Zwei Herren unterhalten sich. Fragt der eine den anderen: «Kennen Sie Beethovens Neunte?» Sagt der andere: «Nein die kenn ich nicht. Ich wusste auch nicht, dass der so oft verheiratet war.» Ruth Meierhofer erzählt am runden Tisch in ihrem Badener Haus an der Martinsbergstrasse Witze. Ihr Arsenal ist unerschöpflich. Und sie strahlt.

Am 3. April feierte die gebürtige Deutsche ihren 100. Geburtstag. Stadtammann Markus Schneider gratulierte ihr persönlich mit einem Blumenstrauss. Ist es ein besonderes Gefühl, ein dreistelliges Alter zu erreichen? «Es geht», meint die Seniorin und klingt nicht gerade euphorisch. Vor drei Jahren brach sie sich bei einem Sturz die Hüfte. Jetzt braucht sie einen Gehbock, um sich fortzubewegen.

Dass sie in ihrer Bewegungsfähigkeit plötzlich eingeschränkt ist, hasst die zierliche, aber zähe Frau. «Ich war vorher stets fit und noch nie im Krankenhaus», erzählt sie. Immer noch in einigermassen guter gesundheitlicher Verfassung zu sein, ist denn auch das Einzige, was ihr in den Sinn kommt, wenn man sie über die Vorzüge des Alters befragt.

Im Alltag geht ihr Haushaltshilfe Bogusia zur Hand. Die Polin ist der gute Geist im Haus und sitzt mit am Tisch. Ebenso Nachbar Oliviero Aloisi, der dreimal im Tag vorbeikommt, ihr Gesellschaft leistet und den Garten pflegt. Einsam ist Meierhofer deshalb selten, obwohl alle nächsten Angehörigen weggestorben sind und sie keine Kinder hat. «Ich habe noch eine Nichte in der Verwandtschaft, sonst sind alle tot», berichtet sie.

Für BBC in Mannheim tätig

Ruth Meierhofer erblickte 1918, Ende des Ersten Weltkrieges, in Hessen das Licht der Welt. Als Hitler Reichskanzler wurde, besuchte sie eine Handelsschule. Den Zweiten Weltkrieg hat sie mit all seinen Schrecken miterlebt. Rationierte Nahrungsmittel, der dienstverpflichtete Vater im Krieg. «Oft sassen wir nachts im Keller, wenn die Bomben runterfielen, und hatten fürchterliche Angst», erinnert sie sich. 1951 bis zu ihrer Pension war sie in der Werbeabteilung der BBC Mannheim tätig.

In den Aargau kam sie 1991, weil sie einen Schweizer ehelichte. Widerwillig gibt Meierhofer ein paar Details aus ihrer Jugend im Krieg und dem Privatleben preis. Zu erzählen hätte sie mit ihrem wachen Geist und dem klaren Erinnerungsvermögen viel. Aber sie blockt ab und gibt ihrem Gegenüber keine Chance, mehr zu erfahren. Umso lieber diskutiert sie mit Nachbar Hans Hofmann über Politik.

Zeitunglesen liegt wegen der altersbedingten Kurzsichtigkeit zwar nicht mehr drin. Aber sie schaut sich mehrmals täglich die Tagesschau an. «Ich will darüber informiert sein, was in der Welt passiert», meint Meierhofer, «obwohl es ja nicht viel Erfreuliches zu vermelden gibt.» Die Betagte schimpft über Trump, Erdogan und Putin. Dass Kinder in Afrika verhungern, macht ihr schwer zu schaffen. «Die Welt war noch nie so schlimm wie heute», bekundet sie deprimiert. In den Gesprächen mit Hofmann kann sie ihren tiefgründigen Gedanken ein Ventil geben. «Der Mensch hat seit der Antike nichts gelernt», platzt es aus Meierhofer heraus und alle am Tisch müssen wegen ihrer frappanten Ehrlichkeit lachen.

Ihr kleines spitzes Gesicht verleiht Ruth Meierhofer etwas Vogelhaftes. Aber der Schein trügt. Die Dame kann ganz schön energisch sein. Seit 25 Jahren lebt sie in ihrem Haus am Martinsberg. «Ein Pflegeheim kommt für mich nicht infrage», meint sie bestimmt. Haushaltshilfe Bogusia bereitet die täglichen Mahlzeiten zu. Und das ist kein einfacher Job. Denn Meierhofer isst weder Fleisch noch Fisch. Auch bei Gemüse ist sie wählerisch. «Das ist doch heute alles verseucht und vorbehandelt», erzürnt sie sich. Ein Würstchen oder ein Stück Brot liege aber drin.

Dass die 100-Jährige keine Optimistin ist und das Glas eher halbleer als halbvoll sieht, gibt sie offen zu: «Dazu habe ich einfach zu viel erlebt.» Die Vitrine im Wohnzimmer ist vollgestopft mit liebevoll gestrickten und genähten Tierfiguren. An der Wand hängen Gobelins, die durch ihre exakte Stickarbeit bestechen. Handarbeiten war einst das grosse Hobby von Meierhofer. Vor allem, als der Fernseher noch nicht allgegenwärtig war.

Auch gereist ist sie viel, war auf allen fünf Kontinenten unterwegs. «Jetzt geht die Reise nur noch in meinen Garten. Das ist mir weit genug», sagt sie trocken und dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht: «Wenn ich raus kann und die Sonne scheint, geht es mir gut.»