Stirbt heute ein Muslim im Kanton Aargau, dann hat er in der Regel keine Möglichkeit, sich hier nach den Anforderungen seiner Religion begraben zu lassen – das Gesicht des Verstorbenen sollte in Richtung Mekka gerichtet sein. Abhilfe bieten oft nur Familiengräber, die aber f einiges teurer sind.

Im neuen Friedhofsreglement der Stadt Baden, dass dem Einwohnerrat Ende Mai vorgelegt wird, ist nun die Schaffung eines muslimischen Grabfelds auf dem Friedhof Liebenfels vorgesehen. Rund 200 Grabfelder sollen entstehen.

«Mit diesem Grabfeld wollen wir ein langjähriges Anliegen realisieren», sagt Stadtrat Roger Huber (FDP), Vorsteher Liegenschaften/Anlagen. So werde mit dem Grabfeld der Grundsatz umgesetzt, wonach alle Religionen gleich zu behandeln seien. «Dabei handelt es sich nicht um eine Sonderbehandlung. Vielmehr wollen wir mit dem muslimischen Grabfeld die bisherige Ungleichbehandlung beseitigen», betont Huber.

Ein Teil des ganzen Friedhofs

Dem pflichtet Thomas Stirnemann, Leiter des Werkhofs, bei. «Seit zehn Jahren wird in der Region über eine solche Möglichkeit diskutiert; konkrete Resultate sind bis jetzt aber ausgeblieben, weshalb wir das Heft in die Hand genommen haben.» Stirnemann zeigt sich sehr zufrieden darüber, «dass der Prozess zum geplanten muslimischen Grabfeld so positiv verlief». So würden auch die grossen Landeskirchen das Grabfeld begrüssen, und natürlich sei auch der Verband Aargauer Muslime sehr glücklich über die Lösung. «Das geplante Grabfeld wird eine integrierte Lösung darstellen.

Die muslimischen Gräber werden nicht wie etwa bei anderen Friedhöfen abgeschottet.» Auch die Abdankungshalle würde künftig den Muslimen zur Verfügung stehen. Äusserlich unterscheiden sich die muslimischen Gräber nicht wesentlich von christlichen Gräbern. «Ohne muslimisches Grabfeld würde sich der Werkhof künftig wohl gezwungen sehen, Sonderlösungen für Muslime anzubieten, «was wir ja gerade eben nicht wollen», sagt Stirnemann.

Sehr erfreut über die Pläne der Stadt Baden zeigt sich Abdulmalik Allawalla, Pressesprecher des Verbandes Aargauer Muslime. «Bis jetzt haben sich viele verstorbenen Muslime in ihre Heimatländer überführen lassen.»

Doch immer mehr Muslime der zweiten und dritten Generation hätten keine verwandtschaftlichen Verbindungen mehr zu den Herkunftsländern ihrer Eltern oder Grosseltern. «Diese Menschen wollen hier in der Schweiz begraben werden, sagt der in Wettingen wohnhafte Allawalla. Auch er betont: «Wir wollen keine Sonderbehandlung. Wir wollen vielmehr eine Gleichbehandlung; sprich die Möglichkeit, nach unseren Sitten bestattet werden zu können.»

Dass das muslimische Grabfeld in der Bevölkerung aber gleichwohl als Sonderbehandlung wahrgenommen werden könnte, dafür hat Allawalla Verständnis. «Viele Menschen haben aber nicht Angst vor dem Islam, sondern vielmehr von dem, mit dem sie den Islam verbinden». Er appelliere an die Vernunft der Menschen: «Viele der Muslime in zweiter und dritter Generation, die hier bestattet werden, haben das ganze Leben in der Schweiz verbracht und sind fester Bestandteil der Gesellschaft.»

Abdulmalik Allawalla ist optimistisch, dass das Grabfeld in Baden gut aufgenommen wird. «Die Bevölkerung von Baden war schon immer sehr offen gegenüber anderen Religionen. Mit dem muslimischen Grabfeld könnte diese Tradition weitergeführt werden.»

Angehörige vernachlässigen Grab

Nebst des geplanten muslimischen Grabfelds sieht die Vorlage einen weiteren Grabtyp Parkwald vor. Stirnemann: «Der Wunsch nach alternativen Bestattungsformen etwa in Gemeinschaftsgräbern oder eben in einem Parkwald ist in den letzten Jahren stets gewachsen. Dem wollen wir mit dem wunderschönen Parkwald Rechnung tragen.»

Ebenfalls mit gesellschaftlicher Veränderung wird die reduzierte Grabesruhe von 25 auf 20 Jahren begründet, wie sie auch in der kantonalen Bestattungsverordnung vorgeschrieben ist. «Je älter die Gräber sind, desto mehr lässt die Pflege nach», sagt Stirnemann. Darüber hinaus würde mit einer kürzeren Grabesruhe natürlich auch wieder mehr Platz geschaffen. Und ein weiterer Grund für kürzere Grabesruhe: Erdbestattungen werden immer seltener; ihr Anteil ist von über 20 Prozent im Jahr 1985 bis auf 5 Prozent im letzten Jahr gefallen (siehe Grafik oben).

Zwei weitere Änderungen dürften Betroffene besonders interessieren: So soll erstens künftig eine Unterhaltspauschale – diese beträgt je nach Grabtyp zwischen 200 und 800 Franken für die ganze Zeit der Grabesruhe – erhoben werden. «Es gibt immer weniger klassische Friedhofgänger, die sich auch um die Gräber kümmern», so die Begründung von Stirnemann. Dies sei einerseits bedingt durch die gesellschaftliche Entwicklung, «andererseits wohnen die Angehörigen oft nicht mehr in der Nähe, wo die Verstorbenen zu Grabe getragen wurden».

Zweitens sollen gemäss Vorlage künftig die Kremationskosten für verstorbene Badener nicht mehr übernommen werden, womit die Urnenbestattung rund 600 Franken teurer wird. «Wir haben bei den Kosten für die Angehörigen darauf geachtet, dass diese unabhängig der Wahl der Bestattungsart und der Grabwahl soweit wie möglich ausgewogen sind.»

Insgesamt wird dem Einwohnerrat für das neue Friedhofsreglement ein Kredit von 835 000 Franken vorgelegt, wobei das muslimische Grabfeld mit 110 000 Franken, der Parkwald mit 180 000 Franken zu Buche schlägt.