Hans Trudels Tränenbrünneli ist heute nicht mehr aus der Stadt Baden wegzudenken. Seit dem Frühjahr gibt es zu seinen Füssen an der Limmatpromenade Kaffee, Kuchen oder ein gutes Bier. Der Brunnen ist den Badenerinnen und Badenern längst ans Herz gewachsen. Als ihn aber die Stadt vor hundert Jahren im Garten des alten Stadtspitals aufstellen liess, erhitzte er die Badener Gemüter genauso, wie es jüngst die «Kunst am Bau» am neuen Schulhausplatz getan hat. Trudels Brunnen war eine künstlerische Verarbeitung des sinnlosen Elends des Ersten Weltkriegs. Auf dem Brunnentrog heisst es: «Jed’ Menschleins Weh’ in Trän’ zerronnen, die Erde schluckt’s und weint’s in Bronnen.»

Das BT schrieb am 29. Oktober 1918: «Hans Trudels neue Plastik ist nunmehr im Spitalgarten aufgestellt. Die öffentliche Meinung wird sich ein Urteil gebildet haben.» Für den im Betrachten von Werken der bildenden Kunst weniger Geübten sei es schwer, sich zurechtzufinden. «Denn das ‹Tränenbrünnelein› ist in der Komposition, im architektonischen Aufbau und in den verschiedenen Überschneidungen nicht einfach. Und dann ist die provisorische Aufstellung eine ganz unglückliche; seitlich auf einem runden Platz und am Abhang gegen den Rasen, wirkt das Werk viel weniger gut als im Würenloser Steinbruch.» Dort hatte Trudel das Werk aus Muschelsandstein geschaffen. Genauso, wie den Löwen auf dem Badener Löwenbrunnen, den er im selben Jahr in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf dem Brunnenstock platzierte. Die braven Badener fanden beide Skulpturen scheusslich, sie störten sich an den weinenden Kindern des Tränenbrünnelis und an der Nacktheit der Figuren.

Im BT hiess es, die Kindergruppe verlange eine zentrale Aufstellung. «Die symmetrische Umwelt muss harmonisch das Bildhauerwerk unterstützen», kommt der Autor zum Schluss. «Wir gestatten uns daher die Bitte: Man möge dem Werk Trudels eine zentrale und bessere Aufstellung gewähren. Erst dann kann man kritisieren; erst dann wird man die formalen Werte und die originelle Komposition des Brunnens richtig sehen.» Der Wunsch wurde erhört: Kurz darauf wurde der Brunnen an der Limmat aufgestellt und fand einen würdigen Platz. Bis die Polemik abbrach, dauerte es aber noch Jahre.

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