Biberstein

Zu Besuch in Wohngruppe: Polizeiauto sorgt für Wirbel, die Suppe für Ruhe

Die Stiftung Schloss Biberstein feiert ihr 125-Jahr-Jubiläum. Das Schloss bietet Menschen, die geistig beeinträchtigt sind, ein besonderes Ambiente. Ein Besuch in der Wohngruppe Schloss 2.

«Was hat es im Kühlschrank?»

«Nichts!»

«Dann gibt es auch nichts zum Znacht.»

Zum Glück wird Thomas Kunz eines Besseren belehrt. Betreuerin Susi Schmid entnimmt dem angeblich leeren Kühlschrank Suppengemüse und Würstli. Und schon steht Astrid Wernli an der Küchentheke, rüstet die Rüebli und den Lauch. Susi setzt Wasser auf. Gemüse und Wurstringe rein in die Pfanne, Deckel drauf. Acht hungrige Bäuche, inklusive die der beiden Betreuerinnen, müssen sich nicht mehr lange gedulden.

Kurz nach fünf Uhr waren die Bewohner der Wohngruppe Schloss 2 von der Arbeit gekommen. Thomas hatte in der Wäscherei gebügelt. Ob die Dusche so wichtig ist, dass man den Besuch von der Zeitung für eine Viertelstunde den andern überlassen kann? Der Entscheid fiel ihm nicht leicht. Jetzt aber eilt er frisch geduscht zwischen Geschirrspüler und Schrank hin und her. Hier Teller raus, da Teller rein, Gläser ins obere Regal, Besteck in die Schublade.

«Thomas ist der Managertyp, ein Perfektionist, der den andern Bewohnern auch mal sagt, was zu tun ist», sagt die Betreuerin. In seinem Zimmer ist er mit Laptop und Drucker ausgerüstet. An der Tür hängen Kalender. Nicht nur einer, sondern gleich drei. Der Manager will den Überblick behalten.

Seine Partnerin Claudia Schmidt, die ebenfalls im Schloss Biberstein wohnt, weilt an diesem Tag zu Hause bei den Eltern. Das Paar feierte seine Verlobung in aller Öffentlichkeit, der Pfarrer segnete die beiden Verliebten im Herbst 2010 in der Sendung «SF bi de Lüt». «Die Nähe eines andern zu spüren, zu kuscheln, jemanden zu haben, der zu einem hält, das ist es, was ihre Schützlinge in einer Partnerschaft suchen», sagt die Betreuerin.

Seit Neustem ist auch Marlene Kaspar frisch verliebt. Sie ist ganz aufgeregt, als sie das fotokopierte Konterfei ihres Freundes zeigt, der im Heim in Staufen wohnt: Er sei gestürzt, habe sich an der Schulter verletzt, berichtet sie.

Wie Thomas arbeitet auch Marlene in der Wäscherei. Wo sonst? Sie, die jedes noch so kleine Fleckchen an den Kleidern entdeckt und einen auch schonungslos darauf aufmerksam macht. Ganz aus dem Häuschen war sie, als sie von der Arbeit kam: «Sieh mal, meine Uhr ist kaputt, das kostet sicher hundert Franken», wiederholt sie immer wieder, «hundert Franken kostet das, ganz sicher hundert Franken.» Susi beruhigt: «Am Samstag fahren wir in die Stadt, wo der Uhrmacher den Stift, der Uhr und Armband zusammenhält, für ein paar Franken ersetzen wird.»

Das Schloss Biberstein bietet Menschen, die geistig beeinträchtigt sind, ein besonderes Ambiente. Es strahlt Geborgenheit und Sicherheit aus. Das Manko liegt darin, dass nur ein Teil des mit Nebengebäuden grosszügig angelegten Areals rollstuhlgängig ist.

Im Schloss ist ein Lift eingebaut worden. Doch Marlene und ihre Freunde sind gut zu Fuss. Die Wendeltreppe hoch zu ihrer Wohnung scheuen sie nicht. Auch Gregor Bolleter nicht, der in seinem Zimmer den Blick in die Alpen geniesst, wenn der Föhn für gute Sicht sorgt. Gregor sei der Entsorgungsspezialist, sagt Susi Schmid. Mit Akribie trenne er Glas, PET, Papier, Blech und Küchenabfälle. Ihm, der Tiere mag, gehört auch das Aquarium in der Stube.

In der Zwischenzeit jagt Astrid ihr batteriebetriebenes Polizeiauto, ein Weihnachtsgeschenk, mit heulender Sirene zwischen Stuhl- und Menschenbeinen durch und sorgt für einigen Wirbel. Astrid ist die Reinigungsfachfrau, sagt die Betreuerin. Sie ist gern bereit, auch in den Gemeinschaftsräumen Staub zu saugen.

Zwei Bewohner fallen wenig auf. Marcel Flückiger ist sucht zwar Nähe, doch sonst hält er sich eher zurück. Die pflichtbewusste Nadja Lieberherr kommt nur so richtig aus sich heraus, wenn eine Guggenmusik spielt und sie dazu tanzen kann.

Die Suppe ist fertig. Niemand lässt sich zweimal bitten. Das Essen bringt Ruhe in die fröhliche Runde. Sie schmeckt. Nach dem Znacht wird die Küche wieder in Ordnung gebracht, bevor es sich die Bewohner der Wohngruppe 2 vor dem Fernseher bequem machen. Möglicherweise zieht sich die eine oder der andere auf sein Zimmer zurück. Ganz sicher nicht Astrid, die Frau mit dem Polizeiauto, die «Alarm für Cobra 11» auf keinen Fall verpassen will.

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