Referendum

«Wir kämpfen David gegen Goliath»: Sie wollen den Zukunftsraum in Oberentfelden endgültig begraben

Sie wollen die Grossfusion verhindern (v.l.): Dieter Ammann (62, parteilos) und Roland Haldimann (59, Präsident EDU Aargau).

Sie wollen die Grossfusion verhindern (v.l.): Dieter Ammann (62, parteilos) und Roland Haldimann (59, Präsident EDU Aargau).

Aus den Nichts haben Dieter Ammann und Roland Haldimann ein Referendum zustandegebracht. Nun wird über den Zukunftsraum in Oberentfelden abgestimmt.

Oberentfelden ist im Abstimmungskampf: Wer an diesen Tagen durch die Quartiere geht, sieht Plakate der Befürworter oder der Gegner des Zukunftsraums. Unter denjenigen, die «Oberentfelden nicht abtauchen» lassen wollen, wie sie es in ihrer Werbebotschaft schreiben, sind unter anderem EDU-Aargau-Präsident Roland Haldimann (59) und der parteilose Dieter Ammann (62).

Letzterer wagte sich an den Infoanlässen zum Zukunftsraum jeweils auf die Bühne. Und auch an der Gemeindeversammlung, an der das vorläufige Ja zum Zukunftsraum fiel, versuchte er die Idee einer fusionierten Grossstadt zu hinterfragen. «Was heisst denn genau Grösse? Was bringt uns das?», fragt er auch heute und ist überzeugt davon, dass mit der geplanten Fusion mit Aarau, Unterentfelden und womöglich Densbüren falsche Illusionen gemacht werden.

Das Beispiel Rohr, das vor zehn Jahren mit Aarau fusioniert hat, führt er immer wieder auf. «Ich würde nicht mehr Ja sagen zur Fusion» und «der tiefere Steuerfuss hatte mich gelockt» – solche Aussagen von FC-Rohr-Präsident Benjamin Löffel unterstreichen Ammanns Skepsis. Auf dem Esstisch seines Hauses, wo er mit Ehefrau und vier Kindern wohnt, hat er alle Zeitungsartikel über die vom Aarauer Stadtrat geplante Erweiterung der Sportanlage Winkel in Rohr ausgebreitet. Besorgte Rohrer Anwohner haben fast 2000 Unterschriften dagegen gesammelt, zuletzt wies der Einwohnerrat das Projekt zur Überarbeitung zurück.

Jetzt werde das Projekt im Dorf immerhin diskutiert

Im Unterschriften sammeln sind auch Dieter Ammann und die Handvoll weiterer Fusionsgegner inzwischen geübt: Knapp 1000 waren es in Oberentfelden, die nötigen 479 Unterschriften fürs Referendum hatte die Gruppe schon innert zweier Wochen beisammen. Sie rannten bei vielen Menschen offene Türen ein und entgegen der Behauptung, dass eher die Älteren gegen den Zukunftsraum seien, die Jüngeren aber dafür, sagt Roland Haldimann, es hätten «auch einige mit Jahrgang 2000 und jünger» unterschrieben.

Das erstaunlich schnelle Zustandebringen des Referendums überrascht auch insofern, dass die Fusionsgegner ausser der Unterstützung durch ältere Exponenten der SVP (wie Franz-Udo Fuchs) oder der EDU nicht auf grosse Parteistrukturen zählen konnten. «Wir sind ein paar Einzelkämpfer, die anderen haben Geld oder immerhin einen Adressenstamm», sagt Roland Haldimann. Die eher lose Gruppe fand sich zusammen, weil sie «schnell etwas auf die Beine stellen mussten» nach der Gmeind. «Und mindestens haben wir erreicht, dass es in Oberentfelden nun eine Diskussion gegeben hat.» An der Gmeind sei alles abgewürgt worden.

«Wir sind aus dem Nichts auferstanden und kämpfen jetzt David gegen Goliath», setzt Dieter Ammann einen obendrauf. «Ich bin ein politischer Nobody, hier am Esstisch war unsere Schaltzentrale.» Parteien würden keine Rolle spielen, «uns geht's um die Sache».

Der tiefere Steuerfuss nutze nur den Reichen

Dass bei ihren Werbeflyern, anders als bei jenen der Befürworter, auch ein Spendenaufruf zu sehen ist, könnte auf diese von ihnen dargestellte Bürgerbewegung gegen das System hindeuten. Dazu passt auch die Aussage von Roland Haldimann, dass von einer Fusion «nur die Vermögenden profitieren werden». Ein tieferer Steuerfuss käme ihnen zugute, während die heute in Aarau höheren Gebühren – falls sie nach der Fusion so übernommen werden – für alle gleich hoch wären. Tatsächlich hat Oberentfelden heute die tiefsten Strompreise der Zukunftsraum-Gemeinden. Auch die leicht tieferen Wassergebühren führen sie unter anderem als Argumente auf. Es sei unfair, dass nur vom Steuerfuss die Rede sei, man müsse näher hinschauen. 

«Zudem gehen als Teil einer grösseren Stadt sicher die Mietzinse rauf», sagt Dieter Ammann. Beide beharren darauf: Der Aufbruch für das einst wohlhabende und heute verschuldete Oberentfelden, den die Befürworter dank Fusion versprechen, sei eine Luftblase. «Das sind alles Hypothesen. Wir argumentieren hingegen bodenständig mit dem, was wir gegenwärtig haben: mit Fakten», sagt Roland Haldimann. «Dass mit Aarau alle Probleme gelöst sein werden, überzeugt mich nicht. Da werden falsche Illusionen gemacht, wie bei den Rohrern damals», sagt Dieter Ammann.

Je grösser das Gebilde, desto anonymer werde es. «Heute kommen wir wenigstens an den Gemeindeversammlungen zusammen, als Stadt wäre damit dann Schluss», sagt er. Während man sich dort frei einbringen könnte, blieben künftig – Bürgermotionen oder Stadtteilvertretungen ausgeschlossen – nur Referenden. «Und wir wissen jetzt, was das bedeutet.»

Unterentfelden hat bereits Ja gesagt – Was nun? 

Dieter Ammann erinnert sich auch, wie er von Stadt und Kanton keine Hilfe erhielt, als der Umbau der Bahnhofstrasse in Aarau seinen damaligen Comicladen versperrte und die Kunden vergraulte. Der Umsatz fiel abrupt um 60 Prozent. Dass er sein Lebenswerk, das er 23 Jahre lang aufgebaut und geführt hatte, schliessen musste, schmerzt ihn noch heute sehr. «In Aarau bekommt man keine Hilfe. Man steht vor geschlossenen Türen, es interessiert niemanden.»

Heute arbeitet Dieter Ammann hauptsächlich als Hauswart, Roland Haldimann ist Inhaber der Metallbaufirma Schmutz & Partner. Unter Druck gesetzt, weil Unterentfelden bereits Ja gestimmt hat, fühlen sie sich nicht. Eine Fusion nur unter beiden Entfelden wäre für sie aber sinnvoll. Am 13. Dezember kommt nun das von ihnen aus dem Nichts gestemmte Referendum in Oberentfelden an die Urne.

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