Spätestens als bei der Gemeinderats-Ersatzwahl vom Februar die FDP mit Martin Egloff den langjährigen zweiten Sitz der CVP geholt hatte, werteten die Parteien dies als Zeichen, dass sich in der Wettinger Politik etwas tut, sich sogar alte Machtverhältnisse verschieben könnten. Zumal die CVP bei den Gesamterneuerungswahlen vor vier Jahren im Gemeindeparlament zwei Sitze verlor und seither mit 12 Sitzen gleichauf ist mit der SVP.

Die Parteien wittern ihre Chance sowohl bei den Exekutivwahlen mit den zehn Kandidierenden als auch bei den Einwohnerratswahlen. 148 Kandidatinnen und Kandidaten wollen am 24. September in den Einwohnerrat gewählt werden. 22 mehr als noch vor vier Jahren. Einzig die BDP mit Martin Spörri tritt nicht mehr an, dafür will sich die neu gegründete Partei Freie Wähler Wettingen im Gemeindeparlament festigen.

Insbesondere bei den kleineren Parteien macht sich eine gewisse kämpferische Aufbruchstimmung bemerkbar. So lautet das klare Ziel bei der GLP, der Mitte-Links-Partei Forum5430 oder den Freien Wählern: «Wir wollen einen Sitz dazu gewinnen.» Und getreu dieser Ambition sorgen vor allem die Kandidatenlisten von GLP und Forum 5430 für den Kandidatenzuwachs.

Die GLP-Liste ist von fünf im 2013 auf 20 Kandidierende angewachsen. Aktuell hat sie zwei Sitze im Parlament. Forum5430 wartet mit zehn Kandidierenden auf, doppelt so viele wie vor vier Jahren. «Wir wollen den Sitz, den wir vor vier Jahren verloren haben, zurückgewinnen und mindestens wieder auf zwei Sitze kommen», sagt Parteipräsident Marco Kaufmann.

Bei der EVP ist die Liste mit elf Kandidierenden nahezu gleich lang wie 2013. «Wir wollen unsere drei Sitze halten und wenn möglich einen dazu gewinnen», sagt Ortsparteipräsident Lutz Fischer-Lamprecht. Den Fokus legt die Partei aber auf ihren Sitz in der Schulpflege sowie auf die Rückeroberung des langjährigen EVP-Gemeinderatssitzes von Heiner Studer und damit die Gemeinderatskandidatur von Fischer-Lamprecht.

WettiGrüen bringt heuer zwar lediglich neun Kandidierende ins Spiel – drei weniger als vor vier Jahren –, doch die drei Bisherigen stehen nicht mehr auf den ersten Positionen. Denn dort präsentiert die Partei mit den Jahrgängen 1990, 1981 und 1980 die nächste Generation. «Unser Ziel ist es, die drei Sitze zu halten und den Jüngeren eine Plattform zu geben», sagt Parteipräsident Jürg Meier Obertüfer.

Sitzgewinn bei den Grossen

Ob es bei den grossen Parteien CVP, SVP, SP und FDP zu Sitzverschiebungen kommt, sei kaum absehbar, lautet der Tenor. Aus dem Fenster lehnen will sich niemand, dennoch hoffen alle auf einen Sitzgewinn: Bei CVP, SP und FDP ist dies das erklärte Ziel. Die Voraussetzungen dafür gestalten sich jedoch sehr unterschiedlich.

Die grösste Liste hat mit 30 Kandidaten traditionsgemäss die CVP. Sie will auf 13 Sitze kommen, obwohl der Trend der Gesamterneuerungswahlen 2009 und 2013 auf kommunaler Ebene eher abwärts zeigt. «Doch 2013 hätte es für den 13. Sitz fast noch gereicht», sagt Ortsparteipräsident Roland Michel. Trotz zwei verlorenen Sitzen war die Partei 2013 mit 24,7 Prozent Wähleranteil nach wie vor die stärkste Partei im Dorf.

Und man sei für die bevorstehenden Wahlen optimistisch: «Wir konnten bei den Grossratswahlen vor einem Jahr in Wettingen 0,6 Prozent zulegen.» Die Partei erzielte einen Stimmenanteil von 19,8 Prozent in Wettingen. Damit lag sie jedoch noch deutlich hinter der SVP mit 23,1 Prozent Wähleranteil. Für die Wettinger SVP ist dies jedoch kein Garant für einen Sitzgewinn im Gemeindeparlament. So liegt ihr Wähleranteil kommunal in der Regel etwas tiefer.

Kommt hinzu, dass sie bei den Grossratswahlen im Herbst de facto ein Prozent ihrer Wähler verloren hat. Dennoch zeigt sich SVP-Ortsparteipräsident Jürg Baumann zurückhaltend optimistisch: «Wir wollen unsere 12 Sitze halten und wenn möglich, einen dazu gewinnen.» Die Ergebnisse zeigten, dass die Ortspartei in Wettingen eine treue Wählerschaft habe, sagt Baumann. Bei den Kommunalwahlen vor vier Jahren erzielte die Partei nach der CVP das zweitbeste Ergebnis mit 23,4 Prozent Wähleranteil.

Verzwickt und beflügelt

Mit acht Sitzen ist die Lage bei der SP verzwickt. Eigentlich hätte sie Anspruch auf neun Sitze, kam sie doch vor vier Jahren auf einen Wähleranteil von 17,8 Prozent. Doch Martin Spörri wechselte Mitte Legislatur ins Lager der BDP. Nun lautet das Ziel der Sozialdemokraten: zwei Sitz dazu gewinnen und damit auf zehn Sitze kommen. «Die Grossratswahlen vom vergangenen Herbst stimmen uns positiv», sagt Co-Ortsparteipräsident Christian Oberholzer. «Wir konnten unseren Stimmenanteil in Wettingen von 17,3 auf 20,6 Prozent stark ausbauen.»

Die FDP – beflügelt vom Wahlerfolg im Februar – will einen zusätzlichen Sitz und ab 2018 mit acht Sitzen im Parlament vertreten sein. Seit Jahren halten die Liberalen sieben Sitze, ob es diesmal klappt, ist fraglich, zumal die Partei bei den Grossratswahlen 1,6 Prozent Wähleranteile verlor und in Wettingen neu auf 13,2 Prozent kam. Immerhin: gleich viele wie bei den kommunalen Gesamterneuerungswahlen 2013.

Die Wähleranteile aus vergangenen Jahren mögen einen Hinweis auf die Wahlen am 24. September geben. Doch die Frage stellt sich auch, mit welchen Zugpferden die Parteien Wähler gewinnen wollen.