Gränichen

Wildtierbiologin Cristina Boschi: «Schnecken sind das Gedächtnis der Landschaft»

Zum Bestimmen nimmt Cristina Boschi die Häuschenschnecke mit der Pinzette auf.Peter Weingartner

Zum Bestimmen nimmt Cristina Boschi die Häuschenschnecke mit der Pinzette auf.Peter Weingartner

Schnecken fressen sich derzeit in Horden durch die Gärten. Wildtierbiologin Cristina Boschi aus Gränichen ist mit den Tieren quasi per du, sie hat den Weichtieren ein ganzes Buch gewidmet. Und sie weiss, wie man die Viecher aus den Beeten fernhält.

Welches sind die Viecher, die in den letzten Tagen unsere Gemüsebeete geplündert haben? Rucksackschnecken – Schliessmundschnecken – Schnauzenschnecken – Felsenpyramidenschnecken? 254 Schneckenarten gibt es in der Schweiz. Mindestens.

Darunter zwei bis drei Millimeter kleine Häuschenschnecken. Cristina Boschi zeigt sie alle in ihrem Buch «Die Schneckenfauna der Schweiz».

Das «umfassende Bild- und Bestimmungsbuch», so der Untertitel, widmet jedem Tier eine Doppelseite mit Informationen, Bild und Zeichnungen, aber auch einer Karte mit dem Verbreitungsgebiet.

«Es ist das einzige deutschsprachige Buch dieser Art», sagt die 40-jährige Tessinerin aus Melide. Deshalb stösst es auch in Deutschland und Österreich auf Interesse.

Schnecken statt Raubkatzen

Wilde Tiere hatten es Cristina Boschi bereits in ihrer Kindheit angetan. «Ich habe gerne Tiere gezeichnet, Tiger, Löwen, auch Schmetterlinge», erinnert sie sich. Zoologie oder Tierärztin? Sie entschied sich für die Wildtierbiologie, studierte in Zürich.

An Schnecken hat sie dabei nicht gedacht. «Die wirbellosen Tiere liefen nebenher», sagt sie. Sie hat sich auf Säugetiere spezialisiert und in zwei Jahren Feld-, Auswertungs- und Schreibarbeit ihre Diplomarbeit über Gämsen im Nationalpark verfasst. Ein Naturmensch.

Sie könnte nicht nur im Büro arbeiten. Kein Wunder hat Boschi auch die Jagdprüfung gemacht, geht aber seit längerem nicht mehr auf die Jagd. Und sie verbringt ihre Freizeit gerne draussen, seis beim Schwimmen oder Wandern.

Ein Vortrag über Schnecken, den sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ETH gehört hatte, brachte sie zur Schnecke: «Mir wurde plötzlich die grosse Vielfalt bei den Häuschenschnecken bewusst.» Und deren Schönheit. Diese unscheinbaren Tiere wurden zum Thema ihrer Dissertation.

Während Schmetterlinge und Heuschrecken bei Veränderungen ihres Lebensraums sich schnell absetzen könnten, sei dies bei Schnecken nicht der Fall. Insofern eigneten sie sich als Bioindikatoren: Sie zeigen den Zustand eines Lebensraums. «Schnecken sind das Gedächtnis der Landschaft», sagt sie. Sind bestimmte Graslandarten mit der intensiven Landwirtschaft verschwunden, daure es bei einer extensiven Bewirtschaftung mindestens Jahrzehnte, bis die Schnecken sich wieder ansiedeln.

«Bei der Arbeit an der Dissertation habe ich gemerkt, dass ein Werkzeug zum Bestimmen der Schnecken fehlt», sagt Cristina Boschi. Diese Tatsache war mit ein Grund, das Buchprojekt in Angriff zu nehmen.

Schnecken im Garten

Und die Schnecken, die sich im Garten über den Salat hermachen, Kräuter anfressen und auch an der Stockmalve Gefallen finden? «Giften geht gar nicht», sagt Boschi, da das Gift so in die Nahrungskette gelangt. Es schadet auch dem Igel, der Schnecken frisst, oder dem Salamander, Kröten, Laufkäfern. Und zuletzt dem Menschen.

Sie empfiehlt Schneckenzäune oder den Schneckenstopp um einzelne Pflanzen herum. Oder Pflanzen setzen, die die Schnecken nicht mögen. Schnecken zerschneiden, brühen? Eingefrieren? «Schnecken sind lautlose Tiere. Man weiss nicht, ob sie leiden oder nicht; sie haben Nerven und ein Gehirn», sagt sie, «und ich traue ihnen recht viel zu.»

Nur eine Minderheit der 254 Schneckenarten fresse frische Pflanzen, sagt sie. Die meisten täten sich an trockenem oder verfaultem Pflanzenmaterial gütlich. «Schnecken sind auch Abbauer und setzen damit Nährstoffe für Pflanzen frei», sagt sie.

Oder wie Willy Geiger vom Bundesamt für Umwelt im Vorwort zu Boschis Buch schreibt: Schnecken erhöhten auch «die Pflanzenvielfalt in unseren Wiesen», indem sie «schwächeren Konkurrenten im Pflanzenbestand» Raum verschafften.

Schnecken sind im Moment nicht das Hauptthema von Cristina Boschi. Die frei schaffende Zoologin führt ein Beratungsbüro für Wildtier- und Naturschutzökologie. Dabei wird sie konkret für Wildtierkorridore engagiert. Aktuell geht es zwischen Aarau und Rupperswil um die Verbindung zwischen Jura und Mittelland mittels Unter- und Überführungen.

Aber auch kleinere Korridore und Vernetzungsmassnahmen in der Landschaft gehören zu ihrem Tätigkeitsgebiet. Und als Geschäftsführerin der Stiftung WIN Wieselnetz fördert sie das auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten geführte Mauswiesel und das Hermelin.

Auf dieser Liste stehen übrigens auch 40 Prozent der Schnecken. Im Naturama führt Cristina Boschi ausserdem Schneckenkurse durch. Sie wird den Weichtieren also nicht ganz untreu.

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