Mit einem Lächeln im Gesicht erklärt Daniel Lüscher (58): «Am ersten Tag habe ich verschlafen.» Das war am 1. Juli 1989. Seither hat der gelernte Podologe eine beispielhafte Karriere in der Bankenwelt hingelegt. Als er bei der Raiffeisenkasse Kölliken-Holziken begann, hatte diese 7 Mitarbeiter und 1100 Mitglieder. Wenn er jetzt als Vorsitzender der Geschäftsleitung der Raiffeisenbank Aarau-Lenzburg, sie entstand durch Fusionen und vor allem durch Expansion, abtritt, sind es 81,5 Vollzeitstellen und 21 401 Mitglieder (Stande Ende 2018).

Lüscher hat es, einer klassischen Raiffeisen-Karriere entsprechend, bis hinauf in den Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz geschafft. Er hat dort ab 2008 den Aufstieg und späteren Fall von Pierin Vincenz hautnah miterlebt. Im letzten Herbst ist Lüscher aus dem Verwaltungsrat zurückgetreten – aus freien Stücken, wie er betont. Und seine Ablösung als Chef der Raiffeisenbank Aarau-Lenzburg sei schon 2017, lang vor dem Bekanntwerden des Falls Vincenz, aufgegleist worden.

«Mich entbehrlich gemacht»

Daniel Lüscher ist wortgewaltig. Er spricht schnell – und gerne in Bildern. Etwa wenn er sagt: «Ich stehe künftig als alter Gaul im Stall und werde bei Bedarf nach vorne geholt.» Gemeint ist die Zeit ab kommendem Montag. Lüscher ist dann nicht mehr Bankleiter, sondern noch zwei Jahre lang Spezialbeauftragter (mit einem 70%-Pensum), ehe er sich im Sommer 2021 definitiv von der Raiffeisenbank Aarau Lenzburg verabschiedet. «Mein letzter Eindruck ist, dass es mich als Bankleiter nicht mehr braucht», sagt Lüscher. «Das ist schön. Ich habe mich entbehrlich gemacht.»

Indirekt spielt der Fall Vincenz dabei doch eine Rolle: «Dank der vermehrten Konzentration meiner Tätigkeit auf St. Gallen musste ich in Aarau-Lenzburg mehr zulassen», sagt Lüscher, der sein Büro stets im Neubau in Kölliken hatte, den er vor 30 Jahren zu planen half.

«Alter Gaul» ist er zwar ab Montag, aber faktisch erst ab Januar 2020. Denn am 24. August verabschiedet er sich in eine Auszeit. «Ich habe mich bis Ende Jahr von allen Verpflichtungen abgemeldet», erklärt Lüscher. Also auch vom Präsidium des Vereins Aarau Standortmarketing («aarau info»). Als Erstes geht er mit der Frau einen Monat lang nach Frankreich.

Daniel Lüscher (Heimatort Seon) wohnt mit seiner Familie seit 15 Jahren in Herznach. Vorher war er 16 Jahre in Kölliken. Aber er hatte immer einen starken Bezug zu Aarau, wo er aufgewachsen ist und bei den Weinkellereien als Erstausbildung das KV gemacht hat. Später folgten die Podologie (mit Meisterprüfung) und der Wechsel in die Bankbranche. «Ich war in unserem Raiffeisen-Kreis der Erste, der das Bankfachdiplom hatte», erklärt Lüscher. Er selber hat etwa 60 Lehrlinge ausgebildet. Viele von ihnen waren mit dabei, als er vorletzte Woche mit einem grossen Fest im Ballyhouse in Schönenwerd verabschiedet wurde.

Die Bank mit Café erfunden

«Das Bankengeschäft hat sich im Grundsatz nicht verändert. Aber es entwickelte sich darum herum eine Finanzindustrie», zieht Lüscher eine Bilanz über seine 30 Jahre. Als er 1989 in Kölliken begann, war Raiffeisen eine reine Spar- und Hypothekenbank (der Hypozins lag bei 8,5 %!). Raiffeisen Kölliken hatte nur ein Wertschriftendepot und nur einen Computer.

Das Erfolgsgeheimnis von Raiffeisen? «Weil wir lokal arbeiten, kennen wir unsere Kunden sehr gut», sagt Lüscher. Und: «Die soziale Kontrolle hat sich bewährt.» Für Lüscher ist klar: «Ein Blick in die Augen gehört zum Bankengeschäft.» Darum hat er auch die Idee der Begegnungsbank, der Bank mit einem Café, angestossen. Die erste wurde vor elf Jahren eröffnet, als die Raiffeisenbank nach Lenzburg expandierte. Die letzte wird im August an der Kasinostrasse in Aarau eröffnet. Die Raiffeisenbank Aarau Lenzburg ist heute in Kölliken, Oberentfelden, Gränichen, Aarau und Lenzburg präsent, Muhen wurde 2017 geschlossen.

Auf eine Expansion ins Seetal hat man verzichtet. Aus Kostengründen und weil dort historisch die «Hypi» sehr präsent ist. Aber die Raiffeisenbank Aarau Lenzburg hat im Seetal über 3000 Genossenschafter (und noch mehr Kunden), die von Lenzburg aus betreut werden.
«Nicht so viel falsch gemacht»

Innerhalb der Raiffeisenorganisation war Lüscher ab 1991 Ersatz-Delegierter. Von 2001 bis 2008 präsidierte er den Regionalverband Aargau. Dann folgte der Sprung in den nationalen Verwaltungsrat. Einen guten Namen geschaffen hatte er sich, indem er eine zentrale Rolle spielte bei der Erarbeitung eines Kreditabwicklungstools, das dann 20 Jahre in Betrieb war.

Die letzten zwei Jahre in St. Gallen seien schwierig gewesen, erklärt Lüscher. Es seien Verwerfungen entstanden, eine aufgestaute Entwicklung habe sich entladen. Aber: «Wir als Verwaltungsrat haben nicht so viel falsch gemacht.»

Was sagt er zu Pierin Vincenz? «In den letzten 10 bis 15 Jahren hatten wir bei Raiffeisen eine extrem starke Entwicklung – dank eines Hauptdarstellers, der die Blicke auf sich zog.» Und: «Er hat sich von den Moralvorstellungen gelöst, die die Gruppe ausmachen.»

Mit der Verhaftung im Februar 2018 sei dann die Vakuumblase geplatzt. «Das Einzige, was man uns Verwaltungsräten anlasten kann, ist, dass wir eventuell die soziale Kontrolle bei einzelnen Personen zu wenig gemacht haben», sagt Lüscher. Da sei auch die Nähe ein Problem gewesen.

Noch ein paar Ideen

Daniel Lüscher ist ein Getriebener. Er sagt etwa: «Es ist alles gut, das es gibt – aber man kann es eventuell noch besser machen.» Oder: «Um mich herum kommt niemand zur Ruhe.» Er selber auch nicht. Für die Zeit nach 2021, wenn er mit 60 Jahren definitiv bei Raiffeisen ausgeschieden ist, erklärt er: «Ich habe ein paar Ideen, die ich auf dieser Welt noch realisieren will.»