Konsum

«Zum Überleben reichts nicht»: Tiefpreise treiben Schweinebauern in Krise

Der Preis für Schweinefleisch ist im Keller. «Wir stecken tief in einer Krise», sagt Bauer Alexander Räss aus Muhen. Er fragt sich, wie er über die Runden kommen soll. Für einmal ist die Krise aber selbstgemacht.

33 Prozent Rabatt auf Schweinsfilet, 40 Prozent auf Rollschinkli, 50 Prozent auf Schweins-Carrésteak: Die Migros verschleudert Schweinefleisch zu Spottpreisen, und andere Grossverteiler und kleinere Detailhändler tun es dem «orangen Riesen» gleich. Die Coop-Filiale in der Aarauer Igelweid verkaufte am Wochenende 100 Gramm Naturaplan-Schweinshals in der Selbstbedienung für Fr. 1.30, ein Abschlag von 50 Prozent. So günstig war Schweinefleisch schon lange nicht mehr. Saugünstig, sozusagen.

Das freut die Konsumenten, betrübt aber die Schweinebauern. Zum Beispiel Alexander Räss: Mit 120 Zuchtschweinen und 650 Mastschweinen, die in der Zucht- und Mastanlage des 42-jährigen Landwirts in Muhen grunzen, ist Räss einer der grösseren Schweineproduzenten der Schweiz. «Wir stecken tief in einer Krise», sagt der Landwirt. Die Fr. 3.30, die er derzeit pro Kilo Schlachtgewicht bekomme, reichten nicht zum Überleben.

Anzahl Schweinehalter in der Schweiz.

Anzahl Schweinehalter in der Schweiz.

«Um über die Runden zu kommen, muss der Preis bei mindestens 4 Franken liegen.» Zum Vergleich: Im Sommer 2014 lag der Kilopreis noch bei Fr. 4.70, Ende der 1990er-Jahre gar bei Fr. 5.70. «Früher gab es über ein paar Jahre hinweg gute und schlechte Phasen. Jetzt haben wir fast nur schlechte Jahre mit kurzen guten Spitzen.»

Ähnlich äusserte sich kürzlich Adrian Schütz, der stellvertretende Geschäftsführer des Produzentenverbandes Swissporcs, in der «NZZ am Sonntag»: «Die Situation auf diesem sehr empfindlichen Markt ist dramatisch.»

«Wir sind leider selber schuld»

Das Problem ist in erster Linie hausgemacht. Die Bauern produzieren seit Jahren zu viel Fleisch. Die Ladenpreise sind deshalb eingebrochen. Die Schweinebetriebe werden immer grösser, deren Produktion wird professioneller und die Zucht mit immer mehr Ferkeln pro Muttersau effizienter. Auch wenn derzeit fast täglich ein Schweinebauer den Bettel hinwirft, kommt immer noch zu viel Fleisch auf den Markt. Die Fleischmenge nimmt wegen der erhöhten Effizienz nicht ab.

Weil das Fleisch an der Schweinebörse nach dem Grundsatz von Angebot und Nachfrage gehandelt wird, bekommen die Bauern wenig Geld. «Wir sind selber schuld, dass wir so wenig verdienen», sagt Alexander Räss. Damit die Preise steigen, müssten die Schweinezüchter die Anzahl Mutterschweine reduzieren. «Nur drei bis vier Prozent weniger Mutterschweine und uns Produzenten geht es besser». so Räss weiter. Doch viele Bauern tun das Gegenteil: Sie versuchen, die tiefen Preise mit noch mehr Menge zu kompensieren.

Lieber Poulet statt Schwein

Den Schweinebauern vorzuwerfen, sie seien alleine schuld an ihrer Misere, greift aber zu kurz. Die Bauern stehen unter Druck der ausländischen Konkurrenz. Ennet der Grenze ist das Fleisch fast halb so teuer. «Der starke Franken hat das Problem des Einkaufstourismus weiter verschärft», sagt Alexander Räss. Vor allem grosse Abnehmer würden aus finanziellen Überlegungen im Ausland einkaufen – wenn sie denn überhaupt zum Schweinefleisch greifen. «Wer für viele Leute kocht, hat auch Muslime unter den Gästen, die kein Schweinefleisch essen.» Die Wahl falle deshalb oft auf Poulet statt Schweinefleisch.

Tatsächlich boomt Poulet: In den vergangenen zehn Jahren stieg der jährliche Pro-Kopf-Konsum von etwa 8 auf 12 Kilogramm (2014). Anders das Schweinefleisch: Hier sank der Pro-Kopf-Verzehr im gleichen Zeitraum von 25 auf 23,6 Kilo.

Räss kann nicht investieren

Der Krise der Schweinebranche fallen jedes Jahr Hunderte Betriebe zum Opfer. In den vergangenen 20 Jahren sank die Zahl der Schweinehalter laut Bundesamt für Statistik von rund 36 000 auf etwa 7045 Betriebe (2014). «Dieser Strukturwandel wird wohl so weitergehen», sagt Alexander Räss. Dies sei gut für die Branche, für die Betroffenen aber tragisch.

Und was heisst das für Alexander Räss? Wird auch sein Hof in Muhen nach drei Generationen die Schweinezucht und -mast bald einstellen? «Wir werden weitermachen, leben allerdings derzeit von der Hand in den Mund und können keine Investitionen mehr finanzieren.» Der geplante Umbau sei deshalb auf Eis gelegt. Räss: «Um zu überleben, werden wir in unserem Betrieb weitere Standbeine schaffen müssen. Es geht nicht anders.»

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