Aarau

Warum Suzanne Marclay-Merz ihre Karriere unterbrach und jetzt in den Stadtrat will

«Die Menschen spüren , dass ich sie gerne habe, dass ich ehrlich und offen bin»: Mit einem engagierten Strassenwahlkampf hat es Suzanne Marclay-Merz im Herbst bei den Grossratswahlen auf den ersten Ersatzplatz geschafft. Es fehlten ihr nur rund 250 Stimmen für die Wahl.

«Die Menschen spüren , dass ich sie gerne habe, dass ich ehrlich und offen bin»: Mit einem engagierten Strassenwahlkampf hat es Suzanne Marclay-Merz im Herbst bei den Grossratswahlen auf den ersten Ersatzplatz geschafft. Es fehlten ihr nur rund 250 Stimmen für die Wahl.

Die Aarauer Freisinnigen wollen mit Suzanne Marclay-Merz (43) den Sitz ihres nicht mehr wiederkandidierenden Stadtrates Lukas Pfisterer (43) verteidigen. Die Juristin erklärt im grossen Interview ihre Wurzeln, warum sie nach Aarau zog und in der Politik verändern will.

Frau Marclay, Sie wurden 2010 zur Gerichtspräsidentin von Kulm gewählt. Haben Sie 2015 mit diesem Job aufgehört, weil er Ihnen nicht mehr gefallen hat?

Suzanne Marclay-Merz: Im Gegenteil. Es war einer der interessantesten Jobs, die ich je gehabt habe. Ich war unglaublich nahe am Puls der Menschen, bekam spannende Einblicke in die Probleme der Gesellschaft. Diese Stelle aufzugeben, war für mich einer der schwersten Schritte in meinem Leben.

Was war der Grund?

Der Entscheid war rein familiär bedingt. Wir hatten eine Krisensituation bei der Betreuung unserer drei Kinder. Wir hatten nach der Geburt unseres dritten Kindes von der Krippe auf eine Nanny gewechselt. Doch die Frau fiel nach kurzer Zeit krankheitsbedingt aus. Wir wollten zurück in die Krippe, bekamen aber die Plätze nicht mehr.

Und dann haben Sie das Ruder herumgerissen.

Die Familie ist mir das Wichtigste, deshalb habe ich meine Karriere zurückgestellt. Ich arbeitete damals als Gerichtspräsidentin 60 Prozent.

Wie alt sind Ihre Kinder heute?

Der Kleinste ist zweieinhalb Jahre alt und geht zweimal pro Woche in die Spielgruppe. Die Mittlere wurde gerade fünf und besucht den kleinen Kindergarten. Die Älteste geht mit sieben in die 1. Klasse.

Ihr Mann ist Unterwalliser – sprechen Ihre Kinder Französisch?

Sie wachsen bilingue auf. Mein Mann spricht mit ihnen konsequent Französisch.

Will die FDP im Stadtrat von Aarau vertreten: Suzanne Marclay-Merz

Will die FDP im Stadtrat von Aarau vertreten: Suzanne Marclay-Merz

Sie wären Gerichtspräsidentin geblieben, wenn das Angebot für ausserfamiliäre Kinderbetreuung besser wäre?

Ja, wenn wir nicht in diese Situation geraten wären, wäre ich wohl noch immer Gerichtspräsidentin.

Was könnte die Stadt in diesem Bereich verbessern?

Die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist enorm wichtig. Die Stadt muss hier ein Schwergewicht legen, um Familien anzuziehen und zu halten. Es gibt bei der ausserfamiliären Kinderbetreuung zu viele regulatorische Probleme und Hürden.

Sie haben 2012/2013 mit Ihrem Mann ein Haus im Gönhard-Quartier gebaut. Was gab den Ausschlag für den Umzug nach Aarau?

Zuerst haben wir in Zürich gelebt und waren schon länger auf der Suche nach einer Liegenschaft im Aargau. Wegen der Wohnsitzpflicht als Gerichtspräsidentin nahm ich vorübergehend Wohnsitz im Bezirk Kulm. In Aarau haben wir dann endlich ein Haus gefunden – das war ein Glücksfall. Mein Mann ist zwar im Wallis aufgewachsen, seine Mutter stammt aber aus Aarau. Deshalb ist auch er sehr stark mit der Stadt verbunden. Er hat jeweils einen Teil seiner Sommerferien im Gönhardquartier verbracht.

Wo haben Sie Ihren Mann kennen gelernt?

In einer Anwaltskanzlei in Zürich. Wir haben beide bei Walder Wyss gearbeitet.

Weshalb heissen Sie Marclay-Merz und nicht Merz Marclay?

Als wir 2008 heirateten, wussten wir, dass wir Kinder haben möchten. Ich wollte gleich heissen wie unsere Kinder. Ich tat mich am Anfang schwer mit dem Namenswechsel. Darum habe ich den Doppelnamen behalten. Das «Merz» ist mir auch sehr wichtig.

