Remetscheil / Klingnau
70 Kilometer mit dem Surfbrett in die Freiheit

Vor 25 Jahren sind Karsten Klünder und Dirk Deckert aus der DDR geflüchtet. Dabei überwanden sie die 70 Kilometer offene See von der Insel Hiddensee bis Dänemark mit selbst gebauten Surfbrettern und selbst zusammengenähten Segeln.

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Unzählige Fluchten aus der DDR wurden gewagt. Einige mit glücklichem Ausgang, einige mit tragischem Ende. Eine der spektakulärsten Fluchten gelang Karsten Klünder aus Altlandsberg und Dirk Deckert aus Lichterfelde.

Heute lebt Karsten Klünder in Remetschwil im Südschwarzwald und arbeitet als Techniker beim Sitzmöbelhersteller de Sede in Klingnau. Dirk Deckert hat sich in Bad Säckingen niedergelassen und arbeitet in einer Kunststoff verarbeitenden Firma in Windisch. Am 25. November 2011 jährt sich die 70-Kilometer-Flucht von Karsten Klünder und Dirk Deckert zum 25. Mal.

Wut nährt Fluchtgedanke

Karsten Klünder ist es wichtig, auch bei der dreissigsten Schilderung der spektakulären Flucht die Umstände zu erklären, die ihn veranlasst haben, sein Leben aufs Spiel zu setzen: «Von meinen Eltern bin ich auf ein freiheitliches Leben mit vielen Freizeittätigkeiten am und auf dem Wasser getrimmt worden. Segeln war die Leidenschaft der ganzen Familie. Von daher war mir das Bodden-Gewässer vor der Insel Rügen und seine Überwachungseinrichtungen bestens bekannt.» Eines Tages, erzählt Klünder, habe er den Entschluss gefasst, zu flüchten. «Ich war der Meinung, dass man sich nicht alles gefallen lassen darf und dass man für ein selbst bestimmtes Leben etwas tun muss.»

Mit dieser Haltung stand Karsten Klünder nicht alleine da, wie sich bald herausstellen sollte. Im Laufe der Zeit stauten sich beim jungen Mann so viel Unzufriedenheit und Wut über die Machenschaften des DDR-Regimes an, dass er sich ernsthaft Gedanken über eine Flucht machte. Diese konkretisierten sich, als er seinen ungefähr gleichaltrigen Wassersportkollegen Dirk Deckert dazu bewegen konnte, gemeinsam ein Segelboot zu bauen. «In dem Moment, als Dirk sagte, er wisse nicht, wie lange er noch in diesem Land bleiben wolle, stand für mich fest, dass wir versuchen sollten, gemeinsam zu flüchten, erinnert sich Klünder. «Von da an waren wir Partner, ohne dass wir es offen aussprechen mussten.»

Segel aus Bauplanen

Pläne mit Motorbooten und Heissluftballonen wurden verworfen, weil Klünder und Deckert das Risiko zu gross erschien. Der Entschluss, die Flucht mit Surfbrettern zu versuchen, war schnell gefasst. «Ich war damals - und bin es zum Teil heute noch - ein wilder Kerl. Ängste kannte ich genauso wenig wie mein Freund Dirk. Ich hatte damals nur die Befürchtung, geschnappt zu werden.»

Nun standen sie vor dem Problem, an geeignetes Material heran zu kommen. Surfbretter konnten in der DDR gekauft werden, waren aber viel zu schwer und für hohen Wellengang und lange Strecken ungeeignet. Also besorgten sie sich von Freunden und Bekannten die notwendigen Materialien und bauten nach Vorlagen des westdeutschen Surf-Magazins zwei Bretter, die sich für die Flucht eigneten. Hochsprungstangen mussten als Masten herhalten und eine glückliche Fügung wollte es, dass Klünders Bruder Segelmacher war. Er kümmerte sich um die Herstellung der beiden Segel aus Bauplanen. Neoprenanzüge und Surfschuhe besorgten sie sich in Tschechien; Kompass, Handschuhe und Kopfhauben wurden selbst zusammen geschnipselt.

