«Als Kind war ich eine Rebellin. Ich habe oft Nein gesagt»

Serie zu 50 Jahre Frauenstimmrecht – Gespräch mit Amal Mawlud aus Fahrwangen.

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Amal Mawlud ist im Irak aufgewachsen. Sie arbeitet als Köchin.

Amal Mawlud ist im Irak aufgewachsen. Sie arbeitet als Köchin.

Bild: Iris Krebs

2021 ist ein Frauenjahr: Vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht eingeführt und im Aar- gau vor 100 Jahren die Frauen- zen­trale gegründet. Aus diesem Anlass erscheint unter dem Titel «Frauenstimmen» dieses Jahr jeden Montag ein Interview mit einer Frau aus dem Aargau.

Wer bist Du?

Ich bin Amal, eine einfache Frau und eine Kämpferin. Mein Name hat eine Bedeutung: Amal heisst Hoffnung. Ich wohne seit 21 Jahren in Fahrwangen. Damals kamen wir als Asylanten in die Schweiz. Ich bin verheiratet und habe vier Kinder und zwei Enkelkinder. Ich kümmere mich um meine Familie und arbeite als Köchin.

Was ist Dir im Leben wichtig?

Zufriedenheit, das ist mir wichtig. Dass wir Menschen die Fähigkeit haben, Freude zu er- kennen. Das können ganz kleine Sachen sein, eine Blume oder ein Vogel, der singt. Ich finde es sehr schön, wenn ich am Morgen aufstehe und die Sonne scheint, dann beginnt für mich ein zufriedener Tag.

Was hast Du im Jahr 1971 gemacht?

Damals war ich fünf Jahre alt und lebte im Irak. Meine Mutter hat mir ein Ämtli gegeben, sie sagte, ich müsse lernen, Wäsche von Hand zu waschen und Wäsche aufzuhängen.

Was bedeutet Dir Chancengleichheit?

Ich habe schon als kleines Kind nicht akzeptieren können, dass ich im Haushalt Arbeiten erledigen musste, meine Brüder aber nicht. Mein grosser Bruder wollte mir einmal helfen, aber meine Mutter liess es nicht zu und meinte, das sei Frauenarbeit. Ich war eine Rebellin, ich konnte nicht verstehen oder akzeptieren, warum ich vieles nicht durfte, meine Brüder aber schon. Ich habe oft Nein gesagt. Die Eltern haben es mit der Erziehung der Kinder in der Hand, dass die Chancengleichheit selbstverständlich gelebt wird.

Wovon träumst Du?

Ich möchte damit auf Reisen gehen und arme Länder besuchen. Dort fotografiere ich Menschen, die vergessen wurden. Kinder, die auf der Strasse leben, alte und beeinträchtigte Menschen ohne Unterstützung. Dann organisiere ich eine Ausstellung und zeige meine Fotos. Fotos, die das Leben schrieb.

Auf was bist Du stolz?

Ich konnte nur sechs Jahre die Schule besuchen und hatte keine Möglichkeit, eine Ausbil-dung zu machen. Ich habe keine Papiere, die ich ausweisen kann. Hier habe ich die Chance bekommen, mich zu entwickeln. Ich lernte die Sprache und engagierte mich im Dorf. Ich bin heute gut integriert und habe viele gute Kontakte. Trotz vielen negativen Einflüssen habe ich gelernt, Auto zu fahren – weil ich auf mich hörte und nicht auf andere. Das Autofahren ermöglichte mir, dass ich heute einen Job als Köchin ausüben kann. Nach drei Jahren in der Schweiz habe ich mich als Frau wie neu geboren gefühlt. Mich interessierte die Kultur. Mir hat gefallen, wie die Frauen gekämpft haben, und ich finde es schön, welche Rechte sie hier heute haben. Es beeindruckt mich, dass es keinen Beruf gibt, den die Frauen nicht lernen könnten. Wie überall gibt es aber auch einiges, das nicht gut ist.

Was ist Dein Wunsch für die Zukunft?

Dass man Menschen aus an- deren Kulturen zuerst kennen lernt, bevor man sich ein Urteil bildet. Es gibt in jedem Land gute und schlechte Menschen. Und dass ich bis zur Pensionierung weiterarbeiten kann. Ich möchte immer selbstständig bleiben, bis zum Ende meines Lebens, und nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein.

Was ist Dein Leitsatz für das Leben?

Nur wenn Du respektvoll mit anderen umgehst, wirst Du selbst Respekt ernten.

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