Küttigen

«Wir hatten alles und alle waren zufrieden»: Die Mutter der Weindynastie wird 100

Margrit Wehrli mit Sohn Peter, der heute das Weingut Wehrli in Küttigen führt.

Margrit Wehrli mit Sohn Peter, der heute das Weingut Wehrli in Küttigen führt.

Margrit Wehrli hat mit ihrem Mann mitten im Zweiten Weltkrieg den Grundstein für das Küttiger Weingut Wehrli gelegt. Heute beschäftigt das Weingut sieben Mitarbeiter und zwei Winzerlehrlinge.

Als Margrit Wehrli-Roth geboren wurde, da hatten die Erlinsbacher erst seit zehn Jahren Strom. Da fuhr noch dreimal täglich eine Postkutsche und die meisten Häuser waren mit Stroh gedeckt.

Am Donnerstag feiert Margrit Wehrli Geburtstag. Ihren hundertsten. Was für eine Entwicklung sie miterlebt hat – das sprengt die Vorstellungskraft schier, auch die der Jubilarin. «Heschs Gfühl?», fragt sie, als Sohn Peter Wehrli ihr erzählt, dass sie nun sage und schreibe 100 Jahre alt werde. Mit Erstaunen fragt sie das – oder kokettiert sie bloss? Denn auch wenn die Erinnerungskraft in gewissen Momenten schwindet, so ist ihr eines nicht abhandengekommen: eine kecke, träfe, herzlich lustige Art.

Verliebt am Turnerabend im Nachbardorf

Aufgewachsen ist Margrit Wehrli bei der alten Sagi oberhalb des «Hirschen». Auf der Aargauer Seite des Erzbachs, das ist ihr wichtig. Nicht, dass sie etwas gegen die Solothurner hätte. «Solothurner sind auch recht. Me cha rede mitne», sagt sie. Aber Ordnung muss sein.

Ihr Vater war Otto Roth, der Horer-Otti. Tag für Tag radelte er nach Aarau, wo er für Kummler & Matter als Leitungsbauer arbeitete. Margrit selbst musste nach der Sekundarschule in die Schuhfabrik Bally nach Schönenwerd, kaum 16 Jahre alt. In der Freizeit turnte sie. Und da, im Kreis der Turner, lernte sie ihren Robert kennen, den «Goggi-­Röbi» aus Küttigen. Das waren noch Zeiten; sagt Margrit Wehrli, und lächelt. Damals, als die jungen Küttiger den Erlinsbacher Buben die Meitli stibitzten und dafür im Gehrehölzli gehörig aufs Dach bekamen.

Dann brach der Zweite Weltkrieg los, Robert musste an die Grenze. Wenn Margrit ihn in Rheinfelden besuchte, brachte sie Crèmeschnitten mit, die mochte er so gern.

Aus dem Dienst brachte er die ersten Reben mit

Der Einsatz an der Grenze prägte die Geschichte des jungen Paars ganz wesentlich: 1943 brachte Robert im Urlaub die ersten Rebstöcke heim, 1945 trugen sie erstmals Früchte. Es war die Geburtsstunde von Wehrli-Weinbau, dem Familienbetrieb, der heute in dritter Generation geführt wird. 1946 heirateten Margrit und Robert Wehrli, beide 26 Jahre alt.

Seine Eltern hatten zum Eigenbedarf ein paar Reben gezogen, aber Erfahrung im Weinbau hatte Robert nicht. Nur dem Fleiss des Paars war es zu verdanken, dass es irgendwie klappte. «Me het eifach immer müesse schaffe», sagt Margrit Wehrli nüchtern, sonst wären die Trauben ja kaputtgegangen. Zum Leben habe es trotzdem nur «häppchläpp» gereicht, manchmal habe es noch nicht einmal einen Schluck Wein im Haus gehabt. «Aber wenn wir hatten, dann haben wir auch getrunken. Jeden Tag ein Glas, das tut gut.»

«Sonst wäre der Vater verlumpt»

1948 gründete Robert Wehrli mit 15 anderen Rebgutbesitzern aus Küttigen, Biberstein und Erlinsbach die Weinbaugenossenschaft Küttigen. Ihr wurden die Trauben zur Weiterverarbeitung verkauft, damit die Qualität des Weins besser wurde. Robert Wehrli amtete als Präsident und Kellermeister. Gekeltert wurde der «Hasenbergler» im Untergeschoss des Gasthofs Kreuz. Da mussten ihm die Kinder Rosemarie, Trudi, Peter und Heidi beim Ausspülen der Fässer und Flaschen helfen, beim Abfüllen, Verkorken und Etikettieren. Der Wein wurde an Gastronomen, Private und die Konsumgenossenschaft verkauft.

Es war nicht einfach, das Geschäft mit dem Wein. «Zum Glück hatten wir einen grossen Gemüsegarten», sagt Margrit Wehrli, «dank ihm wurden alle gross und stark.» In den Fünfzigerjahren aber half alles nichts mehr, das Wetter war zu schlecht, die Trauben erfroren. Die Wehrlis mussten sich Kühe und Kälber zutun und Getreide, Kartoffeln und Zwiebeln anpflanzen; «sonst wäre der Vater verlumpt», sagt Peter Wehrli.

Tanzen mit der Trachtengruppe half

Ein Bauernbetrieb – mit jährlicher Hausmetzgete – blieb der Hof an der Oberdorfstrasse bis 1980. Dann beschlossen Peter Wehrli und seine Frau Marlise, voll auf Weinbau zu setzen. «Für meine Eltern war es sehr schwer; vom Wein zu leben, war eigentlich nicht möglich. Ich war der Meinung, dass man sich spezialisieren muss, damit es funktioniert», sagt Peter Wehrli. Er tat es, und es funktionierte. Heute besitzt das Weingut Wehrli rund 11 Hektaren Reben, beschäftigt sieben Mitarbeiter und zwei Winzerlehrlinge. Die vierte Generation ist mit vier Urgrosskindern ebenfalls gesichert; das jüngste ist mit Jahrgang 2020 just 100 Jahre jünger als die Jubilarin.

Margrit Wehrli hat ein Leben lang gekrampft und darob nie Fröhlichkeit und Herzlichkeit verloren. Warum denn auch, fragt sie. «Wir hatten alles und alle waren zufrieden», sagt sie. «Man muss halt einfach Sorge tragen zu dem, was man hat.» Und wenn es mal besonders streng war, dann half ihr das Tanzen mit der Trachtengruppe der Küttiger Landfrauen.

Bis vor vier Jahren lebte sie daheim in Küttigen, jetzt wohnt sie im Alters- und Pflegeheim Barmelweid. Ihr gefällt es hier, gerne sitzt sie am Fenster und studiert das Wetter im Tal. Sohn Peter achtet darauf, dass sie auch hier jeden Tag ein Glas Wehrli-­Wein bekommt. Wenn es dazu Braten und Härdöpfelstock gibt, dann geht es ihr besonders gut, und erst recht, wenn es noch etwas Süsses gibt. «Wer Kuchen nicht mag, ist krank», sagt sie und lacht. Und sie sei schliesslich noch sehr gesund.

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