Baden
660 farbige Fenster widersetzen sich dem grauen November

An der Vernissage zur «Kunst am Bau» gab sich auch Künstler Ugo Rondinone die Ehre. Er hat für das neue Trafo 660 bunte Fenster kreiert.

Martin Rupf
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Mit ihren 660 farbigen Fenstern erhält die ehemalige Industriehalle 37 fast schon einen sakralen Charakter. Alex Spichale

Mit ihren 660 farbigen Fenstern erhält die ehemalige Industriehalle 37 fast schon einen sakralen Charakter. Alex Spichale

Kurz vor der offiziellen Vernissage am Montagnachmittag betritt Künstler Ugo Rondinone die neu gestaltete Halle 37. Sichtlich stolz schweift sein Blick durch die Halle und bleibt an der prägnanten farbigen Glaswand hängen. «Ich bin sehr zufrieden mit dem Resultat», so sein knapper Kommentar.

Das Werk «die vier Jahreszeiten» des Schweizer Künstlers – er und sein Team arbeiten von New York aus – lässt sich wahrlich sehen. 660 bunte Fenster bilden gegenüber dem neu eröffneten Trafo-Hotel eine farbige Wand. Auch wenn von menschlichem Auge kaum feststellbar: Kein Fenster hat genau die gleiche Farbe. Möglich ist das, weil die Fenster nicht eingefärbt sind, sondern zwischen den Dreifach-Scheiben Folien geklebt sind, die der Künstler zu 660 verschiedenen Farben kombiniert hat. Was, wenn ein einzelnes Fenster einmal in Brüche gehen sollte? «Erstens muss es den Vogel erst einmal geben, der das Dreifach-Fenster in Brüche bringen kann», so Rondinone. Sollte aber tatsächlich einmal ein Fenster kaputt gehen, dann würde es durch ein Fenster derselben Farbe ersetzt. «Das ist ein Gesamtkunstwerk, dessen Anordnung eingehalten werden muss.»

«Freiwillige» Kunst am Bau

Dass das neue Business- und Kongresszentrum künftig einen Farbtupfer im Gebiet Baden Nord bilden wird, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn anders als bei öffentlichen Bauten ist bei privaten Vorhaben das Einplanen von Kunst am Bau nicht Pflicht. Die Investoren Werner Eglin und Dres Kern waren sich aber schnell einig, dass bei der denkmalgeschützten Halle, die ab heute als eine Art gedeckter Stadtplatz der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen soll, Kunst Platz haben muss.

In ihrer Ansprache würdigte Sabine Altorfer, Leiterin Kultur bei der «Nordwestschweiz» und beim «az Badener Tagblatt», Rondinones Werk mit den Worten: «Kunst am Bau nennen wir Arbeiten von Künstlern an fertigen Gebäuden normalerweise. Das klingt neutraler und gehorcht gängiger politischer Korrektheit.» Nicht immer entspreche es aber der Wahrheit. Denn manchmal sei die damit gemeinte Kunst ein Ding für sich. «Es ist ein Kunstwerk, ein gutes – vielleicht und hoffentlich –, aber es könnte auch an irgendeinem anderen Ort platziert werden.» Es sei also oft viel eher Kunst im oder neben dem Bau. Altorfer: «Ugo Rondinone aber hat hier mit der farbigen Gestaltung der Fenster in den Bau eingegriffen.» Er habe «am» und «für» den Bau gearbeitet – für seine Wirkung und für seinen Auftritt.

«Vier Jahreszeiten» habe der Künstler Ugo Rondinone als Titel über seine Arbeit gesetzt. «Jetzt im November sind wir in der düsteren, der tristen und farblosen Jahreszeit. Die 660 bunten Gläser widersetzen sich dem Grau und dem Nebel. Aufmunternd und warm, fröhlich und heiter leuchten sie. Strom und Transformatoren brauchen sie keine, um die Atmosphäre zu wärmen und unser Wohlbefinden zu steigern», so Altorfer.

Und die Projektverantwortliche Simone Müller fasste treffend zusammen: «Die farbigen Fenster stiften gleichzeitig Identität, nehmen sich aber auch zurück, indem sie integrativer Bestandteil der neu gestalteten Halle sind.»