An der Wand hängt statt einem Adventskalender ein Bild einer halbnackten Frau. Auf dem Tisch stehen keine Rotwein- oder Champagnerflaschen, sondern Bierdosen und Aschenbecher. Zehn Männer sitzen im «Bus im Park». Sie reden, trinken und rauchen.

«Weihnachten feiere ich jedes Jahr bei meiner Mutter», sagt Hans (alle Namen geändert). «Auch ich habe bei meinen Eltern gefeiert. Zusammen mit meiner Grossmutter und meiner Schwester», sagt Mike, «als Geschenk habe ich eine abstrakte Zeichnung in Kartenformat drucken lassen.»

Mark vis-à-vis schüttelt den Kopf. «Ich halte von dem Ganzen nichts. Das ist doch alles reine Heuchelei. Plötzlich soll man besinnlich sein und auf Friede-Freude-Eierkuchen machen.»

Arno pflichtet ihm bei. «Ich feiere keine Weihnachten. Es gibt nichts, was mir an diesem Fest gefällt. Ich bin nur froh, wenn es wieder vorbei ist.»

Mike entgegnet: «Wenigstens einmal im Jahr sollte man feiern, finde ich.» Vor einigen Jahren habe er wegen einer Psychose Weihnachten beinahe in der psychiatrischen Klinik in Königsfelden verbringen müssen. Er habe aber über die Festtage nach Hause dürfen.

«Da war ich wirklich froh. In Königsfelden will ich keine Weihnachten verbringen. Man ist einsam, alle dort sind einsam.» Wenn er mit seiner Familie feiere, sei das anders. «Das ist der einzige Tag im Jahr, an dem wir alle zusammenkommen. Dann sind die Probleme für einen Abend vergessen.»

Klaus nebenan hebt den Kopf. «Ich war dieses Jahr an einer Feier für Bedürftige.» Nach dem Essen sei er aber gleich wieder gegangen. «Die Festtage sind eine sehr dunkle Zeit», sagt er und nimmt einen grossen Schluck Bier, «es gibt Unglauben überall. Das macht das Kreuz schwer.»

Sein Gegenüber, Andreas, schüttelt den Kopf. «Dafür ist schlussendlich jeder selbst verantwortlich.» Doch es stimme, die Tage seien nicht einfach. Es werde sehr viel getrunken und Drogen konsumiert. «Schaut doch nur mal die Selbstmordrate an. Die ist nie so hoch wie in diesen Tagen!»

Mike nickt. «An Silvester wollen meine Kollegen immer an Partys. Das ist schwierig für mich. Ich kann die Zeit dann nicht gut einschätzen», sagt er. «Du meinst, du bist schon zu voll mit Drogen, wenn ihr erst losgeht», sagt Mark und lacht. «Ja», sagt Mike.

Deshalb wolle er dieses Jahr an keine Party. Was er stattdessen machen werde, wisse er noch nicht. «Vielleicht schaue ich einen Film.» Vorsätze wolle er sich keine nehmen. «Letztes Jahr habe ich mir vorgenommen, alle meine Schulden zurückzuzahlen», sagt er und lächelt. Dieses Jahr nehme er es sich nicht noch einmal vor.

«In Spanien schaltet man an Silvester das Radio oder den Fernseher ein und isst um Mitternacht mit jedem Glockenschlag eine Traube. Zwölf Trauben in so kurzer Zeit, das muss man zuerst einmal schaffen», sagt Klaus lachend.

Andreas will wissen, ob man diese Tradition im ganzen Land feiere. Klaus nickt. Früher hätten er und seine Eltern das auch gemacht. «Aber das ist schon lange her», sagt der Halb-Spanier. Ob er Neujahr dieses Jahr überhaupt feiern werde, wisse er noch nicht.

«Ich will mir für das neue Jahr etwas vornehmen», sagt Arno, der weiter vorne im Bus sitzt. Er wolle gesünder leben. «Einfach nicht übertreiben, alles im Mass.»

Dann kommt Sepp durch die Tür. Er begrüsst seine Kollegen, setzt sich und packt sechs Dosen Bier aus. «An Weihnachten fülle ich immer den Rucksack und feiere mit Kollegen.» Das sei billiger, als wenn er in die Beiz würde. «Und getrunken habe ich erst noch mehr.»

Auch für Silvester habe er schon einen Plan. «Vielleicht», sagt er und lächelt schelmisch, «mache ich einen polytoxikomanen Ausflug.» Auf die Frage, was das bedeute, antwortet er: «Na, ‹Poly› steht für mehrere und ‹Manie› für Liebhaberei. Und toxisch, das sind die Substanzen.»