Baden
40 Jahre «la Franca» - ein Phänomen

Das Badener Restaurant Kreuzliberg ist eine feste Konstante im Gastroleben, ja eine Institution. Mittendrin steht Franca. Sie ist die Seele, das Herz der Gaststube mit den schlichten Holzstühlen und den dicken karierten Tischtüchern - seit 40 Jahre.

Rosmarie Mehlin
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Ein glückliches Strahlen auf Francas Gesicht – so, wie man sie meistens trifft.

Ein glückliches Strahlen auf Francas Gesicht – so, wie man sie meistens trifft.

Rosmarie Mehlin

Als Menü 1 werden Pasta, Insalata mista und Bistecca serviert. Beim Menü 2 gibts Minestrone, Salat und wechselndes Fleisch. Daran hat sich seit weit über 30 Jahren nichts geändert: Das Badener Restaurant Kreuzliberg ist eine feste Konstante im immer schnelleren Auf und Ab des Alltags und ganz besonders auch der Beizenlandschaft. Trotzdem heisst es kaum «chumm, mer göhn in Chrüzlibärg», aber umso mehr «mer göhn zur Franca».

Franca – sie ist die Seele, das Herz der Gaststube mit den schlichten Holzstühlen, den dicken karierten Tischtüchern, dem üppigen Mix von Grünpflanzen und Schnittblumen, dem mit Weinflaschen überstellten Buffet. «Ciao cara», tönt es, wenn man hereinkommt und sie mit einer dieser herrlich nostalgischen weissen Suppenterrinen mit Löwenköpfen in der einen und drei Tellern in der anderen Hand auf einen Tisch zusteuert. Seit 40 Jahren – Mittag für Mittag, Abend für Abend. Ausser montags, da ist Ruhetag. Da geht Franca zum Coiffeur, lässt sich die Haare rot färben und rassig schneiden. Nie sieht man Franca ohne Make-up, ohne rot gefärbte Lippen, lackierte Fingernägel – seit 40 Jahren. Nie vergisst Franca den Namen eines Gastes, es sei denn, er kommt zum ersten Mal ins «Kreuzliberg». Aber das ist sehr selten der Fall. Meistens war schon der Grossvater Stammgast bei Franca, dann der Papa und jetzt sind es die Jungen.

Sieben Lektionen Deutsch

Franca ist nicht die Padrona. Das war die im letzten Jahr verstorbene legendäre Maria-Rosa Giacomelli und heute ist es deren Neffe Annibale, der das Lokal ganz im Sinne seiner Tante weiterführt: «Pulita e con la cucina semplice di una volta», strahlt Franca und fügt an: «Das alles hier ist meine Familie.»

Franca Donelli – ihren Nachnamen kennt kaum jemand – wurde in Reggio Emilia geboren. Als der «papà, muratore von Beruf», mit 27 Jahren an einer Lungenentzündung starb, ging die Mutter mit dem Kind in ihre Heimat La Spezia zurück. Da war Franca noch keine zwei Jahre alt. «Mamma, eine grossartige Frau, hat wieder als Weberin gearbeitet und nie mehr geheiratet – wegen mir.» Nach der Schule hatte Franca zunächst in einem Kloster als Stickerin gearbeitet, später drei Jahre bei einer Schneiderin. «Als ich nach einer bitteren Liebesenttäuschung am Boden zerstört war, haben mich Nachbarn überredet, mit ihnen in die Schweiz zu kommen.»

Nach sieben Deutschlektionen bei der Missione cattolica hatte die 23-jährige Franca beim Café Burger an der Hirschligasse in Baden im Service angefangen. Danach hatte sie als Zimmermädchen ins Hotel Blume gewechselt, sich in einen österreichischen Bademeister verliebt und 1964 Tochter Carolina geboren. «Er war ein Weiberheld, von dem ich keinerlei Alimente wollte, denn er sollte auch kein Anrecht auf das Kind haben. Ich hatte ja meine Mamma. Sie kam in die Schweiz und kümmerte sich um Carolina.»

Verliebt in Baden

Als das Heimweh Franca eines Tages südwärts trieb, war sie im Bahnhofbüffet Chiasso hängen geblieben, doch nach einem Jahr zurückgekehrt. «Sono innamorata di Baden – tanto, tanto.» Acht Jahre lang hatte Franca im Restaurant Grenzstein serviert, als Silvana, die Kellnerin vom «Kreuzliberg», heiratete. Am
1. November 1971 trat Franca deren Nachfolge an.

Mit ihrem Fleiss, ihrer Energie, aber ganz besonders auch mit ihrem grossen Herzen hegt und pflegt sie die «Chrüzliberg»-Gäste temperamentvoll und fröhlich. Nur manchmal, da hat Franca auch Tränen in den Augen, fällt ihr das Reden schwer. Etwa, wenn sie von den Sorgen um ihre psychisch äusserst labile Tochter erzählte, als 1998 die geliebte Mamma 91-jährig starb, vor vier Jahren Tochter Carolina und letztes Jahr dann Signora Giacomelli.

Doch da ist ja noch die 13-jährige Enkelin, die im Berner Oberland, umgeben von Tieren, bei einer Pflegefamilie lebt: Chiara. Allein der Name zaubert ein glückliches Strahlen auf Francas Gesicht. Auf ein Gesicht, das kein Alter kennt und das zu einer Frau gehört, die wie kaum eine zweite ein Stück Baden verkörpert – liebenswert, lebensfroh, lohnenswert.