Baden

2000 Jahre auf einen Blick: Hier badeten Legionäre, Kaiser und Päpste

Die Bäder im Keller des Badhotels Ochsen in Baden sind seit der Römerzeit ein Hort des Wohlbefindens. Die Bauforschung bringt jetzt Erstaunliches zutage.

Kühl ist es hier unten und feucht. Das Thermalwasser sprudelt und rauscht in den Quellfassungen im Boden. Es riecht nach Schwefel – wie immer, wenn man im Bäderquartier in die Tiefe steigt. Wir sind im Keller des Badhotels Ochsen an der Badener Bäderstrasse, gleich hinter dem Kurplatz. Die Bauarbeiten rund um den Platz laufen auf Hochtouren.

Wenn 2021 das neue Badener Thermalbad und die Klinik im rundum sanierten Verenahofgeviert eröffnen, wird man wieder in den gleichen Wässern baden können, in denen sich schon Helvetier, Römer und im Mittelalter Kaiser, Könige und Päpste verlustierten. Eine dieser historischen Badestätten, die bisher nur teilweise erforscht war, ist der «Ochsen». Das alte Badgasthaus wird derzeit gründlich untersucht.

Die Archäologin und Bäderexpertin Andrea Schaer leitet die Bauforschung in den Bädern im Auftrag des Kantons. Schaer zeigt bei einem Augenschein im «Ochsen», wie sich hier derzeit Tag für Tag neue Einblicke in die Bädergeschichte eröffnen. Die Bauforschung ist ein laufender Prozess, der Hand in Hand mit den Bauarbeiten vorangeht. Im Widerschein der Baustellenstrahler erklärt Schaer: «Wir wollen mit unserer Arbeit herausfinden, wie der Ochsen über die Zeiten gewachsen ist.»

Das Badgasthaus «zum Roten Ochsen» wurde um 1500 erstmals schriftlich erwähnt – also rund ein halbes Jahrhundert, nachdem die Zürcher anno 1444 die Bäder brandschatzten. Das ältere Badehaus über der Paradiesquelle mit seinen Arkaden war vermutlich das in der Literatur beschriebene «Geschlossene Bad». Es ist bis heute im Keller des «Ochsen» erhalten.

Wiedererstanden nach dem Brand am Verenatag

Als am Verenatag, dem 1. September 1569 sowohl der «Ochsen» als auch der «Bären» bei einem Brand vollständig zerstört wurden, baute man beide Gasthäuser rasch wieder auf. Wie gross der Brandschaden im «Ochsen» war und wie die Neubauten aussahen, ist nach wie vor ein Rätsel. «Diese Fragen wollen wir klären», sagt Andrea Schaer. «Schliesslich soll das ganze Verenahofgeviert nach der Sanierung umfassend unter Denkmalschutz gestellt werden.»

Dazu benötige nicht zuletzt auch die Denkmalpflege diese Grundlagen. «Und es gibt ganz praktische Fragen: Wo war der Eingang zum alten Ochsen? Wann wurde aus den Vorgängerbauten ein neues Gasthaus? Was muss man zwingend erhalten, was ist weniger erhaltenswert?»

Interview Andrea Schaer

Interview mit Archäologin Andrea Schaer

Die Bauforschung geschieht in ständiger Absprache mit der Verenahof AG als Bauherrschaft, der Stiftung Gesundheitsförderung Bad Zurzach + Baden als Investorin, mit der kantonalen Denkmalpflege und dem Architekturbüro Villa Nova. Die Basler Architekten, die ein hohes Renommee bei historischen Umbauten geniessen, haben im nahen Haus zu den Drei Eidgenossen ein Planungsbüro eingerichtet. Das ermöglicht einen engen Austausch mit sehr kurzen Wegen.

«Bei unserer Arbeit zerstören wir die Bausubstanz immer auch ein Stück weit, um zu neuer Erkenntnis zu kommen», sagt Schaer. Was sicher erhalten bleibe, sind die Säulen und Arkadenbögen aus Muschelkalk, Tuff und Sandstein im Badehaus über der Paradiesquelle. «Vieles ist auf den zweiten Blick nicht das, was man auf den ersten Blick denkt.» Manches hier wurde erst in den 1920-Jahren eingebaut, nachdem der legendäre Hotelier Franz Xaver Markwalder den «Ochsen» übernahm.

Rosa Mörtel und schwarze Brandspuren

Anderes im selben Raum stammt aus dem römischen Aquae Helveticae und ist damit rund 2000 Jahre alt. Das sieht man sehr schön am Beispiel einer im Januar freigelegten Mauer. Hier sieht man in ein und derselben Wand den ursprünglichen Untergrund aus Nagelfluh und Sandstein, darüber mit rosa Terrazzomörtel verfugtes römisches Mauerwerk, mittelalterliche Steinmauern mit Brandspuren von 1569 und darüber neueres Mauerwerk und Tonplatten aus dem 18. Jahrhundert.

Das alles war verputzt mit Zement und Keramikplatten aus dem 20. Jahrhudert. «Hier sieht man 2000 Jahre Bau- und Bädergeschichte auf einen Blick», sagt Andrea Schaer. Das Beispiel zeigt, wie die Badener Bäder über die Jahrhunderte immer wieder aufs Neue um- und ausgebaut wurden. Die Gastwirte kannten dabei vor allem eine Richtung: Nach unten, dem kostbaren Thermalwasser nach.

«Es gibt hier kaum eine Ecke, wo nicht etwas völlig Unerwartetes hervorkommt. Vieles ist hier nicht logisch in der Baugeschichte. Oft baute man nur kosmetisch, wenn die Bäder über den Winter geschlossen waren und renoviert wurden.» 1967 wurde der «Ochsen» wie der «Verenahof» unter Denkmalschutz gestellt – allerdings nur der spätgotische Kernbau. Bis 2004 wurde in den Badezellen noch gebadet. Seither stand das Hotel leer.

Alle Geheimnisse wird das Haus nie preisgeben

Die extreme Dichte aus Römerzeit, Mittelalter und Neuzeit fasziniert Laien ebenso wie die Fachleute. Derzeit dreht das Schweizer Fernsehen eine Reportage über die Arbeit der Archäologen und die Geschichte der Badener Bäder. Die Sendung wird im April im Wissensmagazin «Einstein» ausgestrahlt.

Auch für Nachwuchsforschende ist die Badener Bädergeschichte aufschlussreich: Im März wird Andrea Schaer mit einer Studentengruppe der Uni Basel hier eine Übung in Bauforschung durchführen. «Wir tasten uns Raum für Raum voran», sagt Schaer. «Alle Geheimnisse werden wir aber nie lüften können, die uns dieses Gebäude stellt.»

Historische Bilder des Badener Bäderquartiers

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