Bezirksgericht Aarau
Zu wenig aufmerksam gewesen und Fussgänger angefahren: 72-jährige Autolenkerin verurteilt

Vor dem Bezirksgericht Aarau musste sich eine 72-jährige Frau verantworten. Sie wird beschuldigt, aus Unachtsamkeit einen etwa 80-jährigen Mann angefahren und dabei schwer verletzt zu haben.

Nadja Rohner
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Hier geschah der Unfall. Das Auto kam von links.

Hier geschah der Unfall. Das Auto kam von links.

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«Mit der frühen Dunkelheit steigt das Risiko von Fussgängerunfällen» – das schrieb die Kantonspolizei Aargau am 5. November 2019 in einer Medienmitteilung. Am Vorabend waren innert weniger Stunden zuerst in Wohlen und dann in Unterentfelden Fussgängerinnen und Fussgänger von Autos angefahren worden. Nur einen Tag später kam es in Aarau zu einem ähnlichen Unfall, der ebenfalls einen Schwerverletzten forderte – und gestern vor dem Bezirksgericht thematisiert wurde.

Opfer wurde in der Strassenmitte erfasst

Angeklagt war die 72-jährige Hildegard (Name geändert). Die Seniorin war an jenem 6. November 2019 um 18.30 Uhr mit ihrem Auto – ein Mittelklassewagen einer Luxusmarke – auf der Pestalozzistrasse stadtauswärts unterwegs. Bei der Kreuzung Schanzmättelistrasse, direkt bei der Kanti und dem Zelgli-Schulhaus, hielt sie an, um ein von rechts – also von der Schanz her – kommendes Auto vorbeifahren zu lassen. Anschliessend fuhr sie an, um nach links in die Schanzmättelistrasse einzubiegen. «Dabei fuhr die Beschuldigte ungenügend am rechten Fahrbahnrand und schnitt beim Abbiegen die Kurve», wirft ihr die Staatsanwaltschaft in ihrem Strafbefehl vor.

Gleichzeitig überquerte das spätere Opfer, ein Mann um die 80 Jahre alt, die Schanzmättelistrasse. Er war auf dem Weg zum Bahnhof. So weit kam er aber nicht: Etwa in der Mitte der Strasse wurde er von Hildegards Auto erfasst, und «über die Motorhaube und die linke Fahrzeugseite katapultiert», schreibt die Staatsanwaltschaft. Er erlitt zahlreiche Kopf- und Beinverletzungen, deren Folgen noch heute nicht ganz behoben sind.

Unfall für Fahrerin «traumatische Erfahrung»

Die Staatsanwaltschaft warf Hildegard vor, nicht genügend rechts gefahren und zu wenig aufmerksam gewesen zu sein. Sie verurteilte die Fahrerin zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je 130 Franken – und zwar als unbedingte Gesamtstrafe, weil sich Hildegard noch in der Probezeit befand. Sie war Anfang 2018 wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt worden.

Hildegard schilderte vor Gericht jenen Abend, der sie als «traumatische Erfahrung» bis heute verfolgt. Was passiert sei, tue ihr sehr leid, aber sie fühle sich nicht schuldig: «Ich weiss nicht, wie ich mich anders hätte verhalten sollen.» Sie habe weder die Kurve geschnitten noch den Blinker vergessen. Aufgrund der schlechten Sicht mit trübem Wetter, mangelhafter Beleuchtung der Strasse und dessen dunkler Kleidung habe sie das Opfer – das nicht an die Verhandlung erschienen war – nicht sehen können. Ihr Verteidiger plädierte auf Freispruch, man könne seiner Mandantin keine Sorgfaltspflichtverletzung nachweisen – alle Beteiligten seien zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

«Gehen davon aus, dass der Unfall eine Lehre war»

Gerichtspräsidentin Patricia Berger ging ebenfalls nicht davon aus, dass Hildegard die Kurve nicht geschnitten hatte. Sie hätte den Fussgänger aber sehen müssen. Hildegard habe aber zu wenig Aufmerksamkeit walten lassen, und das sei «eines der wichtigsten Gebote im Strassenverkehr».

Die Beschuldigte wird der fahrlässigen schweren Körperverletzung schuldig gesprochen. Sie muss eine Busse von 1500 Franken zahlen, die Geldstrafe – 40 Tagessätze zu 160 Franken – wird bedingt ausgesprochen. Auf vier Jahre allerdings. Das frühere Urteil wird nicht widerrufen. «Wir gehen davon aus, dass der Unfall eine grosse Lehre war und dass Sie künftig besser aufpassen.»