Aarau

«Wir spüren grosse Solidarität»: Wie der Gasthof Schützen durch die Coronakrise kommt

Manuela Schmid und Peter Schneider haben einen Take-away- und einen Lieferservice ins Angebot aufgenommen.

Manuela Schmid und Peter Schneider haben einen Take-away- und einen Lieferservice ins Angebot aufgenommen.

Das Restaurant ist geschlossen, nahezu alle Anlässe bis im Juni abgesagt: Warum der Gasthof Schützen die Coronakrise wohl dennoch überstehen wird.

Nach einem Jahr mit einem Rekordumsatz standen die Zeichen für den «Schützen» alles andere als auf Sturm. Doch dann kam der Freitag, 28.Februar: Der Bundesrat verbot Grossanlässe – und im «Schützen» Aarau begann eine Serie von Stornierungen von Caterings für Grossanlässe. Einige davon mit über 1000 Teilnehmern.

Zwischenzeitlich sind nahezu alle Anlässe bis Ende Juni abgesagt. Und das Restaurant ist, wie alle anderen Gastrobetriebe, seit dem Dienstag, 17.März, geschlossen. Von den 120 Angestellten sind 99 auf Kurzarbeit. Die anderen arbeiten grossmehrheitlich für die drei neuen Angebote, die über Nacht aus dem Boden gestampft worden sind: den Take-away (Klassiker aus der Karte), den Take-away mit Hauslieferdienst (Mondogusto), den «tagestelleraarau.ch» (zwei preiswerte Menues zum Aufwärmen, geliefert).

Bräutigam holte sich ein «Filet für Zwei»

Die Nachfrage? «Sehr gut», erklären die «Schützen»-Wirte Manuela Schmid (36) und Peter Schneider (38). «Die Reaktionen sind ausschliesslich positiv. Wir spüren eine grosse Solidarität. Viele bestellen, weil sie uns etwas Gutes tun wollen.» Die neuen Angebote schaffen Arbeit, sie helfen das Lager abzubauen und sie sorgen für etwas Liquidität.

Die beiden Chefs sagen von sich: «Wir sind wie immer da, gehen abends einfach etwas früher nach Hause.» Die Umstellung sei anspruchsvoll gewesen und bleibe es. «Wir waren immer unter Druck», sagt Manuela Schmid. Sie erzählt aber auch von Erfolgserlebnissen: Etwa, dass erstmals ein «Schützen»-Post auf Facebook viral gegangen sei: Der «tagesteller»-Eintrag habe zwischenzeitlich 150'000 Personen erreicht. Oder vom Hochzeitspaar, das sein Fest absagen musste, dessen Bräutigam am Abend aber «Rindsfilet für Zwei» abholte – nachdem man sich über Mittag «Tagesteller für Vier» (inklusive Trauzeugen) hatte liefern lassen.

Nach wie vor viel Arbeit haben im «Schützen» die Buchhaltung und die Personaladministration. Unter den Kurzarbeitenden ist es für diejenigen mit einem hohen Trinkgeldanteil besonders schwierig: Etwa für einen Kellner (Basislohn um 4500 Franken, mit Trinkgeld gegen 6000 Franken), der jetzt noch auf 3600 Franken kommt. Zum ersten Mal überhaupt haben die Schneiders darum ein Trinkgeld-Kässeli aufgestellt: für Kurzarbeitenden mit Kindern.

Kurzarbeit: «Wir waren unter den ersten Zehn»

Wegen des Catering-Geschäfts begann die Krise für den «Schützen» sehr früh. «Wir hatten einen Vorsprung», erklärt Manuela Schmid. «Wir waren unter den ersten Zehn, die Kurzarbeit anmeldeten und konnten deshalb noch Fragen stellen.»

Wichtig für das ohnehin solid finanzierte Unternehmen ist, dass das Haus in seinem Besitz ist, es also keinen grossen Druck seitens der Miete gibt. Die Schneiders wollen, Wissensstand heute, keine öffentlichen Kredite in Anspruch nehmen. Sie versuchen sogar, kleinere Investitionen, etwa Malerarbeiten in die Lockdown-Phase vorzuziehen.

Als erfreulich erlebten die «Schützen»-Wirte den Kontakt mit den Behörden. «Er ist sehr gut, es hat bisher alles geklappt», sagt Peter Schneider. Megaglück hätten sie auch mit der Versicherung gehabt, ergänzt Manuela Schmid und nennt den Namen Mobiliar. Etwas schwieriger seien einzelne Verhandlungen mit den Kunden, die kurzfristig Bankette abgesagt hätten. «Aber auch da gibt es erfreuliche Beispiele.»

Sorgen, was die gesamte Gastronomie betrifft

Und was ist am Tag «Corona+1»? «Wir wollen durchstarten, wenn es wieder losgeht», sagt Peter Schneider dazu. «Wir werden öffnen und es wird weiter gehen.» Für den «Schützen» seien sie verhältnismässig optimistisch, sagen die Wirte, aber man sorge sich, was die Gastronomie allgemein anbetreffe.

Kommen die Gäste zurück? Wie schnell wird sich die Branche erholen? Wird es viele Konkurse und Entlassungen geben, wenn die Löhne wieder erwirtschaftet werden müssen und nicht mehr mittels Kurzarbeitsentschädigungen finanziert werden können?

Aargauer Gastro-News 2020

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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