Die blinde Violinistin Shaimaa spielt seit 22 Jahren im ägyptischen Orchester Al Nour Wal Amal mit. «Wenn ich Geige spiele, fühle ich mich wie ein Vogel, der fliegt», sagt die 30-jährige Musikerin mit Englisch- und Literaturstudium. Auch ihre 31 anderen Kolleginnen, mit denen sie letzte Woche auf Einladung der Familie Twerenbold von Kairo in die Schweiz geflogen ist, leben ohne Augenlicht.

Neujahrskonzert mit dem Blindenorchester Al Nour Wal Amal aus Ägypten

Neujahrskonzert mit dem Blindenorchester Al Nour Wal Amal aus Ägypten

Eine so spezielle Formation auf der Bühne der Trafo-Halle zu erleben, ist berührend und gleichsam erstaunlich. Schwungvoll und akzentuiert kommt das Spiel des Kammerorchesters daher. Jeder Einsatz sitzt auf die Sekunde genau. Basma gibt sich ganz der Musik hin und lächelt unentwegt, während sie mit dem Bogen über die Geigensaiten streicht. Der musikalische Leiter Ali Osman muss Aida vors Mikrofon führen, bevor sie ihr virtuoses Querflötensolo hell und silbern erklingen lässt.

Zweimal schnippen genügt

Wie schafft er es, dass die Instrumentalistinnen ohne Sehvermögen alle den Rhythmus behalten, wo sie doch keinen Taktstock sehen können? «Ich schnippe anfangs zweimal mit den Fingern, dann geht alles von allein», erklärt Osman. Jedes Mitglied von «Al Nour Wal Amal» macht Musik von Kindesbeinen an und wurde von der gleichnamigen Stiftung intensiv gefördert.

Das grosse Repertoire von Brahms, Verdi, Strauss über ägyptische, indische und griechische Komponisten lernen die Frauen mit Braille-Notenschrift und üben so lange, bis sie Ton für Ton auswendig können.

Karim Twerenbold, Geschäftsleiter der Twerenbold Gruppe, fühlt eine tiefe Verbindung zur ägyptischen Kultur, weil seine Mutter Nazly von dort stammt. Und die hatte in der Trafo-Halle Tränen in den Augen. «Ich bin so stolz, dass es in meinem Heimatland etwas derartig Schönes gibt», sagte sie gerührt. Ihr Mann, VR-Präsident Werner Twerenbold, machte im Vorfeld zum Konzert einen kleinen Exkurs in die 120-jährige Geschichte des Grossbetriebs, zu dem heute 65 Reisebusse, fünf Flussfahrtschiffe und verschiedene Reiseveranstalter gehören. Kaum zu glauben, dass alles einmal mit sechs Pferden und einer Kutsche angefangen hatte.

Licht und Hoffnung verbreiten

«Die Stiftung Al Nour Wal Amal setzt sich seit 1954 dafür ein, dass blinde Mädchen Zugang zu Bildung haben. Sie zu unterstützen, ist für uns eine Herzenssache», sagte er einleitend zum Konzert. Flug und Aufenthalt des Orchesters in der Schweiz hat die Familie Twerenbold bezahlt und mit den drei Konzerten in der Trafo-Halle nicht nur den Kunden, sondern auch sich selbst ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk gemacht.

An einem Charity-Diner kamen zudem nochmals 10 000 Franken zugunsten der Stiftung zusammen. «Al Nour Wal Amal» bedeutet auf Deutsch übrigens «Licht und Hoffnung». Beides haben Künstlerinnen, die trotz ihres Handicaps so wunderschöne Musik machen, beim Badener Publikum verbreitet.