Woher kommt das «Z» in Ihrem Vornamen?

Das ist die französische Schreibweise. Meine Eltern fanden den Namen so schön.

Marclay-Merz in der Aarauer Altstadt.

Marclay-Merz in der Aarauer Altstadt.

Sie haben in Zürich nicht nur gearbeitet und Ihren Mann kennen gelernt, sondern auch Jurisprudenz studiert.

Ja, nach der Kanti in Aarau. Dann arbeitete ich zuerst bei Baker McKenzie, einer internationalen Kanzlei. Nachdem ich das Anwaltspatent gemacht hatte, war ich ein paar Monate in London – eine tolle Zeit.

Von Ihrer zweiten Stelle bei Walder Wyss haben Sie zu Microsoft Schweiz gewechselt und dort vier Jahre lang als Mitglied der Geschäftsleitung gearbeitet. Was haben Sie da gelernt?

Das Technologieumfeld ist extrem schnelllebig und vielseitig. Ich habe gelernt, im kalten Wasser zu schwimmen. So verhandelte ich beispielsweise in derselben Woche internationale Software-Verträge, arbeitete an Strategien gegen Piraterie und besprach mit den Datenschutzbehörden Massnahmen für neue Technologien.

Im letzten Herbst wurden Sie ganz knapp nicht als Grossrätin gewählt. Waren Sie enttäuscht?

Ganz und gar nicht. Ich war sehr positiv überrascht über das Resultat, den ersten Ersatzplatz. Als ich mich zur Kandidatur entschied, war mir bewusst, dass ich eigentlich keine Chance habe: Die Bisherigen sind wieder angetreten, und ich stand weit hinten auf der Liste.

Sie sind eine ausdauernde, talentierte Strassenwahlkämpferin. Was lieben Sie an Ihren Auftritten auf der Bühne Igelweid?

Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass man auf die Leute zugeht. Und ihnen zeigt, dass man ein Interesse an ihnen und ihrer Lebenssituation hat. Ich möchte greifbar sein. Ich will nicht einfach nur von Plakatwänden lächeln.

Warum kommen Sie bei den Leuten so gut an?

Danke für das Kompliment! Die Menschen spüren vielleicht, dass ich sie gerne habe, dass ich ehrlich und offen bin.

Gehen bürgerliche Politiker zu wenig auf die Strasse?

Teilweise ja. Wegen des Erfolges der Vergangenheit ist man etwas zu bequem geworden. Da haben wir Luft nach oben.

Suzanne Marclay-Merz vor der Aarauer Stadtbibliothek.

Suzanne Marclay-Merz vor der Aarauer Stadtbibliothek.

Aarau entwickelt sich je länger, je mehr zur links-grünen Stadt. Wie erklären Sie sich das?

Aarau ist keine Ausnahmeerscheinung, das ist ein schweizweites Phänomen. Das hat mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Aber auch mit der Ausrichtung der links-grünen Parteien, die immer mehr Leute im höheren Einkommensbereich abholen. Die SP macht – das muss ich neidlos zugestehen – sehr gute Wahlkämpfe. Die Sozialdemokraten können stark mobilisieren.

Sie leben erst seit vier Jahren in Aarau, gehörten nie dem Einwohnerrat an. Hatte der Freisinn keine Kandidaten mit stärkeren Aarauer Wurzeln?

Ich bin in Möriken aufgewachsen. Das Zentrum Aarau hat mich stark geprägt. Ich lernte da Schlittschuh laufen, hatte hier meine erste Ballettaufführung, habe die Alte Kanti besucht. Ich bin sehr stark verbunden mit Aarau. Und aufgrund meiner Berufserfahrung könnte ich neue Impulse einbringen. Eine Verdoppelung von bestehenden Fähigkeiten ist weniger fruchtbar als eine Ergänzung mit neuen Kompetenzen. Es müssen nicht alle Stadträte vorher x Jahre im Einwohnerrat gewesen sein.

Woran krankt die Aarauer Politik?

Alle ziehen am gleichen Strick und wollen Aarau weiterbringen. Aber im Einwohnerrat werden ideologische Prinzipien oft höher gewichtet als das Wohl der Sache.

Das Patt der Blöcke ...

Ja – man sollte wieder vermehrt an die Sachpolitik und die Ziele denken.

Ein aktuelles Beispiel?

Bei den Energie- und Klimazielen hat man einen Zusatzkredit durchgedrückt, obwohl man wusste, dass die die IBAarau und der Kanton gewisse Bereiche bereits abdecken und dort die Investition aufgrund der Verdoppelung wenig bringen. Genau dieses Geld fehlt nun an anderen Orten – das finde ich schade.

Wenn Sie der Stadt eine Radikalkur verpassen könnten, welche Massnahme würden Sie ergreifen?

