tal lassen sich nicht mehr öffnen, das Mäuerchen entlang der Kellertreppe hat sich vom Haupthaus abgespalten, die Bodenplatten liegen uneben.

In der Waschküche sieht es noch schlimmer aus: Den Türrahmen hat es von der Wand gerissen, der Boden ist aufgebrochen, die Wandplatten der Dusche in der Ecke sind abgeplatzt und zerscherbelt.

«Ich bin aufgewacht vom Knirschen und Knallen», erinnert sich der Hauseigentümer an die Nacht am Osterwochenende. Dann sei er runter in die Waschküche. Die Haarrisse, die sich seit Jahrzehnten über den Boden gezogen hatten, waren aufgeplatzt.

«Da waren immer Haarrisse, hier wissen alle, wie lebendig der Boden ist», sagt er. «Aber jetzt haben sich die Haarrisse geöffnet.» Auf die Instabilität des Bodens hatten Anwohner die Planer und Bauherrschaft auch bei den Einwendungsverhandlungen aufmerksam gemacht, laut Bauleitung habe man auch eine Hangsicherung gemacht.

Tagsüber im Haus, die Nächte auswärts

Die Risse öffneten sich noch weiter, sagt der Hauseigentümer. Manchmal höre er es knirschen. Und auch wenn ihm die Fachplaner der Bauherrschaft sagen, die Stabilität des Hauses sei gewährleistet, so traut er der Sache doch nicht mehr. Tagsüber ist er im Haus, die Nächte verbringt er auswärts. «Die ganze Sache ist schon sehr belastend», sagt er.

Sein ganzes Leben hat er in diesem Haus verbracht, seine Eltern haben es gebaut. Man habe ihm gesagt, man könne das Haus flicken. Aber er glaubt das nicht. Da sei doch zu viel kaputt gegangen, sagt er.

«Wie soll man denn so etwas flicken können?», fragt er. Das möchte er gerne von der Bauherrschaft hören. «Die Bauherrschaft kümmert sich gut um mich, aber über konkrete weitere Schritte weiss ich noch nichts.»

Draussen am Gartenzaun steht der Nachbar und winkt. Es stimme nicht, dass bloss eine Liegenschaft vom Hangrutsch betroffen sei, sagt er und zeigt zu seinem Wintergarten.

Die Säulen, die den erhöhten Boden tragen, hat es gesprengt oder vom Boden gelöst, die Treppe abgerissen, die Platten sind abgeplatzt. Auch der Riss im Garten zieht sich auf dem Nachbargrundstück weiter, quer durch das Blumenbeet und über den Kiesweg. Auch das sei alles nach den Pfählungen beziehungsweise nach den anhaltenden Regenfällen vor Ostern passiert, sagt der Nachbar. Auch er sagt, die Risse würden immer breiter und tiefer.

«Wir verniedlichen nichts»

Und was sagen die Verantwortlichen dazu? Roger Schmid räumt namens der örtlichen Bauleitung der Bauherrschaft ein, dass es sich bei den Schäden nicht mehr um blosse Haarrisse handelt. «Der Boden hat sich noch einmal bewegt, dabei haben sich die Haarrisse geöffnet.» Weiter bestätigt er, dass nicht bloss eine Liegenschaft, sondern auch das Nachbargrundstück mit dem Wintergarten betroffen sei. An der Aussage, dass die Stabilität des Hauses nicht massgeblich beeinträchtigt sei, hält Schmid fest: «Nach Rücksprache mit dem Geologen und dem Ingenieur ist das Gebäude nicht gefährdet, der Hang ist seit den letzten Messungen stabil.»

Konfrontiert mit dem Vorwurf eines Anwohners, der sich bei der az gemeldet hat, hier würden massive Schäden verniedlicht, kontert Schmid: «Ich möchte klarstellen, dass wir nichts verniedlichen. Wir sind uns des Ausmasses des Schadens bewusst und stehen im ständigen Kontakt mit den Hauseigentümern, den Fachkräften und der Gemeinde, um die Angelegenheit so rasch wie möglich bereinigen zu können.»

Auch die beiden Nachbarn sagen, es gehe nun vorwärts. Die nächsten Tage wird der Hang noch von einer Spezialfirma mit Betoninjektionen und Felsankern gesichert. Sie sind froh drum. Und doch, sagt der eine, hätte das doch alles vermieden werden können. «Hätten die auf uns gehört und den Hang vorgängig mit Ankern gesichert, wäre das alles nicht passiert.»

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