Gemeindeversammlung

35 Millionen Schulden lasten auf Neuenhof – der Verkauf dieser Villa soll das Problem entschärfen

Die Gemeinde Neuenhof will mit dem Verkauf von zwei Webermühle-Parzellen ihre hohen Schulden markant senken. Die Gemeindeversammlung von heute Montag fällt dabei einen Grundsatzentscheid.

Neuenhof mit seinen 8900 Einwohnern ist schwer verschuldet: 35,2 Millionen lasten auf der Gemeinde. Das sind rund 4000 Franken pro Einwohner. Doch nun bietet sich am Finanzhorizont die Chance, die Ausstände auf einen Schlag um einen stattlichen Betrag zu reduzieren.

Der Plan des Gemeinderats: Er will die sanierungsbedürftige Villa Ermitage im Aussenquartier Webermühle samt zweier Parzellen von 6868 Quadratmetern Fläche verkaufen. «Wir hoffen, dass wir damit Schulden abbauen können», sagt Gemeindeammann Martin Uebelhart.

Die Villa Ermitage befindet sich an der Zürcherstrasse zwischen Autobahn A1 und Badener Schulhausplatz.

Die Gemeindeversammlung von heute Montag entscheidet über einen Grundsatzentscheid. Dieser würde es möglich machen, dass der Gemeinderat den Verkauf selbst besiegeln kann, ohne nochmals die Gmeind darüber abstimmen zu lassen. Er wäre aber an mehrere Bedingungen geknüpft. Erstens müsste die Finanzkommission dem Geschäft zustimmen.

Zweitens müsste der Mindestverkaufspreis für die zwei Parzellen samt Villa Ermitage rund 7,55 Millionen betragen. Die Villa steht unter Substanzschutz, kann also nur innen umgebaut werden. Stimmt der Kanton zu, diesen zu entfernen, steigt der Preis auf rund 7,9 Millionen Franken. Können die zwei Parzellen im Verbund mit mindestens einer weiteren von zwei Nachbarparzellen veräussert werden, ist ein Mindestpreis von 8,24 Millionen Franken vorgeschrieben.

Was ist der Vorteil von diesem Vorgehen mit dem Grundsatzentscheid? Martin Uebelhart erklärt das unkonventionelle Vorgehen:

Das wäre auch im Sinn eines möglichen Käufers. Das Vorgehen sei mit dem Kanton abgesprochen worden. Die Schulden pro Einwohner könnten mit einem Verkaufserlös auf rund 3000 Franken gesenkt werden.

Uebelhart unterstreicht aber, dass es sich bei den festgelegten Beträgen um Minimalpreise handelt. «Wir hatten bereits Kontakt mit mehreren möglichen Investoren. Der Minimalpreis ist nicht unrealistisch. Das heisst aber nicht, dass wir damit zufrieden sind», sagt er.

Neue Lösung für Jugendraum

Die Bau- und Nutzungsordnung lässt es nicht nur zu, dass ein Investor auf den Parzellen mehrere Hochhäuser erstellen könnte. Sie sieht eine «Nachverdichtung» explizit vor. Vier Hochhäuser mit bis zu zwölf Stockwerken befinden sich bereits jetzt in der Webermühle. «Wie hoch diese Häuser gebaut werden dürfen, müsste in einem Gestaltungsplan festgelegt werden», sagt Uebelhart.

Im Nebengebäude der Villa befindet sich ein Jugendraum. Dieser soll hier demnächst schliessen. «Wir hatten schon lange die Absicht, den Jugendraum ins Zentrum zu verlegen. Dort könne die Gemeinde mehr Jugendliche ansprechen. Jetzt haben wir eine Lösung in der Schulanlage gefunden», erklärt Martin Uebelhart. Das Budget enthält dafür einen Kredit von 300’000 Franken.

Der Konkurs eines Spinnerei-Unternehmers

Die Villa Ermitage wurde 1901 vom Industriellen Henry Zweifel-Wild erbaut. Er war der Schwiegersohn von Johann Wild, der hier an der Limmat, auch auf Wettinger Seite, Spinnereien erstellte. Für Zweifels Sohn Harry und dessen Familie wurde die Jugendstil-Villa zehn Jahre später um zwei Drittel erweitert. Dieser übernahm 1910 die Leitung des Unternehmens – und damit begann dessen Niedergang. Er war, wie sich im Buch «Neuenhof – ein Dorf und seine Geschichte» nachlesen lässt, «im Geldausgeben sehr freigebig». Er unterstützte Vereine und half, Not zu lindern. 1909 wurde er mit einem Glanzresultat in den Grossen Rat gewählt.

Doch Zweifel, der sich von einem Chauffeur in einem Automobil chauffieren liess und dafür eine feudale Garage erstellte, verschuldete sich stark. Ende 1911 ging seine Firma Konkurs. Er setzte sich ins Ausland ab. Später wurde er in Montreal in einem Hotel gesichtet, wo er als Chef de Réception tätig war. Die Fabriken gingen in ein neues Unternehmen über, dessen Direktoren noch lange in der Villa Ermitage wohnten.

Meistgesehen

Artboard 1