Missglückter Start

Klünder und Deckert planten die riskante Fahrt über die Ostsee für Mai 1987, doch der Einberufungsbefehl für Dirk Deckert bewog sie, sofort zu handeln. Am 24. November 1986 surften sie als normale Osturlauber von Rügen zur Insel Hiddensee und warteten in der Dunkelheit auf ausreichend Wind. Um 4 Uhr früh krochen sie aus dem Unterholz und machten sich sofort daran, die Bretter in Fahrt zu bringen. Karsten gelang der Start auf Anhieb, Dirk zerriss bei einem missglückten Wasserstart den Trockenanzug am Mastfuss und musste an Land zurückkehren. Die 6 Grad kalte Ostsee mit defektem Surfanzug zu überqueren, hätte den sicheren Tod bedeutet. Karsten surfte allein durch die Dunkelheit, ohne etwas vom Missgeschick seines Freundes zu wissen. Vor der Flucht hatten sie ausgemacht, dass jeder einzeln sein Glück versuchen sollte, würden sie sich in der Dunkelheit aus den Augen verlieren.

Nach vier Stunden surfen bei Windstärke 6 bis 7 erreichte Karsten Klünder - von den DDR-Seepatrouillen unbemerkt - die dänische Küste bei Mön. Schon auf dem Brett hatte er sich Sorgen um seinen Freund gemacht. Nach der glücklichen Ankunft in Mön verstärkten sich die Sorgen weiter, weil von seinem Freund und Fluchtgefährten weit und breit kein Zeichen zu entdecken war. Dirk hatte nach dem Zwischenfall Fahrradflickzeug besorgt, dichtete seinen Anzug ab und besorgte sich einen neuen Kompass, da der erste beim missglückten Startversuch verloren gegangen war. In der folgenden Nacht unternahm er den zweiten Fluchtversuch. Am frühen Morgen des 26. November 1986 zogen dänische Fischer einen völlig erschöpften, aber überglücklichen Dirk Deckert aus dem kalten Wasser der Ostsee. Den beiden jungen Ostdeutschen war eine der spektakulärsten Republikfluchten gelungen. «Mann, waren wir stolz, den Parteibonzen ein Schnippchen geschlagen zu haben», sagt Karsten Klünder und das Funkeln in seinen Augen verrät, dass er auch heute noch unendlich stolz darauf ist, sich selbst und allen anderen bewiesen zu haben, «dass ein Karsten Klünder nicht eingesperrt werden kann.» Die Flucht von Dirk Deckert und Karsten Klünder wurde später mehrfach dokumentarisch verfilmt.

Von Dänemark nach Klingnau

Nach der geglückten Flucht begann das Leben im Westen. Im Surf-Magazin, aus dem sie sich die Informationen für den Bau der Surfbretter geholt hatten, gaben sie ein Stelleninserat auf und erhielten auch Angebote aus der Surfindustrie, «aber immer nur für einen», erzählt Karsten Klünder. Bis ein Angebot der Kunststofffirma Rotho AG in Göhrwil im Südschwarzwald eintraf - diesmal für beide. Rund zwei Jahre arbeiteten sie in der Versuchswerkstatt für GFK-Verfahren - bis diese aufgelöst wurde. Auf Stellensuche sagte er sich eines Tages: «Versuchs doch mal in der Schweiz. Die bezahlen gute Löhne.» Nur kurze Zeit später erhielt er eine Stelle bei der Möbelfirma Zumsteg in Full als Schlosser für den Prototypenbau und Einzelanfertigungen. Damit verbunden war auch der ständige Kontakt zum Klingnauer Sitzmöbelhersteller de Sede, der ihn nach dem Verkauf der Zumsteg AG in der Werkstatt für Prototypen beschäftigte. Karsten Klünder arbeitet seit 10 Jahren in Klingnau - und fühlt sich pudelwohl. «Ich bin sowohl an meinem Arbeitsort als auch in meinem Wohnort Remetschwil voll akzeptiert.» Dem «menschenfressenden System», wie der Westen von der DDR-Führung stets dargestellt wurde, ist Karsten Klünder nicht begegnet. Den Wechsel der Systeme hat er nur positiv erlebt: «Negativerfahrungen habe ich keine gemacht, ausser vielleicht, dass alle Ostbürger nach dem Mauerfall über den gleichen Kamm geschert und als Faulpelze und Schmarotzer beschimpft wurden - und fallweise immer noch beschimpft werden.».

Den Kontakt zu seiner Heimat hat Karsten Klünder nie ganz verloren. Seit dem Fall der Mauer Anfang November 1989 besucht er seine Heimatstadt Altlandsberg bei Berlin regelmässig, trifft Verwandte und Bekannte und geht an der Ostsee surfen - mit modernem Material und ohne Fluchtgedanken. Nur aus Freude am Wassersport, so wie es ihm seine Eltern vorgelebt und vermittelt haben.

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