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Wie rettet man schöne Bäume? Warum der Schutz von Prachtexemplaren so schwierig ist

Erst die Blutbuche von Seengen, dann die Edelkastanie von Lenzburg und jetzt die Eiche von Aarau: Diese drei Fälle zeigen exemplarisch, wie stark den Menschen das Schicksal von Bäumen am Herzen liegt.

Und die Fälle zeigen auch, wie schwierig es ist, die Prachtexemplare zu schützen. Es geht um Eingriffe in das Eigentumsrecht: Welcher Private lässt sich schon gerne noch detaillierter vorschreiben, was er mit seinem Land machen darf?

Das erleben exemplarisch die Besitzer der Parzelle mit der Blutbuche. Denn die Bau- und Nutzungsordnung (BNO) von Seengen (aus dem Jahr 2013) enthält im Inventar der «Geschützten Natur- und Kulturobjekte» explizit Einzelbäume – so die Blutbuche «Ghei». Auch in der in Ausarbeitung begriffenen BNO von Lenzburg sind einzelne Bäume geschützt – allerdings nur solche auf öffentlichem Grund. Für die private Edelkastanie am Steinbrüchliweg käme jeder Schutz ohnehin zu spät: Sie ist am 16. Dezember gefällt worden.

Aarau sucht den Weg über das Biodiversitätskonzept

Aarau hat die neueste BNO (aus dem Jahr 2020). Aber mit sehr beschränktem Baumschutz. Abgesehen von den «Obstbäumen Binzenhof» sind im «Anhang 7: Naturschutzobjekte gemäss § 40 BNO» einzig Bäume aus dem ehemaligen Rohr aufgeführt – auch solche auf nicht öffentlichem Grund. «Der Schutzstatus wurde in der Gesamtrevision der Nutzungsplanung aus den alten Zonenvorschriften Rohr übernommen», erklärt Vizestadtpräsident Werner Schib. «Sie bilden nicht den gesamten Bestand ökologisch wertvoller oder für das Ortsbild relevanter Bäume ab.»

Die Stadt strebt einen verbesserten Baumschutz über das Biodiversitätskonzept an. In einem ersten Schritt sollen wertvolle Bäume erfasst werden. «Im November wurde eine Testphase durchgeführt, bei der verschiedene Inventarisierungsmethoden getestet wurden», erklärt Schib. Diese würden nun ausgewertet.

Anschliessend werde abgeklärt, welche Methode zum Tragen kommt und in welchem Rahmen ökologisch wertvolle Bäume auf privatem Grund aufgenommen werden sollen. «Bei positivem Entscheid soll die Inventarisierung dieses Jahr durchgeführt werden», so Schib.

Verbindlicher Schutz ist auf später vertragt

Im Biodiversitätskonzept ist die Rede vom Ziel «Baumschutz grundeigentümerverbindlich sicherstellen oder Bewilligungspflicht für Baumfällungen» (mit hoher Priorität). Allerdings wird das nicht so schnell gehen. Denn der in Ausarbeitung befindliche Plan wird nicht grundeigentümerverbindlich sein. «Grundsätzlich könnte die Stadt das Fällen von Bäumen verbieten oder einer Bewilligungspflicht unterstellen», sagt Schib. Dazu brauche es aber eine Anpassung der BNO oder ein entsprechendes Reglement. Und der Vizestadtpräsident ergänzt: «Wie Bäume auf privatem Grund geschützt werden können und sollen, wird zu einem späteren Zeitpunkt überprüft.»

Warum dann der Plan? «Die Erfassung von ökologisch wertvollen Bäumen auf privatem Grund soll dazu beitragen, dass zum Beispiel bei der Planung von Bauprojekten auch für private Eigentümer ersichtlich ist, wo sich ökologisch bedeutsame (Alt-)Bäume befinden», erklärt Schib.

Angst vor panischen Baum-Fällungen

Die Initianten der auf petitio.ch lancierten Petition «Wertvolle Privatbäume schützen – jetzt!» befürchten, dass all die Planungsarbeiten dazu führen, dass private Bäume vorsorglich fällen lassen – bevor sie unter Schutz gestellt werden. Konkreter Anlass für die Petition ist da Schicksal einer mutmasslich 200-jährigen Eiche im Gönhardquartier. Deren Nachbarn stören sich am herbstlichen Laub-Fall des mächtigen Baumes. Bis gestern Abend haben 125 Personen die Petition unterstützt.

Ähnliche Ängste, wie jetzt bei der Aarauer Eiche, gab es auch bei der Blutbuche in Seengen: Doch bisher erwiesen sie sich als unbegründet. Niemand hat unter Inkaufnahme einer Busse den 120 Jahre alten Baum umgehackt. Für seine Rettung setzten sich unter anderem 218 Personen mittels einer Sammeleinsprache ein. Unter den Einwendern ist auch der Landschaftsschutzverband Hallwilersee (LSVH). Ein Investor aus Immensee SZ möchte an der Ortsverbindungsstrasse Seengen-Meisterschwanden vier Einfamilienhäuser im oberen Preissegment realisieren. Dafür müsste der Baum weg. Als Nächstes stehen die Einspracheverhandlungen an. In diesem Fall hat der Baumschutz in der BNO bisher Schlimmeres verhindert.

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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