Leitartikel

Zur Abstimmung: Warum sich für Aarau das Wagnis Stadion lohnen wird

Urs Helbling

Der Leitartikel zu den Stadion-Abstimmungen vom 24. November in Aarau.

Es gibt neben dem Bus in der Altstadt nur etwas, über das man in Aarau jederzeit mit Jedermann diskutieren kann: das Stadion. Und das schon seit Jahrzehnten. Viele Aarauer sind des Themas überdrüssig und würden gerne erlöst. Ob sie deshalb in zwei Wochen den beiden Stadionvorlagen, der «Teiländerung Nutzungsplanung Torfeld Süd, Stadion 2017» und dem 17-Millionen-Kredit, zustimmen werden? Oder ob sie sie ablehnen, weil sie auf einen anderen, ihrer Ansicht nach besseren Standort, beispielsweise auf der «Obermatte», hoffen und damit eine weitere Verzögerung um viele Jahre in Kauf nehmen?

Fest steht: Es geht für den Fussball, die Stadt und den Kanton am 24. November um viel. Es ist eigentlich kein Aarauer, sondern ein Aargauer Projekt – auch wenn nur die Kantonshauptstädter abstimmen können. Ein Stadion ist Wunschbedarf. Man kann auch sein ohne. Aber wer ein Stadion hat, setzt eine Marke, sorgt für Ausstrahlung. Keine andere Stadt zwischen Zürich und Bern, Basel und Luzern hat eine Fussballarena, wie sie im Torfeld Süd entstehen soll. Das Stadion würde viel über das Selbstverständnis von Aarau aussagen.

Das aktuell vorliegende Projekt mag nicht perfekt sein. Aber es ist auf eine längere Zeit hinaus die beste Lösung – wer keine will, wird bei jeder Variante ein Gegenargument finden. Das Stadion in der vorliegenden Form kostet, so sagen die Initianten, 60 Millionen Franken. Analog seines Vorbilds, der «Stockhorn Arena» in Thun. Diese 60 Millionen übersteigen die Möglichkeiten von Aarau und des Aargaus. Deshalb ist man auf eine Querfinanzierung angewiesen – wie in praktisch allen anderen Stadion-Städten.

Rückblickend ist es ein Glücksfall, dass der «Plan A» mit dem Einkaufszentrum letztlich wegen der einsprachebedingten Verzögerungen nicht realisiert werden konnte. Aarau wäre in Zeiten des Rückgangs des stationären Handels mit einem weiteren Einkaufstempel nicht glücklich geworden.

Jetzt geht es um das, was ursprünglich «Plan B» hiess: die Querfinanzierung mittels vier Hochhäusern. Sie bringt 29 an die 60 Millionen Franken. Die Hochhäuser sind gewöhnungsbedürftig. Sie stehen eng beieinander und bringen der Stadt bevölkerungsmässig nicht einen Entwicklungsschub, sondern einen Entwicklungssprung. Aber sie sind landesweit betrachtet nichts Aussergewöhnliches. Wer mit dem Zug Richtung Zürich unterwegs ist, fährt in Altstetten an Hochauskomplexen vorbei, deren Türme noch viel näher beieinander sind und die noch viel weniger Grünflächen haben.

Das Projekt «Stadion 2017» beinhaltet drei grosse Risiken:

Erstens dürfte es selbst bei der Annahme der beiden Vorlagen am 24. November noch Jahre gehen, bis die ersten Baumaschinen auffahren. Wegen des anstehenden Baugesuchsverfahrens, in dem Einsprachen garantiert und die zeitintensive Beschreitung des Rechtsweges sicher sind.

Zweitens – und das ist wohl das allergrösste Risiko – muss die HRS nach Vorliegen der Baubewilligung auch Investoren finden, die Geld für den Bau der Hochhäuser bereitstellen. Vielleicht ist dann der Wohnbau-Boom zu Ende. Vielleicht gibt es dann so grosse Leerstände, dass selbst an Toplagen nur noch zurückhaltend neue Objekte realisiert werden. Fest steht: Die Aarauer Ortsbürger, allenfalls auch die Einwohnergemeinde, können als potenzielle Investoren eine Rolle spielen – aber niemals eine Tragende.

Drittens gibt es zwar Vorstellungen, wie der Betrieb des Stadions dereinst organisiert und finanziert werden soll. Doch sind diese, was angesichts des frühen Projektstandes nicht weiter verwunderlich ist, noch recht schwammig. Die Stadion-Betriebs-AG soll einen jährlichen Umsatz von 2,5 Millionen Franken erwirtschaften (wenn der FC Aarau in der Challenge League spielt, ist es etwas weniger).

Der FCA wird maximal 600 000 Franken beisteuern. Ob die anderen 1,9 Millionen Franken zu generieren sein werden, wird sich weisen müssen. Die Erfahrung aus anderen Stadion-Städten zeigt, dass es anspruchsvoll sein wird. Und dass die Fussballvereine rasch Mühe bekunden, ihre Beiträge zu leisten (galt besonders für das Vorbild Thun). Es ist zu befürchten, dass das Stadion mittelfristig zu einem Zuschussbetrieb wird, dass die Stadt an den Betrieb jährlich ein bis zwei Steuerprozent wird beisteuern müssen. Doch wer im Mittelland ein Leuchtturm sein will, muss bereit sein, gewisse Risiken einzugehen. Auch das hat dem Selbstverständnis einer Stadt zu tun.

Zwei Wochen vor der Stadion-Abstimmung diskutieren die beiden AZ-Reporter Sebastian Wendel und Ruedi Kuhn über die Zukunft des FC Aarau

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Versetzen Sie sich zurück ins Jahr 1969. Hätten Sie damals der Zonenplanrevision zugestimmt, die den Bau der Telli-Siedlung ermöglichte? Jener Überbauung, ohne die man sich Aarau heute kaum mehr vorstellen könnte? Jener Siedlung, die landesweit als Vorzeigebeispiel gilt? Die Aarauer haben in den letzten zwölf Jahren schon drei Mal Ja gesagt zu einem Stadion-Bau. Sie sollten es am 24. November ein viertes und fünftes Mal tun. Das Wagnis «Torfeld Süd» wird sich lohnen – genau so, wie es die «Telli» tat.

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Urs Helbling

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