Radikalkuren erreichen selten das Ziel. Ich würde es auf sanftere Art machen. Die Digitalisierung ist in aller Munde. Es gibt einen Wandel bei den Arbeitsformen, die für Mitarbeiter und Organisationen ein enormes Chancenpotenzial beinhalten. Da muss die Verwaltung mit dem Umdenken beginnen und etwas fitter werden.

In Aarau zuhause: Suzanne Marclay-Merz

In Aarau zuhause: Suzanne Marclay-Merz

Sie haben eine Vorliebe für Coworking Spaces. Woher kommt das?

In meiner Zeit bei Microsoft haben wir uns viele Gedanken zur Zukunft der Arbeit gemacht und auch sehr aktiv damit experimentiert. Wir hatten bereits 2009 die Initiative «Home Office Day» lanciert. Coworking Spaces haben den Vorteil, dass man nicht den Haushalt und die Kinder hinter sich hat, sondern konzentriert arbeiten kann – und das in der Nähe des Wohnortes. So habe ich letzte Woche den neuen Popup Coworking Space beim Restaurant Sportplatz getestet.

Sie wurden im August Schulrätin des Bezirks Aarau, im Januar Präsidentin der FDP Aarau und sind jetzt Stadtratskandidatin. Sie scheinen gezielt eine Karriere als Politikerin anzustreben.

Ich habe das Amt als Gerichtspräsidentin aufgegeben, war jetzt eine Zeit lang vor allem zu Hause und nun ist der Moment gekommen, meinen Horizont zu öffnen. Ich möchte wieder vermehrt beruflich tätig werden. An der Politik habe ich wahnsinnig Freude bekommen. Sie liegt mir, das mache ich gerne. Ich finde es eine wunderbare Chance, mitzuwirken, damit die Stadt auch noch in 30 Jahren lebens- und liebenswert ist.

Haben Sie ein Wunschressort im Stadtrat?

Nein, da bin ich offen. Als Neue nehme ich das, was verfügbar ist. Ich könnte mich in jeden Bereich einarbeiten.

Sie schreiben auf Ihrer Website, Sie seien Verwaltungsratspräsidentin eines Grosshandelsunternehmens. Das tönt nach geheimnisvoll nach Import/Export …

Es ist Import und Vertrieb. Das Unternehmen hat mein Vater gegründet und mein Bruder ist dort Geschäftsführer. Er vertreibt insbesondere Sportschuhe, Sportartikel, Freizeitartikel im Grosshandel.

Welche Marken?

Früher hatten sie beispielsweise Doc Martens, jetzt vor allem Merrell, Saucony und Nikwax-Produkte.

Welchen Sport treiben Sie? Immer noch Ballett?

Nein, nein, längst nicht mehr. Ich bin passionierte Skifahrerin. Wir waren in diesem Winter oft in Laax. Sonst bin ich gerne in der Natur: Velofahren, Schwimmen. Auch die Kinder sind mein Fitnessprogramm.

Waren Sie in der Pfadi?

Nein, kurz in der Jungschar in Möriken.

Ihr Heimatort ist Menziken. Was ist Ihre Beziehung zum Wynental?

Mein Grossvater ist in Menziken in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Als Gerichtspräsidentin war ich im Wynental tätig.

Wurden Sie im Elternhaus politisch geprägt?

Mein Vater ist in Wildegg aufgewachsen. Meine Mutter stammt aus Prag. Ich sah deshalb früh auch eine andere Welt, den Kommunismus. Mein Vater hat sich als Unternehmer selbstständig gemacht, als ich etwa zehn Jahre alt war. Er war nie politisch aktiv, aber wir haben am Mittagstisch viel diskutiert.

Sprechen Sie Tschechisch?

Mit meiner Grossmutter habe ich Tschechisch gesprochen, jetzt habe ich aber nur noch rudimentäre Kenntnisse dieser Sprache.

Was hat Sie am Stadtratswahlkampf bisher am meisten überrascht?

Es war eine spannende Zeit, bis alle Parteien Farbe bekannt und ihre Kandidaten präsentiert hatten. Eine Überraschung war das Polit-Comeback von Hanspeter Thür. Bei der SP hatte ich nicht Daniel Siegenthaler als Kandidat für das Stadtpräsidium erwartet. Als Bisherige wäre Franziska Graf eher auf der Hand gelegen.

Was sind die Konsequenzen aus der Thür-Kandidatur?

Der bürgerliche Schulterschluss ist noch wichtiger. Es wird eine grosse Herausforderung sein, dass wir unsere Sitze halten können. Der Grossratswahlkampf hat gezeigt, dass die Links-Grünen sehr gut mobilisieren können.

Bleiben Sie trotz Ihres Wahlkampfs weiterhin Parteipräsidentin?

Ja, aber wir haben eine interne Aufgabenteilung. Vizepräsident Patrick Deucher ist Wahlkampfleiter. Gewisse Themen übernimmt er. So auch die Absprachen mit anderen Parteien.

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